Zweieinhalb Kilometer, mehr sind es nicht. Zweieinhalb Kilometer zwischen wuseligem Treiben und seliger Ruhe, zwischen den Einkaufszentren Lago in Konstanz und Seepark in Kreuzlingen. Hier: lange Schlangen an den Kassen der Geschäfte und eine verstopfte Innenstadt. Dort: eine Handvoll Kunden zwischen den Regalen und freie Bahn beim Bezahlen. Das sind die Folgen einer Abstimmung mit den Füßen: Spätestens seit am 15. Januar 2015 der Wert des Franken binnen Minuten um 30 Prozent stieg, weil ihn die Schweizer Nationalbank vom Euro entkoppelte, ist Konstanz ein verlockendes Ziel für Schweizer: So nah und doch so günstig.

Wie die meisten Konstanzer Bürger zum Schweizer Einkaufstourismus stehen, ist kein Geheimnis: rollende Augen beim Warten an der Kasse, Kopfschütteln über den Stadtkern nahe am Verkehrszusammenbruch. Von einfallenden Horden ist oft die Rede, von bereichernden Nachbarn selten. Obwohl die Schweiz mit Abstand das wichtigste Einzugsgebiet für Konstanz ist, etwa 40 Prozent des Einzelhandelsumsatzes kommen aus dem Süden.

Gleichmut, Zerknirschtheit, Hoffnung

Auch Eidgenossen winken laut Beate Enz-Kraus immer häufiger genervt ab: "Wir haben manchmal Samstage, da sagen uns Kunden: 'Diesen Stress tue ich mir nicht mehr an'", sagt die Marktleiterin der Migros-Filiale im Seepark Kreuzlingen. Die Zahl derer, denen beim Einreihen in den Stau nach Konstanz die Lust auf den Einkaufstourismus vergehe, nehme zu. Enz-Kraus muss es wissen. Sie arbeitet seit 26 Jahren bei der Migros.

Karikatur: www.roth-cartoons.de

Schweizer Einzelhändler, Politiker und Gewerbevertreter treten dem Einkaufstourismus mit einer Mischung aus Gleichmut, Zerknirschtheit und Hoffnung gegenüber. "Es ändert ja nichts, wenn ich mich ärgere. Wir müssen die Situation akzeptieren und das Beste daraus machen," sagt Beate Enz-Kraus in geschliffenem Schweizerdeutsch. Dass sie eigentlich Deutsche ist und in Konstanz wohnt, macht das Thema für sie umso delikater. Natürlich kaufe sie auch in Konstanz ein, gibt sie zu. "Vor allem, weil es viele Produkte in der Schweiz gar nicht gibt." Gleichzeitig geht es um ihren Arbeitsplatz und um ihren Arbeitgeber.

Gegessen und getrunken wird immer: Kein dramatischer Rückgang des Umsatzes

Sorgen um den eigenen Job macht sie sich nicht und ermutigt jüngere Mitarbeiter: "Ich sehe das pragmatisch, denn gegessen und getrunken wird immer. Wir sind also in einem dankbaren Geschäft tätig." Die Umsatzzahlen im Lebensmittelbereich belegen ihre nüchterne Analyse. Selbst im Jahr des Franken-Schocks 2015 erwirtschafteten Migros, Coop & Co. nur rund ein Prozent weniger als im Vorjahr, im vergangenen Jahr blieben die Umsätze laut Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK stabil.

Täuschen leere Gänge und Kassen ohne Wartezeiten also nur? Sind Wirtschaftsschätzungen falsch, nach denen Schweizer Kunden 2016 für bis zu zehn Milliarden Euro im grenznahen Ausland eingekauft haben?

Im Lebensmittelbereich versuchen Schweizer Händler mit Qualität und Regionalität zu punkten – und profitieren vom Zeitgeist. Marktleiterin Beate Enz-Kraus erinnert sich an Gespräche mit deutschen Freunden, die inzwischen Fleisch lieber in der Schweiz einkauften, auch wenn es teurer als beim deutschen Discounter sei. "Da spielt sicher auch der Trend eine Rolle, sich nicht mehr jeden Tag ein Stück Fleisch kaufen zu wollen, sondern lieber selten und dafür hohe Qualität erwartet."

