Nach dem Zählen kommt das Rechnen: Die Bundestagswahl am Sonntag wirft auch ein Schlaglicht auf die politischen Verhältnisse in der Stadt und ihrer Quartiere. Auch dieses Mal gibt es einige markante Hochburgen für Parteien und Kandidaten. Für Diskussionen sorgt auch die Rekordbeteiligung an der Briefwahl, die eine Ursache dafür war, dass Konstanz das Ergebnis erst weit nach 22 Uhr, und damit zwei Stunden später als von vielen erwartet, an das Landratsamt melden konnte. Einige Erkenntnisse aus der Bundestagswahl vom Sonntag:

1. Die Grünen sind in allen Stadtteilen stärker als die SPD und in der Altstadt sogar auf Platz eins. In Konstanz haben sich die Grünen als zweitgrößte politische Kraft durch die Bundestagswahl weiter etabliert. Durch den hohen Anteil der Briefwähler sind die Ergebnisse auf Ebene der Stimmbezirke zwar nicht mehr uneingeschränkt aussagekräftig. Aber deutlich wird: Die SPD erringt nirgends die Nummer-zwei-Position. Dagegen verdrängen die Grünen die CDU in 14 von 65 Stimmbezirken von der Spitze. Bei den Zweitstimmen liegen sie in der Altstadt sowie in einigen Stadtgebieten, in denen auch sozial besser gestellte Familien leben (Teile von Petershausen, Egg), vor der CDU.

2. Wo die Grünen stark sind, ist die AfD schwach. Bei Betrachtung auf Stimmbezirks-Ebene zeichnet sich die Tendenz ab, dass in einigen Hochburgen der AfD (Familienzentrum Stockacker mit 17,5 Prozent, Haidelmoos-Schule II mit 13,8 Prozent) die Grünen besonders schwach abschneiden. Allerdings gibt es auch einige Quartiere, in denen sowohl AfD als auch Grüne überdurchschnittlich stark sind (etwa Regenbogenschule II). Deutlicher wird das Bild auf die Hochburgen der Grünen: Dort (vor allem in der Altstadt) hat die AfD ihre schwächsten Ergebnisse. Auf Stadtteil-Ebene ist dieser Wechselwirkungs-Effekt auch in den Ergebnissen für Paradies, in Egg und Allmannsdorf zu erkennen.

3. In den Bodanrück-Orten hat die CDU nach wie vor ihre Hochburgen. Die CDU bleibt in Konstanz die Partei der gut situierten Wohngegenden und der Vororte. Dafür spricht nicht nur die traditionell starke CDU-Wählerschaft im Stimmbezirk Rosenau sowie die Tatsache, dass die vier weiteren Stimmbezirke mit CDU-Rekord alle in Litzelstetten und Dettingen liegen. Auch bei den Stadtteil-Ergebnissen gibt es markante Abweichungen: Stärker als im Konstanzer Durchschnitt schneidet die CDU im Paradies, Petershausen-Ost, Allmannsdorf, Staad, Wollmatingen, Dettingen-Wallhausen, Litzelstetten und Dingelsdorf ab. Damit wiederholt sich, allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau, das Muster der Bundestagswahl 2013.

4. Ihren vierten Platz errang die FDP in der Fläche. Nach CDU, Grünen und SPD liegt die FDP in Konstanz auf Platz vier. In keinem Stadtteil gelingt es der Linkspartei, sich weiter nach vorne zu schieben – sehr wohl aber in einigen Stimmbezirken. Dabei stehen FDP und Linkspartei in einem Wechselverhältnis. Wo die Linken stark sind, ist die FDP eher schwach. Das trifft nicht nur auf den Stimmbezirk Treffpunkt Chérisy I zu (wo die Linkspartei seit jeher ihre Hochburg hat), sondern auch auf die Wahllokale Gemeinschaftsschule Gebhard, Kindergarten Dorothea von der Flüe und Sozialgericht II. In der Tendenz ist die FDP dort überdurchschnittlich stark, wo auch die CDU über ihrem Konstanzer Gesamtschnitt landet.

