Seit etwas mehr als einem Jahr ist ein 40-jähriger Mann immer wieder in Konstanz und Kreuzlingen durch Gewalt und Beleidigungen aufgefallen. Nun wurde er am Amtsgericht Konstanz zu zweieinhalb Jahren Haft mit Unterbringung in einer Entziehungsanstalt verurteilt. Zudem wurde ihm der Führerschein entzogen.

Berufliche und familiäre Krise lassen ihn in einen Abwärtsstrudel geraten

Seit 17 Jahren lebt der aus der Türkei stammende 40-Jährige in Deutschland. Lange Zeit führt er ein normales Leben. Er lernt Deutsch, hat eine Arbeit, wird Vater einer Tochter. Doch als sich die familiären Probleme häufen, wird er arbeitslos und psychisch krank. Zunächst leidet er an Depressionen, dann versucht er, Angstzustände und Panikattacken mit Alkohol zu betäuben – und gerät so in einen Strudel, der ihn immer weiter abwärts zieht.

Acht Anklagepunkte summieren sich auf 1100 Akten-Seiten

Zuletzt bestimmen ein halbes Jahr lang Stress, Gewalt und Suff das Leben des 40-Jährigen. Grenzüberschreitend begeht der in Kreuzlingen und Konstanz polizeibekannte Mann eine Straftat nach der anderen, sodass sich auf mehr als 1100 Aktenseiten acht Anklagen summieren wegen mehrfacher Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, mehrfacher Beleidigung, tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte sowie vorsätzlicher Trunkenheit im Straßenverkehr.

Gewalt gegen seine Frau

Zunächst schlug er im Sommer 2018 er in einer Bar in Kreuzlingen seiner damaligen Partnerin mehrfach mit der Faust ins Gesicht, einige Wochen später stößt er die betrunkene Frau im Konstanzer Stadtgarten zu Boden. Einige Tage darauf schlägt er die Schweizerin, die – obwohl sie Hauptbelastungszeugin ist – an keinem der beiden Verhandlungstage im Konstanzer Amtsgericht erscheint, in ihrer Wohnung mit dem Kopf gegen den Schrank. Bei der anschließenden Verhaftung spuckt er einem Polizisten ins Gesicht.

Die Taten haben eines gemeinsam: Sie passieren unter Alkohol

Als er im Dezember in einer Konstanzer Cocktailbar keinen Alkohol bekommt, weil er zu betrunken ist, schlägt der Angeklagte einen Mitarbeiter ins Gesicht und wirft ein Whiskeyglas in ein Regal. Die Barangestellten rufen die Polizei, die den Mann in der Kanzleistraße kontrolliert. Dort schlägt und beleidigt er sie aufs Übelste. Anfang 2019 schließlich wird er im Konstanzer Industriegebiet kontrolliert, als er mit 1,78 Promille betrunken am Steuer eines Autos sitzt. Erneut leistet er Widerstand und beleidigt die Polizisten.

So unterschiedlich die Taten auch sind, eines zeigt sich immer. Sie passieren alle unter Alkoholeinfluss, und der Angeklagte lässt sich stets leicht provozieren. Er hat Probleme mit Autoritäten und lässt sich nur ungern von anderen die Grenzen aufzeigen, seien es die Lebensgefährtin, Polizisten oder Beamte im Gefängnis, wo er zuletzt in Haft negativ aufgefallen war. Am Ende schlägt er immer zu.

Verheerendes psychologisches Gutachten für den Angeklagten

„Er weiß seit fünf Jahren, dass es nicht gut ist, wenn er Alkohol trinkt, und macht es trotzdem“, erklärt ein als Sachverständiger eingesetzter Diplom-Psychologe. „Man muss immer damit rechnen, dass etwas passiert. Er schaut, wie weit er gehen kann. Dann fasst er es als Provokation auf und greift zu seinen Mitteln“, analysiert er weiter.

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„Er hat keinen Blick, wie provokativ er selbst ist“

Als „aggressionsenthemmt und egozentrisch“ sowie „schwach und unreif, manchmal wie ein trotziges Kind“, wird der 40-Jährige eingeschätzt. „Einerseits sehr fordernd, dann aber immer wieder in der Opferrolle.“ Das zeigt sich auch während der Verhandlung, als er versucht, seine Taten zu erklären. Bei der Urteilsverkündung unterbricht der Angeklagte sogar den Vorsitzenden Christian Brase, um sich zu rechtfertigen. Der Sachverständige weiß: „Er hat keinen Blick, wie provokativ er selbst ist in seinem Verhalten, wenn er hier sitzt und überheblich grinst.“

Zweieinhalb Jahre Haft: Staatsanwaltschaft forderte schärferes Urteil

Schließlich wird der Mann zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, zwei Monaten weniger, als die Staatsanwältin gefordert hatte. Der Angeklagte, dessen Führerschein eingezogen wird, muss sich zudem in einer Entziehungsanstalt therapieren lassen.

Zu seinen Gunsten wird ausgelegt, dass er geständig ist und psychisch krank. Auch hatten seine Taten keine gravierenden Verletzungen zur Folge, und er hat sich mehrfach bei den Polizisten entschuldigt. Strafschärfend wirkt sich aus, dass der Mann wegen ähnlicher Delikte bereits einschlägig vorbestraft war.

Er hat zweifach gegen seine Bewährung verstoßen und dabei eine hohe Rückfallquote offenbart. Teilweise wurde er nur wenige Tage nach der Entlassung wieder straffällig. „Geldstrafen und Bewährung halten ihn nicht davon ab, weitere Straftaten zu begehen“, sagt Richter Brase.

Richter sagt: „Per se kein schlechter Mensch“

Der 40-Jährige sei „per se kein schlechter Mensch“, doch es müsse ihm klarwerden, dass es so nicht weitergehe und die Therapie zu seinen Gunsten sei, so Brase. Das hatte bereits der Sachverständige am ersten der beiden Verhandlungstag betont. „Es muss einen Entwicklungsschritt machen zu einem erwachsenen Mann, der Verantwortung übernimmt“, sagte der Psychologe, „und er hat die Finger vom Alkohol zu lassen, sonst landet er längerfristig im Gefängnis.“

Therapie zum Alkoholentzug „vielleicht die letzte Chance“

Da eine erhebliche Rückfallgefahr bestehe, gebe es keine Alternative zur Entzugseinrichtung. „Ich sehe keine Hinweise, dass er es alleine schafft“, erklärte der Experte. Daher fordert auch Richter Brase, dass der 40-Jährige die Therapie seiner Krankheit dringend angeht. Es sei „vielleicht die letzte Chance. Ansonsten droht die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt“.

Ziel sei es, nach vorne zu schauen und eine Möglichkeit zu finden, wie man den Angeklagten wieder eingliedern kann. „Sie müssen sich mal am Riemen reißen. Aus der Spirale von Gewalt und Alkohol kommen Sie nicht alleine raus“, schließt Richter Christian Brase die Verhandlung. „Die Gesellschaft muss vor Ihnen geschützt werden.“ Zumindest vorerst.