Mit sieben Jahren muss es begonnen haben. "Ich habe mich nicht richtig gefühlt", sagt Christin Löhner. Nicht richtig, wenn die anderen Jungs auf dem Pausenhof gegen den Ball traten. "Ich wollte mit den Mädchen spielen", erinnert sie sich heute.

Bilder aus dieser Zeit zeigen ein munteres Kind auf einem Bonanza-Fahrrad – sie zeigen einen kleinen Jungen, der aussieht wie ein Mädchen.

Schon früh wurde Christin klar, dass sie nicht Alexander sein wollte. | Bild: privat

Dieses Hadern mit dem eigenen Geschlecht machen aus dem Jungen Alexander Michael einen in sich gekehrten und verschlossenen Jugendlichen. Und heute? Mehr als drei Jahrzehnte später sitzt Christin in einer Bar in der Konstanzer Altstadt. Selbstbewusst und offen, an den schüchternen Jugendlichen von damals erinnert nichts. Sie sagt: "Ich bin extrovertiert, ja. Aber ich bin auch stolz auf meinen Weg."

Der Unterschied

  • Transsexualität ist der rechtlich korrekte Begriff für die Anpassung der körperlichen Geschlechtsmerkmale. Einige Trans-Menschen lehnen die Bezeichnung ab, weil er soziale Aspekte missachte. Christin Löhner bezeichnet sich dagegen als transsexuelle Frau.
  • Transgender ist ein Oberbegriff für Menschen, deren kulturelles Geschlecht (vom Englischen Gender) nicht dem der Geburt entspricht. Anders als transsexuelle Menschen streben sie nicht zwangsläufig nach einer Geschlechtsanpassung.

Es ist der Weg, den der pubertierende Alexander begann und die transsexuelle Frau Christin bis heute geht. Es sind Jahre, die Löhner gestresst haben, in denen sie unter psychischem Druck stand und die schließlich Geduld mit der deutschen Bürokratie sowie Widerstandskraft gegen Geschlechterklischees erforderten.

Ihre endgültige Entscheidung fällt vor drei Jahren

Im Oktober 2015 entschied Alexander: So geht es nicht weiter. Als Web­entwickler hatte er sich für eine neue Stelle im Hegau beworben. Mit Anzug und Kurzhaarfrisur saß er beim Bewerbungsgespräch und versuchte zu verbergen, was er nicht mehr verbergen wollte.

<strong>Oktober 2015:</strong> Auf dem Bewerbungsbild erscheint Löhner noch als Mann. Bild: privat
Spätsommer 2015: Auf dem Bewerbungsfoto ist Löhner noch als Mann zu sehen. | Bild: privat

Bis zu diesem Coming-Out, sagt Christin Löhner, ist sie "nach außen ein riesiger Macho-Arsch gewesen". Innerlich fühlte sie sich zerrissen wegen der Zweifel über die eigene Identität.

Die Anfangszeit: Mehr schlecht als recht verkleidet

Die Zusage für den Job kam und Alexander trat ihn ab dem ersten Arbeitstag als Christin an. "Ich war mehr schlecht als recht als Frau verkleidet, das sieht doch grauenhaft aus", sagt Christin und muss grinsen, als sie die Fotos zeigt: Hängende Schultern, schlechte Perücke, die Bluse kaschiert den Körper. "Und dann noch dieses furchtbare Halstuch", sagt Löhner und muss schließlich lachen.

16. Oktober 2015: Am ersten Arbeitstag erscheint sie als Frau – "mehr schlecht als recht verkleidet", sagt sie.
16. Oktober 2015: Am ersten Arbeitstag erscheint sie als Frau – ihren Namen darf sie offiziell aber erst ein Jahr später ändern. | Bild: privat

Die neuen Kollegen waren überrascht, nun mit einer Frau statt einem Mann zu arbeiten. Schockiert sei aber niemand gewesen. "Ich bin dankbar über die Offenheit, auch weil sie nicht selbstverständlich ist", erklärt Löhner.

Ihr Weg: Öffentlichkeit mit allen Mitteln und trotz Kritik

Seit diesem Tag – dem 16. Oktober 2015 – dokumentiert sie ihren Weg ausführlich im Internet auf einem Blog und dem Foto-Dienst Instagram. "Die Öffentlichkeit für das Thema muss sowieso her, dann mache ich es lieber voll und ganz", begründet Löhner.

