Er weiß, wie man mit Feuersteinen hantiert, veranstaltet Steinzeit-Dinner und hat sogar schon ausprobiert, wie Birkenteer schmeckt. Herbert Gieß graut vor ziemlich gar nichts, schließlich will er wissen, wie die Steinzeitmenschen gelebt haben, und das geht am besten durch eigenes Erleben, findet er.

Bekannter Sammler

Längst ist er als Sammler prähistorischer Funde weithin bekannt und anerkannt. Nicht nur das: Auch seine Workshops – derzeit an der Dettinger Grundschule – zu unterschiedlichen steinzeitlichen Themen sind der Renner, denn er versteht es, seine Begeisterung und sein immenses Wissen zu vermitteln. Und er ist Möglichmacher, denn mithilfe seines Fundus an Relikten der Vergangenheit konnte das kleine Pfahlbaumuseum in Dingelsdorf realisiert werden.

Steinzeit: Sammler Herbert Gieß verfügt über einen großen, sicher verwahrten Fundus an Relikten der prähistorischen Vergangenheit.
Steinzeit: Sammler Herbert Gieß verfügt über einen großen, sicher verwahrten Fundus an Relikten der prähistorischen Vergangenheit. | Bild: Scherrer, Aurelia

Wie es zum Sammeln steinzeitlicher Relikte kam

„Ich bin in Wallhausen aufgewachsen, quasi direkt am Wasser“, sagt der 66-Jährige. „Direkt vor der Haustür war ein Pfahlbau.“ Vom Fenster aus habe er, gerade einmal sechs Jahre alt, einen alten Mann in Gummistiefeln mit einer kleinen Hacke in der Hand am Wasser gesehen.

„Was macht der Mann da?“, fragte der Bub seine Mutter. „Geh hin und frag ihn“, lautete die Antwort. Gesagt, getan. „Ich fragte ihn, ob er Gold sucht“, erzählt Herbert Gieß.

Wer der alte Mann war? „Hermann Schiele, ein Pionier der Pfahlbauforschung“, so Gieß. „Er hat mir einen Feuerstein in die Hand gegeben und am ersten Nachmittag habe ich zwei Pfeilspitzen aus der Jungsteinzeit gefunden. Da war ich angezündet. Ich war Feuer und Flamme.“

Das könnte Sie auch interessieren

Begeisterung für Archäologie

Seine Mutter unterstützte den wissbegierigen Knaben und schenkte ihm archäologische Bücher. Herbert Gieß sammelte weiter und seine Begeisterung für Archäologie ließ im Laufe der Jahrzehnte nicht nach, im Gegenteil. Schon früh lernte er den Unterwasserarchäologen Helmut Schlichtherle kennen. Gieß selbst ist längst „ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamts“.

Alle Funde „werden gezeichnet, fotografiert und bekommen eine PBO-Nummer. PBO bedeutet Projekt Bodensee-Oberschwaben“, erläutert Gieß. Früher seien die Sammler verpönt gewesen.

„Doch man hat gemerkt, dass die Funde bereits im nächsten Jahr zerstört gewesen wären, wenn wir sie nicht geborgen hätten.“ Die Relikte waren ja schon nahe an der Oberfläche. „Sand wirkt dann wie Schmirgelpapier und macht Holz und Tonscherben kaputt“, erklärt Herbert Gieß und stellt fest: „Wir sind Retter und Bewahrer.“

Das könnte Sie auch interessieren

Gieß geht mit Bedacht vor

Im Gegensatz zu vielen anderen Sammlern ging Gieß immer mit Bedacht vor. „Mich hat immer gestört, dass andere Sammler in den Pfahlbauten herumliefen und alles kaputt gemacht haben“, sagt er. „Ich habe mir ein Beiboot gekauft, bin über dem Bau geschwebt und habe von dort aus gesammelt.“

Dieses Vorgehen hatte mehrere Vorteile: Er zerstörte nichts und fand zudem die besser erhaltenen Relikte. Doch diese Zeiten sind passé. Zum einen sind viele archäologische Landschaften abgedeckt, damit spätere Archäologen noch etwas zum Forschen haben.

