Das erste Telefonat ist kurz. „Kann ich gleich noch einmal zurückrufen?“, fragt die zweifache Mutter. Ein Junge spricht im Hintergrund, möchte Aufmerksamkeit. Die Mutter heißt Nicole Jüttler und muss erst eines ihrer Kinder versorgen, bevor sie in Ruhe sprechen kann. So gehe es ihr auch teilweise während der Arbeitszeit, sagt sie. „Ich arbeite jetzt von zu Hause aus, da führe ich auch manchmal Telefonate mit Kindergeschrei im Hintergrund.“

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Ihr jüngster Sohn Samuel, ein Jahr alt, gehört zu den rund 250 unter Dreijährigen in Konstanz, die bei der vergangenen Vergabe für Kinderbetreuungsplätze leer ausgingen. Diese Zahl nennt Mandy Krüger, Pressesprecherin der Stadt Konstanz, auf Anfrage. Nicole Jüttler ist Mitglied im Vorstand des Gesamtelternbeirats (GEB) der Konstanzer Kitas, spricht mit dem SÜDKURIER aber in ihrer privaten Rolle, da die Position des GEB noch nicht feststehe. Sie wünscht sich die Möglichkeit, Betreuungsplätze mit anderen Familien zu teilen: „Zwei oder drei Tage pro Woche würden uns reichen“, sagt sie. Derzeit wird ein solches flexibles System in Konstanz offiziell nicht angeboten. Wer ein Kind für die Betreuung in der Kita anmelden möchte, muss den gewünschten täglichen Betreuungsumfang angeben. Der ist dann von Montag bis Freitag an jedem Tag gleich.

In Kreuzlingen sind flexible Zeiten üblich

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick in die Schweiz: In Kreuzlingen gibt es sehr flexible Betreuungsmodelle. Mia Bächi leitet dort die Kita Villa Doldendorf, in der Kinder bis zu 13 Stunden pro Tag betreut werden. „Bei uns können die Eltern aus verschiedenen Modulen wählen“, erklärt sie. So wäre beispielsweise ein Betreuungsplan möglich, in dem das Kind am Montag und Dienstag von 6.00 bis 14.00 Uhr, am Mittwoch von 14.00 bis 17.30 Uhr und am Donnerstag und Freitag von 6.00 bis 17.30 Uhr in die Kita geht. Das Ergebnis: „Es gibt Kinder, die nur für einen halben Tag pro Woche kommen und manche Kinder werden an fünf Tagen ganztags betreut“, sagt Bächi. Dazwischen gebe es natürlich viele verschiedene Variationen.

Der Organisationsaufwand sei „schon groß“, sagt die Kita-Leiterin. Allerdings würde nur einmal im Jahr ein großer Wechsel mit der dazugehörigen Planung stattfinden. Dazwischen „ist ein Wechsel der Betreuungszeiten je nach freien Plätzen möglich“. Das System ist also nicht darauf ausgelegt, dass Eltern regelmäßig Änderungen vornehmen.

Kita-Gebühren in Konstanz vergleichsweise niedrig

Zum vollständigen Bild gehört aber auch, dass die Betreuung von Kleinkindern in Kreuzlingen deutlich teurer ist als in Konstanz. Während eine Ganztagsbetreuung in einer städtischen Kita in Konstanz maximal 355 Euro kostet (inkl. Essensgeld), bezahlen Eltern auf der anderen Seite der Grenze in der Villa Doldenhof umgerechnet bis zu 1.800 Euro. Außerdem gebe es in Kreuzlingen nur private Kitas, die teilweise von der Stadt gefördert würden, sagt Bächi.

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Den Aufwand und die Kosten nennt auch Mandy Krüger von der Stadt Konstanz als Gründe, warum es hier kein Modulsystem wie in Kreuzlingen und in anderen deutschen Städten gibt. Es sei „verwaltungsintensiv“; außerdem sei Konstanz „mit seinen Elternbeiträgen so günstig, dass Eltern selbst bei voll berechnetem Elternbeitrag und nicht voll genutzten Betreuungszeiten günstiger fahren als bei vergleichbaren Modul-Betreuungszeiten“. Zudem liegen die Kita-Gebühren in Konstanz deutlich unter den Beitragssätzen, die der Gemeinde- und Städtetag sowie Kirchenvertreter in Baden-Württemberg empfehlen.

Zu wenig Ganztagsplätze

Das Problem der zu geringen Anzahl der Betreuungsplätze bleibt so jedoch bestehen. Sarah Seidel, ebenfalls Mitglied im Vorstand des Gesamtelternbeirats, weist außerdem das Argument der Stadt zurück, Eltern könnten beispielsweise einen Ganztagsplatz buchen und ihn dann nicht ganz ausschöpfen. Die Ganztagsplätze seien sehr gefragt und deshalb alle vergeben. „Wir wünschen uns mehr Möglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems“, sagt sie und zielt dabei in eine ähnliche Richtung wie Nicole Jüttler. Die Option, sich Betreuungsplätze zu teilen sowie „die eine oder andere Stunde mehr“, die das Kind in der Kita sein kann, würden helfen. Längere Betreuungszeiten am Abend, wie sie in Kreuzlingen angeboten werden, oder geöffnete Kitas am Wochenende sieht sie dagegen kritisch.

Sarah Seidel: „Mehr Möglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems.“
Sarah Seidel: „Mehr Möglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems.“ | Bild: Jespah Holthof

Ob sich in den Konstanzer Kitas ins Sachen Flexibilität bald etwas ändert, bleibt offen. Das Kinderhaus St. Verena in Dettingen bietet allerdings schon verschiedene Betreuungszeiten an verschiedenen Tagen an. Das sei mit der Zeit entstanden und mit dem Sozial- und Jugendamt abgesprochen, sagt dessen Leiterin Martina Rock-Jerg und ergänzt: „Die Eltern wissen das sehr zu schätzen.“ Vielleicht kann das Kinderhaus als Vorbild für ganz Konstanz dienen.

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