7.30 Uhr vor der Sonnenhaldeschule. 15 Schüler streifen sich gelbe Warnwesten über, schnappen sich Schilder und stellen sich an der Uhlandstraße auf, etwa 100 Meter vor der Schule.

Ihre Mission: Eltern aufrütteln, die ihre Kinder bis an den Schulhof fahren wollen.

Sie halten ihnen Plakate entgegen mit Texten wie: "Ab hier können Ihre Kinder alleine laufen", "Ab hier benutze Deine Füße, sag Deinen Eltern liebe Grüße."

Einfach mal die Füße benützen und den Motor abstellen, das raten Schüler Eltern. Sie kritisieren die Park- und Wendemanöver durch den Hol- und Bringverkehr als gefährlich.
Einfach mal die Füße benützen und den Motor abstellen, das raten Schüler Eltern. Sie kritisieren die Park- und Wendemanöver durch den Hol- und Bringverkehr als gefährlich. | Bild: Claudia Rindt

Eltern zeigen sich irritiert

Mama und Papas, die in den Elterntaxis sitzen, zeigen sich irritiert. Viele halten nun wenigstens nicht mehr direkt an den Engstellen vor der Schule, um ihre Kinder aussteigen zu lassen.

Dort sei es wegen rangierender und wild parkender Wagen schon mehrfach zu unübersichtlichen und für Kinder gefährlichen Lagen gekommen, berichten übereinstimmend Schüler, Eltern, Schulsozialarbeiterin und Schulleiterin. "Es gab viele brenzlige Situationen, in denen Kinder Glück hatten", sagt Rektorin Mona Schilkowski.

Fast alle Kindergärten und Schulen in der Stadt kennen das Problem mit dem Bring- und Holverkehr

Vor der Sonnenhaldeschule mit ihren 400 Schülern gestaltet sich wegen der räumlichen Enge an Uhlandstraße und Höhenweg die Lage besonders schwierig. Seit Jahren versuchen Eltern, Lehrer und Schulleiter gemeinsam durch Angebote und Appelle dem Bring- und Holverkehr Einhalt zu gebieten. Schon vor Jahren wurden in Schulnähe Halteverbotsschilder aufgestellt, und der Höhenweg, der zum heutigen Haupteingang der Schule mit Schulhof führt, ist nur für den Anliegerverkehr ausgeschildert.

Seit Jahren appelliert die Sonnenhaldenschule an Eltern, ihre Kinder, wenigstens die letzten 300 Meter zur Schule laufen zu lassen. Dies sei Thema bei Elternabenden und immer wieder im Sonnenhalden-Kurier, der alle drei Monate erscheint, sagt Rektorin Schilkowski.

Schon vor vielen Jahren wurde von Eltern eine Begleitung für Kinder eingerichtet, die aus Richtung Musikerviertel zur Sonnenhaldeschule gehen. Der Walking-Bus kommt zu bestimmten Zeiten an bestimmten Stationen vorbei. Immer wieder gab es Vorstöße für einen Begleitdienst auch aus anderen Richtungen.

Doch alles Mahnen, Bitten und Anbieten brachte bisher keine durchschlagenden Erfolge

Ein Teil der Eltern hält trotzdem daran fest, die Kinder bis an den Schulhof zu fahren, vor allem an Regentagen, auch wenn es dort weder Park-, noch Wendemöglichkeiten gibt. Manche benutzten sogar den Schulhof als Rangierfläche, sagt die Schulleiterin.

Jetzt will die Schule sogar den Haupteingang verlegen, damit auch der letzte Anreiz wegfällt, den besonders engen Höhenweg zu befahren. Die Gesamtlehrer-Konferenz und der Förderverein seien in das Projekt eingebunden. Demnächst seien die Schüler eingeladen, die neue Eingangspforte mitzuplanen, sagt Rektorin Schilkowski.

Warum wollen Eltern ihr Kind unbedingt bis vor die Schule fahren?