Was aber machen Händler, die kein Poulet aus dem Kanton Thurgau und keine Olma-Bratwurst aus St. Gallen anbieten können? Im schlimmsten Fall die Türen schließen, und auch das gibt es im Einkaufszentrum Seepark. In einem halben Jahr verkauft das Schuhgeschäft Botty dort seine letzten Schuhe. Weil sich "der Detailhandel in Kreuzlingen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befindet", habe der vor der Rente stehende Geschäftsführer, Ralph Schär, laut einer Meldung der "Thurgauer Zeitung" keinen Nachfolger gefunden.

"Einzelhändler in der Schweiz bezahlen bei einigen Produkten bereits im Einkauf mehr, als Endverbraucher im Geschäft in Deutschland. Das kann nicht sein", beschreibt Prisca Birrer-Heimo die Situation im Segment der Markenprodukte von Lebensmitteln. Sie ist Nationalrätin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS).

Kürzlich ließ die SKS die Preisunterschiede für Kleidung untersuchen. Das Ergebnis: Bei den fünf bekanntesten europäischen Bekleidungsketten bezahlen Schweizer im Schnitt über 30 Prozent mehr – auch bei Bestellungen im Internet. Noch deutlicher werden die Unterschiede bei Hygiene- und Kosmetikartikel. So kosteten Anfang des Jahres laut einem Vergleich des TV-Verbrauchermagazins "Kassensturz" Taschentücher des deutschen Marktführers in der Schweiz mehr als das Doppelte, ein Marken-Nagellack kann gar statt umgerechnet drei bis zu zehn Euro kosten – bereinigt um den Faktor Mehrwertsteuer.

Wozu das führen kann, zeigt eine Auswertung des Finanzdienstleister Six für die Schweizer "Handelszeitung": Zwischen 2010 und Ende 2016 verfünffachte sich demnach der Umsatz von Zahlungen mit Maestro-Girokarten von Schweizern in Konstanz, in Kreuzlingen halbierte er sich im selben Zeitraum.

Ursachen für Preisunterschiede

Hauptgrund für die eklatanten Preisunterschiede ist laut Prica Birrer-Heimo die Exportpolitik von Herstellern der EU. Als Beispiel dient ihr ein Gespräch mit einem Schweizer Fahrradhändler: "Er hat bei der Bestellung vom ausländischen Hersteller eine andere Preisliste vorgelegt bekommen als Konkurrenten aus anderen Ländern, wohlgemerkt für das identische Produkt."

Es seien daher die Generalimporteure, die die Preise nach oben treiben und denen man mit einer Öffnung für unabhängige Importe begegnen müsse. Weil parlamentarische Vorstöße in diese Richtung seit Jahren scheitern, hat die SKS nun eine Volksinitiative für faire Preise ins Leben gerufen. Es dürften allerdings Jahre vergehen, bis diese greift – sofern sie es überhaupt tun wird. Der Einkaufstourismus bleibt derweil beliebt.

Der stört Andreas Haueter dann, wenn er an seinem Geschäftsführerbüro der Firma Elektro Arber in Kreuzlingen Reisebusse mit Kennzeichen aus den Kantonen Luzern oder Zug vorbeifahren sieht. "Ich kann verstehen, dass Menschen in Grenznähe sparen wollen", sagt Haueter, der gleichzeitig Präsident des Gewerbevereins Kreuzlingen ist. "Aber muss es wirklich ein Einkaufsausflug sein, von der Zentralschweiz nach Konstanz?" Eine rhetorische Frage, die sich angesichts der verlorenen Zeit und der Fahrtkosten Haueters Meinung nach nicht rechne. "Bei uns in der Schweiz sagt man, manche wollen das Weggli und das Fünferli." Also sowohl ein höheres Gehalt als das deutsche beziehen, gleichzeitig aber auch weniger für den Einkauf bezahlen.

An den Wunsch nach allen Annehmlichkeiten auf einmal erinnert sich Migros-Marktleiterin Beate Enz-Kraus gut – allerdings aus Sicht deutscher Kunden. An die Zeit, als diese zum Essen ins Marktrestaurant strömten; nach einer bestimmten Gewürzmischung fahndeten und sich die Autos mit Kaffee und Schokolade vollluden. Den Nudelsonntag gibt es auch 2017 noch. So nennen Schweizer rein deutsche Feiertage, weil der Einkaufstourismus dann besonders stark war und deutsche Kunden die Teigwarenregale leerräumten. "So ähnlich war es auch mit der Schoggi. Ob Milch oder Nuss, weg war die sowieso," beschreibt Beate Enz-Kraus "eine Superzeit".
 

