In Fuß- und Handschellen betritt der Angeklagte den Gerichtssaal, begleitet von zwei Justizbeamten und Sicherheitspersonal.

Bild: Bilder: Oliver Hanser

Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer: "Versuchter Mord" steht auf der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Im Zuhörerbereich sitzen mehrere Jura-Studenten und interessierte Bürger. Neun Zeugen sollen im Laufe des Prozesses aussagen, ein Dolmetscher wird für den Angeklagten auf griechisch übersetzen, ein psychiatrischer Gutachter ist ebenfalls geladen. Fünf Verhandlungstage haben der Vorsitzende Richter Bonath, die Beisitzenden Richter und die Schöffen angesetzt.

Prozess Taxifahrer versuchter Mord 9. Januar 2018
Bild: Hanser, Oliver

Es ist der Prozessauftakt in einem Fall, der vor einem halben Jahr viel Aufmerksamkeit in Konstanz erregte. Nach einem Angriff auf einen Taxifahrer war die Mainaustraße stundenlang abgesperrt, die Spurensicherung sammelte DNA-Proben, die Polizei fahndete öffentlich nach einem mutmaßlichen Messerstecher. Nun soll aufgearbeitet werden, was genau in jener Nacht zum 15. Juni 2018 passierte.

Lebensgefährlicher Angriff

Laut Anklageschrift ist es kurz vor 2.30 Uhr, als ein Mann am Konstanzer Bahnhof in ein Taxi steigt. Alles scheint normal, der Fahrer konzentriert sich auf die Straße. Plötzlich zieht der Fahrgast ein Messer, sticht damit auf den Hals des Taxifahrers ein und schreit "Arschloch". Das Taxi hält auf der Mainaustraße, und bevor der Mann ein zweites Mal zusticht, bekommt der Fahrer seinen Arm zu fassen. Passanten werden auf die Situation aufmerksam und gehen auf das Taxi zu. Der Angreifer flüchtet zu Fuß und lässt den schwer verletzten Taxifahrer zurück. Der kann mithilfe der Passanten gerade noch aus dem Auto aussteigen und die Blutung stillen. Dann wird er bewusstlos.

Tage später, nach einer Not-Operation, wacht er im Krankenhaus aus dem künstlichen Koma auf. Durch den Messerstich wurde seine Halsschlagader verletzt. Der Angriff hätte auch tödlich ausgehen können. In der Zwischenzeit hat die Polizei öffentlich nach dem Angreifer gefahndet, mehrere Zeugen melden sich. Noch am Abend des 15. Juni wird der Tatverdächtige in einem Konstanzer Linienbus in der Nähe des Tatorts festgenommen.

Warum dieser Angriff? Darauf gibt es bislang keine Antwort

Das war vor fast genau einem halben Jahr. Noch heute hat der Taxifahrer laut Anklageschrift mit den Folgen des Angriffs, mit Schwindel-Attacken und Schlafstörungen zu kämpfen. Und mit einer Frage: Warum stach der Mann zu?

Eine Antwort blieb der Angeklagte bislang schuldig, er hat sich bis heute nicht zu der Tat geäußert. Drei Monate saß er im Gefängnis in Haft und wurde später in der geschlossenen forensischen Abteilung des Zentrums für Psychiatrie Reichenau untergebracht.

Die Diagnose: paranoide Schizophrenie

"Im Zustand der Schuldunfähigkeit", wie es juristisch heißt, soll der damals 34-Jährige den Taxifahrer angegriffen haben. Für eine mögliche Verurteilung könnte das bedeuten, dass er seine Strafe nicht in einem Gefängnis, sondern in einer Klinik für psychisch kranke Straftäter absitzt. Auch ein psychiatrischer Gutachter wird aussagen und seine Einschätzung geben, ob der 34-Jährige zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig war – also beispielsweise im Wahn gehandelt hat und sich nicht im Klaren war, was er tut.

Gericht schließt Öffentlichkeit aus

Für den Taxifahrer dürfte diese mögliche Erklärung nicht einfach zu verkraften sein, ebenso wie der Ausschluss der Öffentlichkeit vom Verfahren bei den Zuhörern im Gerichtssaal teilweise auf Unverständnis stieß. "Nein, das kann ich nicht nachvollziehen", sagte noch ein älterer Herr zu einem Anwalt, bevor jener das Gerichtsgebäude verlassen musste.

"Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", so Richter Bonath in seiner Begründung. Aber die schutzwürdigen Interessen des Angeklagten stünden über denen des öffentlichen Interesses.


Fest steht: Der Fall hatte viel Aufmerksamkeit erregt, und der Angeklagte soll vor dem Angriff auf den Taxifahrer noch weitere, kleinere Delikte im gesamten Stadtgebiet begangen haben. In einem Café am Zähringerplatz etwa soll er einer schwangeren Frau die Handtasche gestohlen und diese dann bedroht haben, als sie dem Mann hinterherlief. Direkt verletzt hatte er die Frau zwar nicht, doch wegen der Aufregung habe sie vorzeitig Wehen bekommen und musste in die Frauenklinik. Einen Tag zuvor soll der Angeklagte in einem Irish Pub in der Altstadt die Zeche geprellt und eine Mitarbeiterin bedroht haben.

Auch mehrere Diebstähle sollen auf sein Konto gehen

Darunter fällt der Diebstahl eines Messers in einem Geschäft in der Altstadt, ein Rucksack in einem Hotel am Bahnhof und sogar ein angeleinter Hund vor einem Wollmatinger Supermarkt. Zudem soll der Angeklagte wenige Wochen vor dem Messer-Angriff mit einem anderen Taxifahrer in Streit geraten sein, weil er die Fahrt nicht bezahlt hatte. Als er von zwei Polizeibeamten und dem Taxifahrer gestellt wurde, soll er gegenüber dem Fahrer noch gedroht haben: "Ich finde dich".

Inwieweit dieser Vorfall in Zusammenhang mit dem Messerangriff am 15. Juni steht, dürfte ebenfalls Gegenstand der Verhandlung sein. Zunächst hatte es Gerüchte gegeben, dass die Nationalitäten des griechischen Angeklagten und des Taxifahrers eine Rolle gespielt haben. Einen solchen Ermittlungsansatz hat es aber offenbar nicht gegeben.

Letztes Wort des Angeklagten nicht öffentlich

Angesetzt sind fünf Verhandlungstage. Auch die Plädoyers und das letzte Wort des Angeklagten werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, erklärt Mirja Poenig, Richterin und Pressereferentin am Landgericht Konstanz den Beschluss ihres Kollegen.

Erst das Urteil selbst wird dann wieder öffentlich sein.

Solch einen Fall hat es in jüngerer Vergangenheit bereits gegeben. Bei der Gerichtsverhandlung nach dem Konstanzer Shisha-Fall, in dem es im März 2017 zu tödlichen Messerstichen gegen einen 19-Jährigen kam, war die Öffentlichkeit ebenfalls ausgeschlossen. Das Gericht räumte den Erwägungen zur Erziehung und zum Schutz des zur Tatzeit noch jugendlichen Angeklagten Vorrang vor dem Prinzip der Öffentlichkeit ein. Die Richter gaben damit dem kurzfristig erfolgten Antrag des Verteidigers statt. Der Anwalt hielt es für möglich, dass im Laufe der Verhandlung persönliche Angaben zu seinem Mandanten gemacht werden könnten, die dessen Schutzbedürftigkeit als zur Tatzeit 17-Jähriger angreifen könnten.