5. Andreas Jung sicherte sich den Erststimmen-Sieg im ganzen Stadtgebiet. Im ganzen Wahlkreis und im Konstanzer Stadtgebiet hat Andreas Jung deutlich mehr Erststimmen gewonnen als seine Partei, die CDU, Zweitstimmen. Diese Differenz ist bei Jung im Landesschnitt extrem hoch, auch in Konstanz zeigt sich, dass die Wähler die persönliche Leistung von Andreas Jung deutlich höher einschätzen als die seiner Partei. Die Differenz ist in jedem der 15 Stadtteile sichtbar. Am höchsten ist sie in Wallhausen, Litzelstetten und Staad mit Werten zwischen 16,4 und 13,6 Prozentpunkten Unterschied. In zwei Dritteln aller Stadtteile liegt die Differenz über zehn Prozentpunkten. Nur in drei Wahllokalen holte Andreas Jung nicht die meisten Erststimmen: In den Stimmbezirken Sozialgericht II, Treffpunkt Petershausen I und Zeppelin-Gewerbeschule II lag Direktkandidat Martin Schmeding von den Grünen vorn.

6. Bei den Grünen konnte auch Kandidat Martin Schmeding punkten. Wer glaubte, die Grünen seien vor allem eine Zweitstimmen-Partei, wurde ein weiteres Mal eines Besseren belehrt. Anders als bei den Landtagswahlen 2011 (Siegfried Lehmann) und 2016 (Nese Erikli) konnte zwar kein Grünen-Kandidat den Wahlkreis oder die Erststimmen-Mehrheit in der Stadt Konstanz gewinnen. Doch Martin Schmeding punktete auch als Person. Obwohl in Konstanz vor wenigen Monaten noch weithin unbekannt, konnte er vielfach fast zu den Zweitstimmen für seine Partei aufschließen. Dies ist nicht nur ein Beleg für die Loyalität von Grünen-Wählern, sondern zeigt auch: Die Zahl der Wähler, die mit Erststimme Jung und Zweitstimme Grüne gewählt hatten, ist nicht so groß, wie viele erwartet hatten. In seinen fünf stärksten Stimmbezirken (alle im Paradies und in der Altstadt) errang Schmeding jeweils über 25 Prozent der Erststimmen.

7. Bei Walter Schwaebsch von der AfD und Simon Pschorr von der Linken schwankt das Erststimmen-Ergebnis viel stärker als bei den anderen Kandidaten. Simon Pschorr war selbst überrascht: Dass er als Kandidat der Partei Die Linke ein zweistelliges Erststimmen-Ergebnis (wenn auch hauchdünn mit 10,1 Prozent) holen würde, hätte er selbst nicht gedacht. Seine Hochburg hatte er mit 21,9 Prozent der Erststimmen (und damit fast gleichauf mit Andreas Jung von der CDU!) im Treffpunkt Chérisy I. Doch auch in den Wahllokalen Treffpunkt Petershausen II, Bürgersaal-Vorraum, Sozialgericht I und Wallgutschule holte er über 15 Prozent der Erststimmen.

Die Akzeptanz bei den Wählern schwankt bei Simon Pschorr dabei extrem stark. Sein Erststimmenanteil spreizt sich von 21,9 bis 4,6 Prozent (Parkstift Rosenau) um fast Faktor 4,8. Das wird nur noch übertroffen von Walter Schwaebsch von der AfD mit 17 Prozent im Familienzentrum Stockacker und 2,3 Prozent in der Wallgutschule (Faktor 7,4). Bei den anderen Kandidaten beträgt der Faktor 2,6 (Tassilo Richter, FDP), 2,5 (Tobias Volz), 2,4 (Martin Schmeding, Grüne) und 2,2 (Andreas Jung, CDU). Je niedriger dieser Faktor, desto näher liegen Top- und Flop-Stimmbezirk beieinander.