Zur dieser Frage hat Schilkowski verschiedene Antworten: Sie vermutet, dass einige Eltern den Kindern nicht zutrauen, das letzte Stück zur Schule allein zu gehen, was sie aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehen könne. Spätestens in der ersten Klasse sollten Kinder dazu in der Lage sein. Bei manchen Eltern spielten möglicherweise auch Defizite bei der Planung des Morgens eine Rolle. Weil ihnen die Zeit davon läuft, werde das Kind, schnell bis an den Schulhof kutschiert. Bei manchen vermutet sie auch eine Portion Ignoranz. Es sei allerdings auch eine Tatsache, dass das Einzugsgebiet der Schule recht groß sei.

Die Stadt hat ihre Mittel bereits fast ausgereizt

Eltern sind schon mehrfach an der Sonnenhaldeschule zu Zählungen ausgeschwärmt, um zu erfassen wie groß der Verkehr in den Straßen davor ist. Ihre Dokumentationen legten sie auch schon Behörden vor. Erst vor wenigen Wochen, so sagt die Schulleiterin weiter, habe sie wieder Treffen mit Vertretern von Ämtern und der Polizei gehabt, um Gefahrenpunkte an den Straßen vor der Schule zu entschärfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Doch die Mittel seien schon weitgehend ausgereizt. In der Tempo-30-Zone seien beispielsweise Zebrastreifen verkehrsrechtlich nicht möglich. Neu wurde zuletzt das Pflaster mit riesigen Warnschildern versehen. Zu sehen sind ein Dreieck, aus dem Kinder springen.

Jetzt demonstrieren die Kinder gegen uneinsichtige Eltern

Es sei der Wunsch der Kinder gewesen, zu demonstrieren, sagen Schulsozialarbeiterin Tina Reinheimer. Die Zweit- bis Viertklässler hatten sich in der Arbeitsgemeinschaft Schülerzeitung Gedanken über den Verkehr durch die Elterntaxis gemacht. Zuerst hätten sie darüber schreiben wollen, dann sei ihnen die Idee zur Demonstration gekommen.

Diese habe sie ganz offiziell angemeldet, und die Kinder begleitet. Innerhalb der Gruppe habe es sogar Dispute gegeben, weil auch in der AG Schüler sitzen, die von den Eltern ganz nah an die Schule gefahren werden. Sie wollten dies nun auch ändern.

Das sagen die Schüler

"Das ist doof", sagt der neun Jahre alte Carl-Josef über die Praxis einiger Eltern, die Kinder trotz aller Bitten bis direkt an die Schule zu chauffieren.

Sophia ergänzt: "Für uns Schüler ist das gefährlich."

Dieser Meinung sind auch Frederic, Nils und Lasse. Sie berichten, von mit Autos vollgestellten Straßen vor der Schule. Auf ihrem Plakat fordern sie: "Kopf an! Motor aus!" Als einige Demonstranten im Stakkato den Autofahrern zurufen "Wir können laufen!", imitiert eine der autofahrenden Mütter den Ton der Demonstranten und ruft durchs Fenster ihres Wagens: "Ich muss püntklich zur Arbeit kommen".

"Früher aufstehen!" antworten die Schüler.

Andere Eltern sagen auf die Frage, warum sie so nahe heranfahren, dies sei ausnahmsweise nur an diesem Tag der Fall gewesen. Ansonsten würden die Kinder immer mit dem Tretroller oder zu Fuß kommen.

Eine Mutter sagt, sie habe die Tochter entlasten wollen, die heute wegen des Schwimmunterrichts zwei Taschen tragen müsse. Sie sei aber zu einer Zeit gekommen, in der kaum einer mehr die Schule anfahre – kurz vor dem Klingeln.

Eine Mutter blafft auf die Frage nur zurück: "Warum nicht?"

Der Vater Hilmar Hofmann unterstützte die demonstrierenden Schüler, indem er sich zu ihnen stellte. Vielleicht rege die Aktion ja doch bei einigen das Nachdenken an.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €