Es ist die Nacht, als ein 34-jähriger Mann vor und in der Disco mit einem Sturmgewehr schießt und einen 50-jährigen Türsteher tötet, ehe er durch Schüsse der Polizei selbst tödlich verletzt wird. Zwei weitere Security-Mitarbeiter, zwei Gäste und ein Polizist werden durch die Tat schwer verletzt, mehrere Menschen erleiden leichte Verletzungen oder einen Schock. 

Angefangen hatte alles mit einem bereits länger währenden Streit zwischen dem Täter und dessen Schwager, der in der Bluttat am 30. Juli 2017 um 4.30 Uhr endete.

Der Polizeieinsatz

Pressekonferenz zur Schießerei in der Konstanzer Disco Grey am 30. Juli 2017
Durchschuss am Heck eines Polizeiwagens. | Bild: Oliver Hanser

Dem Täter, der schwer verletzt am Boden lag, wurde das Smartphone unbemerkt gestohlen. Wie konnte das passieren? Die Polizei erklärt: „Weil sich mehrere Personen sogleich zu dem am Boden liegenden Täter begaben.“ Sie hatten sich demnach „hinter Autos versteckt und mögliche Gefahrenaspekte außer Acht gelassen“. So jedenfalls lautet die gemeinsame Antwort der Polizei und der Staatsanwaltschaft Konstanz.

Polizeibeamte seien deshalb nicht schneller als diese Personen beim getroffenen Täter gewesen, weil sie sich auch einem scheinbar getroffenen Bewaffneten „aus Eigensicherungsgründen sehr vorsichtig nähern“, so die Erklärung weiter. Der Diebstahl sei „erst später bemerkt“, das gestohlene Smartphone schließlich bei einer Person sichergestellt worden. Die Strafe für den 21-Jährigen: 500 Euro. Erste Hilfe hat er laut eigenen Angaben nicht geleistet.

TOPSHOT – Policemen stand in front of the Grey nightclub in Konstanz (Constance), southern Germany, where a gunman opened fire, killing one and wounding four people before being shot by police, on July 30, 2017. German police said they did not believe that the shooting was a terror attack. / AFP PHOTO / THOMAS KIENZLE
Der Schutzhelm des beim Einsatz verletzten Polizisten wurde bei der Pressekonferenz gezeigt: Auf der rechten Seite hat das Projektil den Helm durchschlagen. Die Verletzung ist schwer, aber nicht lebensbedrohlich. | Bild: Thomas Kienzle (AFP)

In Konstanz ging außerdem die Geschichte um, dass ein Polizist in Ausbildung auf den Täter geschossen habe. Nein, sagt die Polizei. Sie will mit den Gerüchten aufräumen, ein Polizeianwärter habe die beiden Schüsse auf den Täter abgegeben. Dieser sei lediglich „im Rahmen des Einsatzes in der fraglichen Phase des Schusswechsels“ im Einsatz und „gemäß den Vorschriften bewaffnet“ gewesen. Geschossen habe der junge Mann jedoch nicht.

Der Türsteher

Hunderte Menschen nahmen Anteil am gewaltsamen Tod des 50-jährigen Sicherheitsmannes und Familienvaters.
Hunderte Menschen nahmen Anteil am gewaltsamen Tod des 50-jährigen Sicherheitsmannes und Familienvaters. | Bild: Christoph Schmidt (dpa)

Der 50-jährige türkischstämmige Mann, der für die Security des Grey arbeitete, hinterließ eine Frau und zwei Söhne. Er war unter Kollegen beliebt und stadtbekannt. Bevor er in Konstanz arbeitete, war er auch Türsteher in der Schweiz. An seiner Beisetzung auf dem Hauptfriedhof Konstanz wenige Tage nach der Tat nahmen rund 800 Personen teil, etliche von ihnen trugen sein Bild als Zeichen der Erinnerung am Revers. Die Polizei begleitete die Trauerzeremonie im Hintergrund.

In den Tagen nach dem Tod des 50-Jährigen wurden mehrere Aktionen zur Unterstützung für seine Familie gestartet. Die Mitarbeiter eines Friseursalons in Petershausen spendeten zudem ihre Einnahmen eines Tages. Auch die Disco selbst spendete die Eintrittsgelder der Eröffnung. Nach SÜDKURIER-Informationen dauerte es jedoch, bis das Geld auch bei der Familie des Opfers ankam. 

Der Täter

Der Täter mit irakischen Wurzeln wuchs in Konstanz auf, absolvierte zum damaligen Zeitpunkt eine Ausbildung zum Bademeister und hinterließ Frau und drei Kinder. Er soll sich in einem Streit mit seinem Schwager befunden haben, dem damaligen Betriebsleiter der Disco. Die Polizei machte diesen Familienstreit als Motiv für die Tat aus. Die toxikologische Untersuchung des Mannes ergab später einen Blutalkoholwert von knapp 1,6 Promille. Laut Staatsanwaltschaft stand er zudem "deutlich unter Einfluss von Kokain und THC sowie sedierend wirkender Medikamente".

