Das Gefängnis bleibt dem früheren Drogerieunternehmer Anton Schlecker erspart. Das Landgericht Stuttgart verurteilte den 73-Jährigen wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 54.000 Euro. Die Beschäftigten des Drogeriemarktkönigs waren die eigentlichen Leidtragenden der Pleite. Eine ehemalige Angestellte aus Konstanz erzählt, wie sie mit dem Urteil gegen ihren Ex-Chef umgeht. 

"Den Herrn Schlecker" hat sie nicht gerade in guter Erinnerung: Damals, als er in ihre Filiale gekommen sei, sei er "ziemlich distanziert" gewesen. "Fast schon überheblich", sagt Elisabeth Bock. Einen "guten Tag" habe er den Verkäuferinnen gewünscht. Aber das war es dann auch schon. Keine Nachfrage, wie es gerade geht oder wo der Schuh drückt. Einfach rein, sich umgeschaut und wieder raus. Elisabeth Bock arbeitete jahrelang als Verkäuferin für Schlecker in der Bodenseeregion. Erst in Konstanz, dann in Litzelstetten.

Ehemalige Beschäftigte hat Gerechtigkeit erwartet

Vom Tag der Urteilsverkündung hat sie sich eine Menge erwartet. "Gerechtigkeit zum Beispiel", sagt sie. Dass der Richter des Stuttgarter Landgerichts den Patiarchen bei seinem Urteil mit einer Bewährungsstrafe hat davonkommen lassen, versteht die heute 58-Jährige nicht. "Was er getan hat, wiegt die Strafe nicht auf", sagt sie. Immerhin habe die Pleite, die Schlecker hingelegt habe, Tausende Beschäftigte den Job gekostet. Dass er kurz vor der Insolvenz noch Millionen aus dem Unternehmen gezogen habe, mache die Sache noch schlimmer, sagt Bock. So wie sie dächten auch viele ihrer ehemaligen Kolleginnen, sagt sie.

Die sogenannten Schleckerfrauen sind bis heute die Hauptleidtragenden der Pleite. Bis zu 27.000 standen ab Januar 2012 unvermittelt auf der Straße, nachdem das Drogeriemarktimperium zusammenbrach. Von den damals Entlassenen – 90 Prozent waren Frauen – fand nur der geringste Teil eine direkte Weiterbeschäftigung in der Branche. Etwa 2000 Schlecker-Frauen wurden vom Konkurrenten Rossmann übernommen, rund 800 wechselten nach Daten der Hochschule Ludwigshafen (HL) zum Konkurrenten Dm.

Schlechter bezahlte Jobs in anderen Branchen

Eine viel größere Anzahl fand Jobs bei Callcentern oder in der Logistikbranche – dort oft allerdings viel schlechter bezahlt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht davon aus, dass „die Schlecker-Frauen sehr oft nur in befristete oder Teilzeit-Arbeitsverhältnisse übernommen wurden“.

Statt zu Tariflöhnen von bis zu 15,49 Euro pro Stunde bei Schlecker hätten die Frauen teils für 6,50 Euro arbeiten müssen, heißt es. Selbstständig machte sich nur ein kleiner Teil – etwa 150 Frauen. Einige davon versuchten die Nahversorgung mit sogenannten Drehpunkt-Läden aufrecht zu erhalten. Sieben dieser Läden wurden damals in Baden-Württemberg gegründet, mehr als die Hälfte hat aber seither wieder dicht gemacht.

Aktuelle Untersuchungen zur Frage, wie viele Ex-Schlecker-Beschäftigte heute wieder in Lohn und Brot stehen, gibt es nicht. Die letzte umfassende Studie datiert von 2014, und damals waren noch 6000 Frauen arbeitslos. Wahrscheinlich ist, dass sich die Lage heute für viele Schleckerfrauen entspannt hat. Von den ehemaligen Kolleginnen von Elisabeth Bock hätten jedenfalls alle wieder eine Arbeit, sagt sie. Sie selbst arbeitet jetzt beim Discounter Penny, andere sind wieder bei Drogisten untergekommen.