Schokolade und Schokoküsse gehen immer: Beate Enz-Kraus ist Migros-Marktleiterin im Seepark Kreuzlingen und arbeitet seit 26 Jahren im Einzelhandel in der Schweiz. Die Deutsche aus Mühlhausen-Ehingen erinnert sich an Zeiten, als ihre Landsleute Nudel- und Schokoladenregale in der Schweiz leergekauft haben.<em>Seitengestaltung: <sup></sup>Daniel Schönbucher</em>
Schokolade und Schokoküsse gehen immer: Beate Enz-Kraus ist Migros-Marktleiterin im Seepark Kreuzlingen und arbeitet seit 26 Jahren im Einzelhandel in der Schweiz. Die Deutsche aus Mühlhausen-Ehingen erinnert sich an Zeiten, als ihre Landsleute Nudel- und Schokoladenregale in der Schweiz leergekauft haben.

Wehmütig wird sie nicht: "Ich weiß gar nicht, ob ich mir die Zeiten zurückwünsche." Die Kunden hätten sich verändert, das Sortiment ebenfalls. Die Zeiten, dass Supermärkte nur zwei Sorten Kaffee anboten, sind vorüber. Das Angebot wächst mit den Ansprüchen der Kunden. "Alles hat seine Zeit, und jetzt haben wir einfach eine andere", sagt Beate Enz-Kraus.

Ende des Freibetrags?

Die Schweizer Handelsketten Migros, Denner, Coop und Manor wollen den Freibetrag bei Einkäufen aus Deutschland faktisch abschaffen. In einem internen Arbeitspapier der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz fordern sie "Fairness bei der Mehrwertsteuer". Schweizer sollen zwar weiter die deutsche Mehrwertsteuer zurückbekommen, dafür aber die heimische bezahlen – derzeit acht oder reduziert 2,5 Prozent. Nun prüft die Politik den Vorschlag, da hierfür die Zollverordnung geändert werden müsste. Deutsche Händler kritisieren den Schweizer Vorstoß, sie fürchten Umsatzeinbußen. (bbr)
 

Zahlen zum Einkaufstourismus

  • 300 Millionen: Schweizer Kunden sorgen für etwa 40 Prozent des Umsatzes Konstanzer Einzelhändler. Deren Gesamtumsatz 2016 lag bei knapp 720 ­Millionen Euro.
  • Acht: In Konstanz gibt es derzeit fünf größere Drogeriemärkte, drei weitere des Unternehmens dm stehen vor der Eröffnung oder sind geplant. Drogerieartikel sind wegen ihrer hohen Preise in der Schweiz besonders beliebt bei Einkaufstouristen.
  • 300 Franken: Jeder Schweizer darf Waren im Wert von 300 Franken (rund 275 Euro) mehrwertsteuerfrei über die Grenze führen. Mehrere große Handelsketten fordern, dass künftig die Schweizer Mehrwertsteuer (2,5 bzw. acht Prozent) gezahlt werden soll.
  • 227 Prozent: Markenartikel, vor allem aus den Bereichen Mode und Kosmetik, sind in der Schweiz besonders teuer. Bei einem Preisvergleich im Januar 2017 kostete derselbe Nagellack in der Schweiz zehn Euro und in Deutschland drei Euro. Ein Aufschlag von über 200 Prozent.
  • Halbiert: In Kreuzlingen hat sich der Umsatz von Zahlungen mit Girokarten laut Marktforschern zwischen 2010 und 2016 halbiert, in Konstanz verfünffachte er sich im selben Zeitraum.
  • 11,2 Millionen: 2016 hat allein das unter anderem für Konstanz zuständige Hauptzollamt Singen 11,2 Millionen Ausfuhrscheine bearbeitet. Das führt zu Staus an den Grenzübergängen, Frust bei vielen einkaufenden Konstanzer und starker Belastung des Zolls.
  • 15. Januar 2015: Der Tag des Franken-Schocks. Quasi über Nacht war ein Euro umgerechnet in Schweizer Franken 20 Cent weniger wert. Der 15. Januar 2015 gab dem Einkaufstourismus aus der Schweiz einen Schub.
 

"Ohne die Schweiz würde die Stadt ihr wichtigstes Einzugsgebiet verlieren"

Bertram Paganini ist Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee und Experte für den Bereich Handel

Herr Paganini, wie ginge es der Konstanz Wirtschaft ohne den Einkaufstourismus aus der Schweiz?