<strong>2. Mai 2016:</strong> Die Hormonbehandlung wird sichtbar. Erst ein halbes Jahr später wird sie auch von Amts wegen zur Frau. Bild: privat
2. Mai 2016: Die Hormonbehandlung wird sichtbar. Erst ein halbes Jahr später wird sie auch von Amts wegen zur Frau. | Bild: privat

Teilweise, auch von anderen Transsexuellen, werde sie angefeindet wegen ihres offensiven Umgangs mit dem Thema. Zweieinhalb Jahre nach ihrem Coming-Out vor den Kollegen muss man zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass sie einmal ein Mann war, der sich jahrelang nicht als solcher fühlte.

Einschneidend dafür – im doppelten Wortsinn – war ein Tag Anfang 2018. Die geschlechtsangleichende Operation stand an. "Ganz ehrlich, ich habe erst im OP-Saal realisiert, was gleich passieren wird und dann fürchterlich geheult, das war keine Angst, sondern einfach nur Vorfreude."

2018: Christin nach der geschlechtsangleichenden Operation. | Bild: privat

Sechs Stunden später wachte sie das erste Mal ohne Penis auf, seither musste sie häufig denken: Wieder etwas das erste Mal als richtige Frau getan und endlich auch äußerlich, selbst nackt, eine solche sein.

Die Rechtslage: Für Christin Löhner erniedrigend und unnötig kompliziert

Die Operation erlebte Christin Löhner im Vergleich zur deutschen Rechtslage rückblickend als kleines Hindernis – insbesondere, was die Anerkennung ihres weiblichen Vornamens und Geschlechts angehe. Das Transsexuellengesetz sieht vor, dass zwei Gutachter unabhängig voneinander entscheiden, ob diesem Wunsch entsprochen werden kann.

Basis dafür ist auch die Einschätzung, "ob sich nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird". Diese Beurteilung muss der Antragsteller selbst bezahlen. Über den Umfang der hierfür nötigen Gespräche entscheidet der beauftragte Gutachter.

Lesen Sie auch

Das Bundesfamilienministerium befragte jüngst mehrere Amtsgerichte und kam so in einer Studie auf Gesamtverfahrenskosten inklusive des Gutachtens von durchschnittlich 1900 Euro für die Anerkennung des geänderten Geschlechts. Die Summe unterscheidet sich aber von Gericht zu Gericht und kann ebenso 150 wie 8500 Euro betragen. Allerdings haben Geringverdiener einen Anspruch auf Prozesskostenhilfe.

Das Gutachten: Kann Christin Löhner Bälle werfen und das T-Shirt ausziehen wie eine Frau?

Viel mehr als die finanzielle Belastung durch das Verfahren stört Christin Löhner, dass sie sich für die Begutachtung haarsträubenden Tests unterziehen musste. Erst dann konnte im November 2016 aus Alexander von Amts wegen Christin werden.

"Ich sollte mein T-Shirt ausziehen, um zu zeigen, dass ich das auf weibliche und nicht auf männliche Art mache", sagt sie. Außerdem sollte sie beweisen, dass sie einen Ball auch wie eine Frau werfe. Löhner lacht heute rückblickend, lustig findet sie das jedoch nicht.

"Dieses Gutachten muss endlich weg oder zumindest angepasst werden. Selbst 13-Jährige lachen darüber, wenn ich ihnen davon erzähle", sagt Löhner. Auch um für mehr Anerkennung und gegen den Abbau von Vorurteilen zu kämpfen, leitet sie seit knapp zwei Jahren eine Selbsthilfeinitiative für transsexuelle Menschen im Raum Bodensee und Hegau.

Ihre Zukunft: Diese nächsten Schritte geht Christin auf Ihrem Weg

Persönlich stehen nun erst einmal zwei andere Anlässe im Vordergrund. Ende August folgt die finale Operation, bei der an Löhners weiblichen Geschlechtsteilen ästhetische Korrekturen vorgenommen werden. Und dann steht die Hochzeit an. Mit einem früheren Mann, der sich wie Christin Löhner auf den Weg zur Frau begeben hat.

Auf dem Weg zu sich selbst hat Christin alles gemeistert - vom erniedrigenden Gutachten bis zum operativen Eingriff. Ihr nächster Schritt wird ein besonderer sein: Sie wird heiraten. | Bild: Benjamin Brumm