8. Bei der Briefwahl sind die Gewichte stärker in Richtung CDU, FDP und Grüne verteilt. Wie sich die massive Inanspruchnahme der Briefwahl ausgewirkt hat, lässt sich für Konstanz kaum seriös berechnen. Von den 49 731 Wählern stimmten 19 141 per Post ab. Das entspricht einem Anteil von 38 Prozent – weniger, als zeitweise erwartet wurde. Das liegt aber allein daran, dass auch die Urnenwahl überraschend gut nachgefragt war. Ein krasser Gegensatz zwischen den beiden Wegen zu wählen lässt sich nicht nachweisen. Die Parteien, die bei der Briefwahl besser abschneiden als bei der Urnenwahl, sind CDU sowie in etwas geringerem Ausmaß FDP und Grüne. SPD und AfD schneiden dagegen in den Wahllokalen stärker ab. Auch dies könnte ein Hinweis auf Mobilisierungseffekte direkt vor der Wahl sein. Es haben aber auch andere Merkmale von Wählern, etwa das Alter, einen Einfluss auf das Briefwahl-Ergebnis.

Kleine Parteien und bunte Kandidaten: Ein Blick auf die Rubrik Sonstige

Sie werden unter Sonstige zusammengefasst, aber die Parteien oder Namen kennen viele. Wie die Außenseiter abschnitten: 

  • Viele Plakate, wenige Stimmen: Neben den großen Parteien hatten auch einige kleinere Gruppierungen in den Wahlkampf investiert. Aber auch aufwendiges Plakatieren brachte oft nur wenig Erfolg. Die Gruppierung Die Partei ist mit 540 Zweitstimmen (1,09 Prozent) Spitzenreiter bei Sonstige. Die Tierschutzpartei, die ebenfalls plakatiert hatte, kommt auf 440 Zweitstimmen (0,89 Prozent). Nur 30 Wähler (0,06 Prozent) konnte die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MLPD ansprechen. Die Gruppierung namens Deutsche Mitte, die ebenfalls massiv plakatiert hatte, errang laut dem Endergebnis in ganz Konstanz genau fünf Stimmen (0,01 Prozent).
  • Bekannte Namen, geringer Erfolg: Die Piratenpartei galt noch vor wenigen Jahren als eine bedeutende Neuerung in der Parteipolitik. Vor vier Jahren stellte sie mit Andreas Bergholz sogar einen eigenen Kandidaten auf. Aus den 2,7 Prozent von 2013 wurden nun 0,45 Prozent (223 Zweitstimmen). Die ÖDP, die vor vier Jahren noch einen Wahlkreiskandidaten aufgestellt hatte, kam auf 0,33 Prozent (146 Stimmen). Die NPD, auch sie 2013 noch mit einer eigenen Wahlkreiskandidatin im Rennen, kam in Konstanz auf 0,08 Prozent (38 Stimmen). Die Tierschutzpartei gehört mit 0,89 Prozent (440 Zweitstimmen) bei den Sonstigen zu den Erfolgreicheren. Die Freien Wähler vom Bundestagswahl-Stimmzettel, die mit der örtlichen politischen Vereinigung nichts zu tun haben, errangen 0,41 Prozent (200 Stimmen).
  • 645 Stimmen für Armin Kabis: Der Wahlkampf des Kandidaten der Satirepartei Die Partei, der auch mit auffälligen Plakaten begleitet wurde, fand in der Konstanzer Wählerschaft ein wahrnehmbares Echo. Mit 645 Erststimmen, das entspricht 1,3 Prozent, schneidet der Altenpfleger aus dem Hegau deutlich besser ab als seine Partei, die in Konstanz 540 Zweitstimmen errang. In einigen Konstanzer Stimmbezirken konnte Kabis besonders viele Wähler überzeugen, so im Seniorenzentrum im Paradies (3,1 Prozent), in der Kita Urisberg I (2,6 Prozent) und im Uni-Laborgebäude (2,5 Prozent).
  • 54 Stimmen für Helmut Ringger: Niemand sah ihn während des Wahlkampfs in Konstanz, er trat in keiner Weise öffentlich in Erscheinung, bestätigte auch nicht den Eingang von Schreiben des SÜDKURIER (postlagernd nach Radolfzell). Dennoch haben auch Konstanzer Bürger Helmut Ringger, der 2004 auch Oberbürgermeister-Kandidat gewesen war, ihre Erststimme gegeben: 54 ganz genau, was einem Anteil von 0,1 Prozent entspricht. In der Altstadt holte er zwölf, im Paradies sechs Stimmen (jeweils 0,2 Prozent).