Zweimal kurz hintereinander habe ein Polizist auf ihn geschossen. Welcher der beiden Treffer tödlich war, „konnte nicht abschließend geklärt werden“, so die Staatsanwaltschaft und die Polizei. Sie kommen zur Einschätzung: „Der finale Rettungsschuss war nach den Voraussetzungen des Polizeigesetzes rechtmäßig und aufgrund der Gesamtsituation geboten, um den Täter handlungsunfähig zu machen und um weitere Opfer zu verhindern.“

Ferner habe der schießende Beamte aus Notwehr gehandelt, „da der Täter die Waffe trotz Aufforderung nicht abgelegt hat“. Von einer Gefahr musste ausgegangen werden, da der 34-Jährige auch in der Disco „zumindest mit bedingtem Tötungsvorsatz“ geschossen habe. Zwei Projektile wurden später in der Decke im Innern des Grey gefunden.

Via Facebook entschuldigte sich ein Bruder des 34-Jährigen bei der Opfer-Familie. "Wir wissen nicht, warum mein Bruder diese Tat begangen hat. Wir (...) möchten uns entschuldigen!", schrieb er damals unter anderem im sozialen Netzwerk.

Die Waffe des Täters

Diese M16 zeigte die Polizei bei ihrer Pressekonferenz. Es handelt sich dabei nicht um die echte Tatwaffe.
Diese M16 zeigte die Polizei bei ihrer Pressekonferenz. Es handelt sich dabei nicht um die echte Tatwaffe. | Bild: Oliver Hanser

Der 34-jährige Täter hat ein Gewehr vom Typ M16 genutzt. Die halbautomatische Kriegswaffe wird seit mehr als 50 Jahren von US-Streitkräften und zahlreichen weiteren Nato-Mitgliedstaaten genutzt. Je nach Modell können bis zu 950 Schuss pro Minute abgegeben werden.

Im April 2018 wird bekannt: Der Grey-Täter hat das Gewehr vom Typ M16 von einem Österreicher aus Kreuzlingen gekauft. Wie die Staatsanwaltschaft Konstanz jetzt mitteilt, dauern die Ermittlungen der Thurgauer Kollegen noch an. In den kommenden zwei Monaten soll es zur Anklageerhebung gegen die an der Beschaffung der Kriegswaffe beteiligten Personen kommen.

Neben dem Österreicher aus Kreuzlingen handelt es sich dabei um einen 39-Jährigen Schweizer aus Weinfelden und einen 34-jährigen Deutschen mit Schweizer Wohnsitz. Ermittelt wird wegen der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Waffen, die Höchststrafe sieht bis zu fünf Jahre Haft vor.

Die Zeugen

Dutzende Schüsse hat der Täter abgegeben, Patronenhülsen wie diese finden sich nach der Tat in der Nähe der Disco.
Am Morgen danach: Eine junge Frau kauert auf der abgesperrten Straße vor dem Club. | Bild: Felix Kästle (dpa)

Die Nacht auf den 30. Juli 2017 wirkt bis heute nach – auf menschlicher und auf juristischer Ebene. Melissa Honig sagt: „Ich werde das nicht vergessen.“ Sie war Personalchefin im Grey. Später übernahm sie mehrere Monate die Betriebsleitung kommissarisch, nachdem der in dieser Funktion arbeitende Schwager des 34-jährigen Täters von der Geschäftsführung der Disco freigestellt worden war.

Um ihn rankten sich nach der Tat Gerüchte: Er sei wegen eines Streits mit dem Täter überhaupt erst dafür verantwortlich, dass es zur Bluttat kam, hieß es. Oder: Statt seinem bewaffneten Schwager entgegenzutreten, habe er sich feige in einem Büro verschanzt und seine Mitarbeiter vorgeschickt. „Das sind üble Geschichten, man hat ihm Unrecht getan und er hat darunter gelitten“, sagt Melissa Honig. „Er war sicher kein feiger Mensch und darüber hinaus ein guter Chef, klar in seinen Ansagen, aber immer fair“, betont sie.

Melissa Honig habe in den Minuten und Stunden nach den Schüssen „einfach nur funktioniert. Ich musste für einen Moment lang weinen, aber dann ging es darum, mich um die Besucher und Kollegen zu kümmern“. Mitarbeiter und mehrere Dutzend Gäste hatten sich in den Notausgangbereichen und Toiletten versteckt. „Es wusste niemand wirklich, was genau passierte, die Polizei betrat ja erst gegen 8 Uhr früh die Disco und vorher durfte niemand hinaus“, erinnert sie sich. Zu diesem Zeitpunkt war der 50-jährige Türsteher mehr als drei Stunden tot, seine Kollegen hatten ihn in den Hauptraum der Disco getragen.

