Werner Ruckebier leidet an einem genetischen Defekt. Seine Knorpelgelenke gehen langsam kaputt. Stück für Stück schränkt sich seine Bewegungsfreiheit ein. Künstliche Hüftgelenke und Wirbel halten ihn noch zusammen. Mühsam bewegt er sich mit Gehilfen voran.

Meistens liegt der alleinstehende 82-Jährige auf der Couch im Wohnzimmer seiner Wohnung im fünften Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses in der Sonnenbühlstraße, schaut Fernsehen oder liest. Wenn es klingelt, benötigt er 30 Sekunden (mit der Stoppuhr gemessen), ehe er sich aufgerichtet hat, zur Wohnungstür gehumpelt ist und die Fernsprechanlage betätigt.

Offenbar eine zu lange Zeit für Zusteller von Paketen, die nach Angaben des pensionierten Ingenieurs auch nur einmal klingeln – und dann in der Regel sofort einen Zettel im Briefkasten hinterlassen verbunden mit der Bitte, die nun gelagerte Lieferung im Paketzentrum abzuholen.

„Das würde mich jedes Mal rund 30 Euro mit dem Taxi kosten. Da wäre dann die Taxifahrt teurer als der Inhalt des Paketes.“
Werner Ruckebier

Da er nicht mehr mobil ist, bestellt er beispielsweise kleine Geschenke für die Enkel, die ihn regelmäßig besuchen, gerne telefonisch und lässt sie sich zuschicken. "Doch so, wie es im Moment aussieht, ist dieser bezahlte Service der DHL hinfällig."

Hin und wieder wurde ein Paket beim Nachbarn abgegeben und mit einem Zettel darauf hingewiesen, "doch in letzter Zeit nicht mehr, warum auch immer. Da soll mir kein Zusteller erzählen, dass bei so vielen Nachbarn nicht einer zu erreichen war".

Ein DHL-Sprecher sagt: "Es gibt keine konkrete Zeitvorgabe"

Hugo Gimber, Pressesprecher der Deutschen Post DHL Group, erklärt den grundsätzlichen Auftrag der Zusteller: "Pakete und Päckchen sind an der Wohnungstür zu übergeben, unabhängig davon, in welchem Stockwerk der Empfänger wohnt oder ob es im Haus einen Aufzug gibt."

Allerdings schränkt er ein: "Eine konkrete Vorgabe, wie lange der Zusteller nach dem Klingeln warten muss, gibt es nicht. Reagiert der Empfänger einer Sendung in einem Mehrfamilienhaus nicht auf das Klingeln, versucht der Zusteller zunächst, die Sendung an einen anderen Hausbewohner zu übergeben. Erst wenn auch das nicht gelingt, füllt er die Benachrichtigungskarte aus."

Zum Rauchen auf dem Balkon? Ruckebier schüttelt den Kopf

Auf den aktuellen Fall angesprochen sagt er: "Sie können davon ausgehen, dass zwischen dem ersten Klingeln beim Empfänger und dem Einwurf der Benachrichtigungskarte mindestens 45 bis 60 Sekunden vergehen. In vielen Fällen, in denen unseren Zustellern vorgeworfen wird, dass sie nicht geklingelt hätten, stellt sich heraus, dass der Empfänger kurz im Keller, unter der Dusche oder zum Rauchen auf dem Balkon war."

Werner Ruckebier kann angesichts dieser Worte nur den Kopf schütteln: "Es scheint heute ja eine reine Lotterie zu sein, ob die Pakete tatsächlich ankommen oder nicht."

Werner Ruckebier holt einmal mehr einen Hinweiszettel der DHL aus seinem Briefkasten.
Werner Ruckebier holt einmal mehr einen Hinweiszettel der DHL aus seinem Briefkasten. | Bild: Oliver Hanser

Die Zusteller stehen unter hohem Leistungsdruck

Ein Paketzusteller fährt laut der DHL morgens mit 180 bis 200 Paketen in seinem Bezirk aus. Das entspricht bei einem Acht-Stunden-Tag rund 25 Paketen pro Stunde – zweieinhalb Minuten pro Paket, inklusive Fahrzeit.

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Der Vorwurf liegt im Raum, dass so mancher Zusteller wegen dieses Zeitdrucks gar nicht erst klingelt, sondern sofort eine Benachrichtigung hinterlässt, um im Zeitplan zu bleiben.

Hugo Gimber von DHL widerspricht dieser Rechnung vehement: "Würde ein Zusteller viele Sendungen einfach wieder zurückbringen, dann hätte er sehr schnell ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Die Benachrichtigungsquote der einzelnen Zusteller ist für unsere Führungskräfte eine Zahl, die intensiv beobachtet wird."

DHL gelobt Besserung

Hugo Gimber hat sich trotzdem in Konstanz schlau gemacht und mit den verantwortlichen Kollegen vor Ort gesprochen. Er berichtet: "Nach deren Auskunft ist im Zustellbezirk, zu dem die Sonnenbühlstraße 46 gehört, eine erfahrene und sehr zuverlässige Zustellkraft im Einsatz, die eine sehr niedrige Benachrichtigungsquote hat."

Und er hat auch eine positive Nachricht für Werner Ruckebier: "Die Kollegen haben mir zugesagt, in das System einzugeben, dass bei Sendungen für Haus Nummer 46 länger gewartet wird. Diese Information erhält der Zusteller künftig über seinen Handscanner immer dann, wenn eine Sendung für dieses Haus zur Zustellung vorliegt."