Ein lauer Sommerabend in Konstanz. Auf dem Waldheimsportplatz bestreiten die Fußballer des SC Konstanz-Wollmatingen II und des Türkischen SV Konstanz ein Testspiel. Am Rande des Kunstrasens steht eine Gruppe Sportinteressierter, die auf Einladung der SPD im Rahmen ihrer Sommertour gekommen ist, um sich von Experten über die Zukunft solcher Sportstätten zu informieren.

In den vergangenen Wochen hatte eine Studie des Fraunhofer-Instituts Anlass für Diskussionen um die Umweltbelastung durch Mikroplastik von Kunstrasenplätzen gegeben. Das in Deutschland und EU-weit am meisten genutzte Kunststoffgranulat gerate etwa über die Schuhe der Spieler, am Körper klebend oder durch Wind, Schnee und Regen in die Umwelt. Zwischenzeitlich war sogar von einem Verbot die Rede. Viele Amateure fürchteten ob der Schlagzeilen um ihre sportliche Heimat.

Die Teilnehmer des öffentlichen Ortstermins, zu dem die SPD einlud, nehmen einen Kunstrasenplatz unter die Lupe und diskutieren die Zukunft solcher Plätze.
Die Teilnehmer des öffentlichen Ortstermins, zu dem die SPD einlud, nehmen einen Kunstrasenplatz unter die Lupe und diskutieren die Zukunft solcher Plätze. | Bild: Feiertag, Ingo

Die Wissenschaftler hatten Sportplätze als eine wesentliche Quelle für die Belastung der Umwelt ausgemacht. Bis zu 11 000 Tonnen Mikroplastik kämen in Deutschland zusammen. Das wären bei etwa 5000 Kunstrasenplätzen mehr als zwei Tonnen jährlich.

Das Problem sind dabei nicht die Plastikhalme, sondern das Granulat, das aus alten Autoreifen aufbereitet wird und mit dem der Rasen aufgefüllt wird. Es sorgt dafür, dass die Eigenschaften des künstlichen Untergrundes, wie Elastizität und Rollverhalten des Balles, möglichst denen von Naturrasen ähneln. „Eigentlich ist der Kunstrasen ein perfekter Naturrasen. Man kann grätschen und rutschen, und das vor allem ganzjährig“, sagt Frank Schädler, Leiter des Amtes für Bildung und Sport.

Bild: Jürgen Rössler
„Eigentlich ist der Kunstrasen ein perfekter Naturrasen.“
Frank Schädler, Leiter des Amtes für Bildung und Sport

Beim Ortstermin mit der SPD relativiert der Konstanzer Landschaftsarchitekt Thorsten Schiffner die Zahlen der Erhebung. „Das Fraunhofer-Institut hat sich etwas vertan, da es sich um europäische Daten handelt. Es gibt einen Austritt an Mikroplastik, er ist aber lange nicht so hoch wie zunächst vermutet“, sagt der 44-Jährige, der als Sportplatzbauer den Umbau von Tennen- auf Kunstrasenplätze für die Stadt geleitet hat und davon ausgeht, dass es sich beim Austritt auf jedem der sechs Plätze in Konstanz „um etwa 50 Kilogramm jährlich“ handelt.

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Ein Grund für die unterschiedlichen Zahlen könnte sein, dass in der Studie auch Kunstrasenplätze etwa in Skandinavien untersucht wurden. „Dort kommt viel weg, wenn Schnee geschippt wird“, sagt Schiffner, „das machen wir hier überhaupt nicht.“ Bis auf den Platz am Oberlohn habe in all den Jahren des Bestehens noch nicht einmal Granulat nachgefüllt werden müssen, erklärt Schiffner.

Da die Entsorgung des Kunststoffs von Beginn an in der Diskussion gewesen sei, „haben wir uns immer für die verträglichste Variante entschieden“, so Frank Schädler. Im Konstanzer Fall handelt es sich dabei um EPDM, Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk.

Thorsten Schiffner zeigt beim Ortstermin mit der SPD, was sich unter der Kunstrasenfläche befindet.
Thorsten Schiffner zeigt beim Ortstermin mit der SPD, was sich unter der Kunstrasenfläche befindet. | Bild: Feiertag, Ingo

„Naturrasen hat bis zu einer gewissen Belastung Vorteile, irgendwann kippt das Verhältnis jedoch“, sagt Simon Finkbeiner vom Amt für Stadtplanung und Umwelt zum Für und Wider bei beiden Platzarten. In puncto Auslastung komme ein Kunstrasen auf drei bis vier Naturrasenplätze.

Der in der Anschaffung günstigere Naturrasen sei „toll, sofern er in einem guten Zustand ist“, sagt Amtsleiter Frank Schädler. Sobald die Torräume aber ausgespielt seien und es Löcher im Platz gebe, komme es zu enormen Pflegekosten. „Und die sind der wesentliche Unterschied.“ Er rechnet vor: „Ein Naturrasenplatz kostet bei einfacher Pflege 25 000 Euro im Jahr, ein Kunstrasen bei intensiver Pflege nur 8000 Euro bei 300-prozentiger Mehrbelastung.“

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Zum Umweltaspekt meint Schiffner: „Ein richtig guter DIN-Rasenplatz muss sechsmal im Jahr gedüngt werden. Das ist ein hochgerüsteter Sportrasen, der frisches Wasser braucht. Letzten Sommer hatten wir allein auf dem Rasen in Dettingen 11000 Euro Beregnungskosten.“ Zudem sei im Wald, etwa am Tannenhof oder dem Waldheim, ein Naturrasenplatz bei so wenig Sonnenlicht undenkbar.

Und: „Ein Naturrasen ist 20 Stunden pro Woche nutzbar. Im Winter gibt es Tage, an denen man ihn gar nicht nutzen dürfte. Wird dann doch trainiert, sind die Schäden erst im Frühjahr behoben“, so Schiffner. „Die Kunst­rasenplätze sind alternativlos, gerade auch für die Überbrückungszeit. Sie sind für die Nutzungsintensität in Konstanz das A und O.“

Statt aus Gummi könnte das Füllgranulat künftig aus Kork bestehen

Da bei allen Vorteilen das Problem Mikroplastik jedoch weiter besteht, „werden wir uns Gedanken machen müssen über das Füllmaterial“, wie Sportamtsleiter Frank Schädler sagt. Nach dem Willen der EU soll das aktuell verwendete Granulat ab 2022 nicht mehr zulässig sein, und in den kommenden Jahren werden auf den meisten der sechs Konstanzer Plätze die Beläge gewechselt. „Wir sind aufgestellt und vorbereitet“, sagt Schiffner, der gerade in Triberg im Schwarzwald einen Hartplatz umrüstet und das neue Kunstrasenfeld mit Kork statt Gummigranulat auffüllen lässt.

So kann Frank Schädler Sportfreunde beruhigen und eine Entwarnung für die besorgten Vereinsvertreter geben. „Wir werden keinen Platz sperren“, verspricht er. Das Sanierungsprogramm werde beibehalten, „und wenn wir auf Kork umsteigen, dann werden wir auch im finanziellen Rahmen bleiben.“

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Großer Jubel brandet auf. Allerdings vom benachbarten Platz, als im Testspiel das erste Tor fällt. Die Fußballer haben von der Expertendebatte nichts mitbekommen, dürfen sich aber trotzdem darüber freuen, dass auf dem Tannenhof auch in den kommenden Jahren gekickt werden darf.