Wissenschaft ist international. 54 Prozent der Forschungstipendiaten im Zukunftskolleg der Universität Konstanz kommen aus dem Ausland. Der universitäre Blick reicht weit über das Alpenpanorama in die Welt hinaus. Finanziert durch Mittel der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern und der Europäischen Union, vergibt das Zukunftskolleg seit 2007 Stipendien an junge internationale Wissenschaftler aller Fachrichtungen.

So werden wissenschaftliche aber auch zwischenmenschliche Beziehungen in die ganze Welt geknüpft. Doch was, wenn sich der Staat auf einmal in die Forschung einmischt? Was, wenn Wissenschaftler plötzlich mundtot gemacht werden und der grenzenlose Dialog abzureißen droht? Die Universitätsgesellschaft Konstanz, kurz UGK, möchte dagegen ein Zeichen setzen.

Wenn die Freiheit der Forschung in Gefahr ist

Am 21. Oktober riefe die UGK im Rahmen des Universitätsballs die neue Initiative "Für Forschung. Für Dialog. Für Freiheit." ins Leben. Sie soll genau dann ansetzen wenn die Freiheit der Forschung in Gefahr ist. Wissenschaftler, die in ihren Heimatländern aufgrund ihrer Arbeit schikaniert oder gar zur Ausreise gezwungen werden, sollen dabei unterstützt werden, weiterhin frei und sicher ihrer Forschung nachgehen zu können.

Die Pressesprecherin der Universität, Julia Wandt, sagt zur Initiative: "Universitäten tragen eine gesellschaftliche Verantwortung. Studium, Forschung und Lehre müssen unserer Ansicht nach bestimmten Werten folgen. Dazu zählen die Freiheit der Forschung und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Daher ist das Thema der Initiative ein sehr wichtiges für uns." Es sei wichtig den Kontakt in bestimmte Länder nicht abreißen zu lassen.

Und auch die Initiatorinnen von der UGK betonen die Wichtigkeit und den "einleuchtenden" Zweck der Initiative. Die Universitätsgesellschaft Konstanz gibt es bereits seit Gründung der Universität am Bodensee am ersten Februar 1965. Damals hörte sie noch auf den Namen "Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Konstanz." Aktuell besteht sie aus gut 300 Mitgliedern aus universitärem Betrieb und Wirtschaft.

"Internationale Vernetzung gehört zur Wissenschaft dazu"

Dagmar Schmieder ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Kliniken Schmieder, Ehrensenatorin der Universität und Präsidiumsmitglied für Finanzen der Universitätsgesellschaft. Begeistert wirbt sie für die neue Initiative: "Internationale Vernetzung gehört zur Wissenschaft heute dazu. Das ist der Grund, warum die Initiative von der Universitätsgesellschaft, also aus der Universität heraus kommt. Die engen Beziehungen innerhalb der Wissenschaft will man ja nicht abbrechen nur, weil irgendwo ein Regimewechsel passiert. Für die Universitätsgesellschaft ist die Initiative also eine wunderbare Aufgabe."

Denn die Universitätsgesellschaft verstehe sich als Bindeglied zwischen Universität und Region. Die Geschäftsführerin der UGK, Susanne Mahler-Siebler, meint die Initiative betreffe jeden Universitätsangehörigen. Sonst seien Initiativen oft sehr fachbezogen. Ausländische Kollegen habe dagegen jeder Wissenschaftler und werde so angesprochen zu helfen.

Wie kann konkreter Einsatz "Für Forschung. Für Dialog. Für Freiheit." aussehen?

Mahler-Siebler erklärt: "Jeder Angehörige der Universität oder auch ausländische Kollegen können Förderanträge an die Universitätsgesellschaft stellen, wenn sie ein Projekt umsetzen wollen." Dabei gehe es nicht hauptsächlich um die dramatischen Fälle, wenn ein Wissenschaftler derart bedroht ist, dass ihm nur noch die Ausreise aus seinem Heimatland bleibt.

"Nehmen wir den ganzen Titel des Förderprogramms, so steht da explizit für Dialog. Uns geht es um Brücken- und Dialogprojekte und darum, dass das Gespräch nicht abreißt. Will ein hiesiger Wissenschaftler jemanden zu einer Tagung einladen und dafür fehlen die Mittel, so können wir konkret und schnell finanziell helfen", erläutert Mahler-Siebler, "es geht also nicht nur darum, jemanden für einen langen Aufenthalt aus einem bestimmten Land zu holen, sondern auch mal nur um Tagungen und den Erhalt des Dialogs."

Einmischung in internationale Diplomatie?

Konkretes Engagement für gefährdete ausländische Wissenschaftler bedeutet aber auch einen politischen Drahtseilakt zu vollführen. Besteht nicht das Risiko einer universitären Einmischung in diplomatische Konflikte wie beispielsweise mit der Türkei? Mahler-Siebler sieht diese Gefahr nicht: "Es geht nicht darum politische Zustände im Ausland zu bewerten. Im Zentrum stehen die Wissenschaftler, die wir unterstützen möchten, ihre Arbeit weiterzumachen."

Außerdem sei die Initiative nur Teil eines großen Netzwerkes anderer Hilfsangebote wie beispielsweise der Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes kümmert die sich um die dramatischeren Fälle und ermöglicht es gefährdete Wissenschaftler durch Vollstipendien in Deutschland aufzunehmen.

Julia Wandt glaubt ebenfalls nicht an politischen Zündstoff der Initiative: "Universitäten dürfen und müssen sich unserer Meinung nach politisch äußern." Parteipolitisches Engagement sei wegen der Neutralitätspflicht der Universitäten verboten. Darunter falle die Initiative, Wandt zufolge, aber eben nicht: "Wissenschaftler zu unterstützen, die in ihren Ländern nicht frei forschen dürfen, fällt für mich nicht unter parteipolitisches Engagement. Da geht es um eine gesellschaftliche Verpflichtung. Für mich bewegt sich das Engagement für freie Wissenschaft auf einer ganz anderen Ebene als parteipolitisches oder außenpolitisches Engagement. Das ist eine Ebene höher aufgehängt und sehr wichtig."

Was ist das für eine Initiative?

Seit ihrer Gründung am 21. Oktober werde die Initiative zur Unterstützung gefährdeter Wissenschaftler gut angenommen und habe bereits beim Festakt im Rahmen des Universitätsballs zahlreiche Spender gefunden, sei aber weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen, betonen Susanne Mahler-Siebler und Dagmar Schmieder von der Universitätsgesellschaft (UGK). Bislang konnten mit Mitteln der Initiative die Forschungsstipendien zweier ausländischer Wissenschaftler verlängert werden. Beide Wissenschaftler waren aufgrund ihre prekären Lage nicht bereit für ein Gespräch mit dieser Zeitung.

Nächste Ziele seien es, einen Schirmherren für die Initiative innerhalb der Professorats zu finden und studentische Initiativen miteinzubinden. Neben der neuen Initiative fördert die UGK seit über vierzig Jahren Projekte rund um die Universität Konstanz. Unter anderem die Veranstaltungsreihe Studium Generale, kostenfreie Mensaessen für benachteiligte Studierende oder den neuen Lesesaal der Bibliothek. Weitere Informationen gibt es hier.