Die ehemalige Grey-Personalchefin ist bis heute überzeugt, dass es nicht so weit hätte kommen müssen. „Wenn die Polizei da ist, warum tut sie dann nichts?“, fragt sie. Die Beamten haben sich, so ihr Vorwurf, in den Streifenwagen eingeschlossen, als der 34-Jährige schoss. Auch andere Augenzeugen warfen den Beamten später Untätigkeit vor, weil diese ihnen erklärten, auf Verstärkung warten zu müssen. Die Polizei wies diese Vorwürfe stets von sich, sie könnten nur von Personen kommen, „die von der Notwendigkeit eines taktisch abgestimmten Vorgehens in einer solchen Bedrohungslage keine Kenntnis hatten“.

Das Club-Personal

Bild: Thomas Kienzle (AFP)

Tief enttäuscht ist eine frühere Mitarbeiterin darüber, dass das Grey bereits am ersten Freitag nach der Tat wieder öffnete. „Wir sind davon ausgegangen, dass der Laden drei oder vier Wochen zu bleibt“, sagt sie. Aus Sorge um ihren Ausbildungsplatz bittet die junge Frau, ihren Namen bei Äußerungen über die Disco nicht zu veröffentlichen.

Statt Rücksicht auf die seelische Verfassung des Personals zu nehmen, sei es der Geschäftsführung vor allem um Geld gegangen. Sie erinnert sich an den Tag der Wiedereröffnung. Den Mitarbeitern sei es wichtig gewesen, zumindest ihres getöten 50-jährigen Kollegen zu gedenken und deshalb unter anderem bei der Auswahl der Musik Respekt walten zu lassen. „Man hat uns nur gesagt: ‚Übertreibt nicht, wir sind schließlich eine Disco.’“

Wie viele andere hat die junge Auszubildende das Grey verlassen, von den damaligen Mitarbeitern seien nur noch wenige dort. Auch Melissa Honig ist im Unfrieden gegangen und hat eine neue Arbeitsstelle gefunden. „Wir waren früher ein Team, fast wie eine Familie“, sagt sie. Davon sei nicht mehr viel übrig geblieben. Grey-Geschäftsführer Christian Sieve lässt eine schriftliche Anfrage des SÜDKURIER zur Aufarbeitung der Tatnacht unbeantwortet.

Die Folgen

Dutzende Schüsse hat der Täter abgegeben, Patronenhülsen wie diese finden sich nach der Tat in der Nähe der Disco.
Dutzende Schüsse hat der Täter abgegeben, Patronenhülsen wie diese finden sich nach der Tat in der Nähe der Disco. | Bild: Christoph Schmidt (dpa)

Selbst die Justiz beschäftigt die Nacht auf den 30. Juli bis heute. Auch dann, wenn es zunächst gar keinen direkten Zusammenhang zu geben scheint. Richterin Christine Kaiser ist überzeugt: „Wäre das Geschehen einen Monat zuvor nicht passiert, hätten wir heute wegen eines Beziehungsstreits verhandelt.“ Gerade hat sie den 21-jährigen Bruder des Grey-Schützen vor dem Amtsgericht Konstanz verurteilt.

Weil er seine Ex-Freundin bedroht und genötigt hat. Keine schweren Delikte, der 21-Jährige wird mit einer Geldstrafe im mittleren vierstelligen Bereich davon kommen. Vorgeworfen worden war ihm von der Staatsanwaltschaft aber auch: Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Straftat.

Er wollte nicht, dass seine Ex-Freundin weiter im Grey, Schauplatz der Tat seines Bruders, arbeitete. Im Streit mit ihr in der Disco soll er gesagt haben: „Ich knall’ hier alle ab“ oder ich „Ich mache dasselbe wie mein Bruder“. Worte, an die sich vor Gericht weder Zeugen noch Angeklagter erinnern können oder wollen und die laut Richterin Kaiser „so oder so ähnlich im Streit leider immer wieder gesagt werden“.

Dokumentiert sind sie dennoch, durch die Vernehmungen der Polizei. Sie wurde von einer Mitarbeiterin der Disco wegen des Streits gerufen und sorgte – in Rücksprache mit der Geschäftsführung – dafür, dass das Grey an jenem Abend geräumt wurde. Die wenigen Gäste erfuhren von den wahren Gründen nichts, ihnen wurde die Räumung mit technischen Problemen erklärt. „Die Tat vom 30. Juli war bei der Entscheidung im Hinterkopf“, erklärt ein Polizist im Zeugenstand. Sie wird nicht nur bei ihm im Hinterkopf bleiben.