Klimaveränderungen beim Sammeln zu beobachten

Zum anderen „geht der Klimawandel viel schneller vorwärts, als man denkt“, stellt Herbert Gieß fest und erklärt: „Vor 50 Jahren konnte ich jedes Jahr ab Ende Oktober, Anfang November zum Sammeln. Die Oststürme haben für mich gegraben und die Algen waren abgestorben“, erzählt der naturverbundene Mann.

„Mittlerweile ist der Seegrund mit Dreikantmuscheln, eine invasive Art, überzogen. Algen sterben nicht mehr ab, es gibt keine richtigen Winter mehr, der Wasserstand sinkt nicht mehr so und die Oststürme sind abgeschwächt.“
„Mittlerweile ist der Seegrund mit Dreikantmuscheln, eine invasive Art, überzogen. Algen sterben nicht mehr ab, es gibt keine richtigen Winter mehr, der Wasserstand sinkt nicht mehr so und die Oststürme sind abgeschwächt.“ | Bild: Scherrer, Aurelia

„Seit sechs Jahren braucht man eigentlich nicht mehr mit dem Boot sammeln“, bedauert Gieß, obgleich er bereits über einen riesigen Fundus historischer Zeitzeugnisse – gut und sicher in einem geeigneten Depot verwahrt – verfügt.

5000 Funde

„Es sind etwa 5000 Funde“, so Gieß, von Tonscherben bis zum kompletten Steinzeitkrug, von Holz- und Steinfragmenten bis hin zu kompletten Steinbeilen und Furchenziehern, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Eine Sammlung, die Staunen lässt, die Gieß aber auch nachdenklich stimmt. Denn was passiert damit, wenn Gieß nicht mehr lebt? Dass sie irgendwo in einem Depot der Landesarchäologie verstaubt, das wäre schade, findet er.

Steinzeit: Sammler Herbert Gieß verfügt über einen großen, sicher verwahrten Fundus an Relikten der prähistorischen Vergangenheit.
Steinzeit: Sammler Herbert Gieß verfügt über einen großen, sicher verwahrten Fundus an Relikten der prähistorischen Vergangenheit. | Bild: Scherrer, Aurelia

Gieß, der in Sachen Wissensvermittlung engagiert ist, wünscht sich nichts mehr, als dass die gut erhaltenen Zeugnisse der schon sehr fortschrittlichen und innovativen Steinzeitmenschen gezeigt werden.

Sein Wunsch ist ein Museum für seine Sammlung

Er hat einen Wunsch: „Wenn Litzelstetten, Dingelsdorf und Dettingen-Wallhausen zusammenarbeiten würden, wäre vielleicht ein Museum möglich, wo die komplette Sammlung gezeigt werden könnte. Das wäre ideal.“

Das könnte Sie auch interessieren

Ganz unmöglich ist die Erfüllung dieses Wunsches vielleicht nicht, schließlich haben die Gemeinden großes Interesse daran, ihr unsichtbares Weltkulturerbe sichtbar zu machen. In Dingelsdorf bildete sich bereits 2009 eine Interessensgruppe, um die Geschichte vor der Haustür erlebbar zu machen.

Nach zwei Jahren Vorbereitungszeit konnte der Verein mit der Vorsitzenden Elisabeth von Gleichenstein im Jahr 2011 das kleine, etwa 20 Quadratmeter große Museum im Dingelsdorfer Rathaus – bestückt mit Funden aus der Sammlung Gieß – eröffnen; nur ein knappes Jahr, nachdem den Pfahlbauten rund um den Bodensee der Unesco-Welterbe-Titel zuerkannt wurde. Seither sind die Dingelsdorfer sehr engagiert.

Große Nachfrage nach experimenteller Archäologie

Vereinsmitglieder haben sich unter dem Titel „Pfahlbau-Erleber“ zusammengetan und widmen sich gemeinsam mit Gieß der und bieten für Kinder und Erwachsene immer wieder Workshops an, die sich großer Nachfrage erfreuen.

Vor Litzelstetten befindet sich die Pfahlbausiedlung Krähenhorn, von der allerdings rein gar nichts zu sehen ist. Deshalb hat sich eine Interessensgruppe gebildet. Eine Schautafel weist auf den verborgenen Schatz hin und mittlerweile gibt es im Litzelstetter Rathaus Themen-Ausstellungen zur Steinzeit mit Funden aus der Sammlung Gieß.