Chris Boos steht eine Stufe über der Bundeskanzlerin. Zumindest symbolisch überragt er Angela Merkel an diesem Tag. Direkt vor ihm bildet sie die typische Raute. Gruppenbild mit der Regierung, es ist der Tag der Präsentation des neuen Digitalrats, über den gerade viel geredet wird. Zehn Menschen gehören ihm an, darunter der gebürtige Konstanzer Boos. Sie sollen die Regierung – so Merkels Erwartung – "antreiben" und auch "unbequeme Fragen" zur Digitalisierung stellen.

Mit T-Shirt und roten Wildleder-Slippern zum Gruppenbild mit der Kanzlerin

Chris Boos, der streng genommen Hans-Christian zum Vornamen heißt, sticht auf dem Bild aus dem Kanzleramt ins Auge: kein Anzug, keine Krawatte, keine polierten Schuhe, keine glatt gescheitelten Haare. Stattdessen: schwarzes T-Shirt mit aufgedruckter Rechenformel, rote Wildleder-Slipper und hellblonde Wuschellocken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Mitglieder der Bundesregierung stehen mit Experten des Digitalrates im Bundeskanzleramt zusammen. Mit dabei, links hinter der Kanzlerin: Chris Boos.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Mitglieder der Bundesregierung stehen mit Experten des Digitalrates im Bundeskanzleramt zusammen. Mit dabei, links hinter der Kanzlerin: Chris Boos. | Bild: Steffen Kugler/dpa

"In der Gruppe hat keiner darüber gesprochen, wer was anzuziehen hat", sagt Boos gegenüber dem SÜDKURIER. Seit einer der Digitalräte für das Gruppenbild im Strand-Outfit und mit Superman-Kappe auftrat, konnte man den Eindruck gewinnen, die Kleidung der Experten sei interessanter als ihre Aufgabe. Zweimal pro Jahr werden sie künftig gemeinsam mit der Regierung tagen, um sie fit für den digitalen Wandel zu machen.

"Ich habe bestimmt kein T-Shirt an, um für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen", sagt Chris Boos. Die Zeiten von Uniformen seien jedoch vorüber, der einzige Effekt, den sein lockeres Auftreten haben soll: "Hier und jetzt ist etwas anders als sonst."

Vom Ellenrieder-Gymnasium zum weltweiten Experten für künstliche Intelligenz

Aus Konstanz verabschiedete sich der Mitte 40-Jährige längst, die Heimat vergessen werde er nie. Einst ging er aufs Ellenrieder-Gymnasium, mit acht Jahren soll er die ersten Computerprogramme entwickelt haben. Heute ist er erfolgreicher Geschäftsmann mit eigenem Unternehmen in Frankfurt und auf der gesamten Welt zuhause.

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Vor knapp drei Jahren hielt er an seiner Ex-Schule einen Vortrag über die Auswirkung von künstlicher Intelligenz auf die Wirtschaft. "Das würde ich unbedingt gerne wieder machen", sagt er. Es dürfte schwer werden, eine Lücke im Kalender fürs Ellenrieder zu finden, schließlich gilt Boos weltweit als angesehener Experte zum Thema künstliche Intelligenz.

Boos: "Brauchen bei der Digitalisierung eine ganz andere Geschwindigkeit"

Im Aufzeigen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkung von Digitalisierung sieht er auch seine Rolle im Digitalrat. "Das Gremium", so sagt er, "ist sehr breit aufgestellt, das ist wahnsinnig spannend". Neben Boos arbeiten künftig auch Forscher, Juristen oder Jung-Unternehmer der Regierung zu. "Persönlich habe ich mich fürs Mitmachen entschlossen, weil wir bei der Digitalisierung eine ganz andere Geschwindigkeit benötigen als bisher", erklärt Chris Boos.

Er sei positiv überrascht gewesen, wie viele Leute sich innerhalb der Regierung für das zehnköpfige Team und seine Ideen interessierten. Ob und über was bereits gesprochen wurde, verrät er nicht. "Unsere Arbeit wird mehr im Hintergrund ablaufen, wenig öffentlich, aber effektiv", sagt Boos.

Kritiker halten den Digitalrat für Placebo ohne viel Sinn

Die Reaktionen auf die Berufung eines Digitalrats fielen unterschiedlich aus. Aus der Branche hieß es einerseits, die Expertise der zehn Profis könne der Regierung nur helfen und sei überfällig. Kritiker monierten andererseits, der Rat sei ein weiteres Placebo und komme ohnehin zehn Jahre zu spät. Die Opposition im Bundestag reagierte allenfalls verhalten.

Die Grünen etwa erklärten, "es gibt bereits heute unzählige, durchaus sehr konkrete digitalpolitische Vorschläge" und es bestehe "kein Erkenntnis-, sondern ein echtes Handlungsdefizit". Für die FDP ist es gar ein "Trauerspiel", dass die Bundesregierung "immer noch Nachhilfe bei der Digitalisierung benötigt".

Boos: "Nachdenken wird wieder wichtiger werden"

Chris Boos sieht das anders: "Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, mit einer so diversen Gruppe für Tempo zu sorgen." Derzeit erkenne jeder, dass etwas Großes und Wichtiges passiere, das mit dem technologischen Fortschritt zu tun hat. Der Staat binde dabei alle gesellschaftlichen Bereiche zusammen. Dass wir vor einer düsteren Zukunft stehen, sieht der Mittvierziger ebenfalls nicht.

Auch er sagt zwar, dass mit der Digitalisierung und dem Vorantreiben seines Steckenpferdes, der künstlichen Intelligenz, Maschinen bis zu 80 Prozent der bisherigen Jobs übernehmen werden. "Die Grundannahme, dass wir bald aber alle nichts mehr zu tun haben und arbeitslos werden, ist völlig falsch und habe ich nie verstanden", führt Boos aus.

Viel mehr könnten wir uns dank intelligenter Maschinen ganz anderen, wichtigeren Aufgaben widmen. Allen voran zählt er hierzu die Stärkung des sozialen Miteinanders. "Im Moment sind wir doch damit beschäftigt, den Laden irgendwie am Laufen zu halten", fasst er zusammen. Boos' Erwartung an die Digitalisierung: "Nachdenken wird wieder wichtiger werden."

Irgendwann will er ein Forschungszentrum in Konstanz einrichten

Einen perfekten Platz dafür sieht er in seiner alten Heimatstadt. Bis heute komme er gerne an den Bodensee, seine Eltern leben nach wie vor in Konstanz. "Die Stadt ist ein schöner abgeschlossener Raum, ohne dabei weltabgewandt zu sein", erklärt er. "In dieser Umgebung lässt sich wunderbar nachdenken." Die Entwicklung der digitalen Industrie in Konstanz verfolge er interessiert. Ein Traum – sollte es Boos' Zeit irgendwann wieder zulassen – ist deshalb ein Forschungszentrum in der Heimatstadt.