Der Einzelhandel wäre ein völlig anderer. Die Vielfalt, wie sie die Stadt kennt, wäre nicht gegeben. Es gäbe weniger Branchen und es gäbe auch weniger Marken. Es gäbe weniger große und mehr kleine Geschäfte. Natürlich gäbe es in Konstanz dann auch weniger Probleme mit Parkplätzen und dem Verkehrsfluss. Fakt ist aber: Die Stadt würde ihr wichtigstes Einzugsgebiet verlieren. Die Folge wären Leerstände der Geschäfte, Vermieter müssten die Preise nach unten korrigieren, sie könnten dann zum Beispiel nicht mehr in 1B-Lagen 60 Euro pro Quadratmeter für Verkaufsflächen fordern. Ganz sicher würden sich weniger Drogeriemärkte ansiedeln.

Das ist eines der Lieblingsthemen der Konstanzer: Warum gibt es denn immer mehr Drogeriemärkte?

Nun, das sind die Warengruppen, die für Schweizer Kunden besonders interessant sind, weil sie in der Heimat deutlich teurer sind. Ein Anbieter überlegt sich immer: Macht es wirtschaftlich Sinn, zu expandieren. Im Falle der Drogerien ist das derzeit so.

Lässt sich denn bemessen, wie viel Umsatz Schweizer Kunden dem Handel in Konstanz bringen?

Im gesamten Bereich der IHK Hochrhein haben Schweizer Kunden im Jahr 2016 rund 1,7 Milliarden Euro ausgegeben. Für Konstanz hilft ein Blick auf die aktuelle Umsatzprognose: Sie liegt bei voraussichtlich 736 Millionen Euro, das wären 19 Millionen Euro mehr als im Jahr 2016. Da der Anteil des Umsatzes aus der Schweiz bei etwa 40 Prozent liegt, können Sie von einer Summe von etwa 300 Millionen Euro ausgehen. Wie gesagt: Das wichtigste Einzugsgebiet für Konstanz liegt im Süden und damit in der Schweiz.

Bei diesen Zahlen müssen die Konstanz Einzelhändler doch laut jubeln.

Sie sind eher still und das ist ein gutes Zeichen. Eines für Zufriedenheit. Kritisiert werden bei uns nur die Themen Parken und damit zusammenhängend der Verkehr. Es sind ja nicht nur Schweizer, Touristen kommen im Sommer noch dazu. Niemand erlebt gerne Staus, schon gar keine Händler.

Angesichts ihrer Bedeutung für die Händler: Ist etwas dran an der gefühlten Bevorzugung für Schweizer Kunden?

Das kann ich mir kaum vorstellen und habe das persönlich auch noch nie erlebt. Auch die Händler schütteln zu diesem Thema nur den Kopf. Sie müssen bedenken: Das kann sich schon aus Marketinggründen niemand erlauben. Ein verlorener Kunde kommt selten zurück. Ich denke, da geht es auch um die Mentalität jedes Einzelnen. Der eine mag gelassener sein, wenn er an der Kasse warten muss; der andere ärgert sich maßlos über den Schweizer Kunden, der noch seinen Ausfuhrschein haben möchte.

Gerade hier könnte man doch Bewegung ins Spiel bringen. 2016 hat das Hauptzollamt Singen mehr als elf Millionen grüne Zettel bearbeitet. Wann kommt denn das elektronische Verfahren?

Das ist nicht so leicht, wie man vielleicht denkt. Es spielen viele Faktoren mit hinein: Finanzämter müssen mit dem System ebenso zurechtkommen, wie der Zoll selbst und nicht zuletzt die Geschäfte und die Kunden. Aber nach meinem Eindruck wird mit Hochdruck daran gearbeitet und das muss es auch.

Aber ein Datum lässt sich nicht festlegen.

Nein, derzeit noch nicht. Aber die 49 zusätzlichen Stellen, die als Zwischenlösung geschaffen wurden, deuten darauf hin, dass der Bedarf für Änderungen erkannt wird.

Wird der Einkaufstourismus in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen?

Nein, der Zenit ist überschritten. Wir hatten in der Region Hochrhein-Bodensee von 2015 auf 2016 erstmals seit langer Zeit einen Rückgang der Ausfuhrscheine, wenn auch nur um ein halbes Prozent. Dennoch ist das ein Zeichen: Das Niveau ist weiter hoch, aber weitere Steigerungen wird es in der Gesamtschau nicht mehr geben. Das liegt übrigens auch an Phänomenen auf Schweizer Seite. Einerseits versuchen die Geschäfte dort offensiv mit dem Problem des Kaufkraftverlustes umzugehen, andererseits machen die beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl erfolgreiche Geschäfte in der Schweiz.

Fragen: Benjamin Brumm