Henry ist noch wach, als es klingelt. Es ist 20 Uhr, der Fünfjährige sollte eigentlich schon schlafen. „Wer kommt da?“, fragt der Kleine. „Der Mann, der einen Bericht über das Geburtstagsspiel von Papa schreibt“, erklärt Mama Lina. „Schlaf jetzt. Gute Nacht.“

Damit gibt sich Henry zufrieden. Papas Geburtstag, das wird die größte Party des Jahres in Konstanz. Klar, darüber muss berichtet werden. 500, 600 vielleicht sogar 1000 oder noch mehr Gäste werden am Freitag in der Schänzlehalle erwartet, um Lars Menck zu feiern, der an diesem Tag vor 40 Jahren geboren wurde.

Der Jubilar selbst wird fehlen. Lars Menck, der langjährige Kapitän der Konstanzer Basketballer, ist tot. Er starb am 2. September nach schwerer Krankheit. „Wir vermissen unseren Papa, Ehemann, Bruder und Sohn, der uns viel zu früh und unerwartet genommen wurde“, stand wenige Tage später in der Todesanzeige der Familie.

„Warum hast du mich allein gelassen?“

Es ist ein Dienstagabend im Konstanzer Ortsteil Petershausen. An der Wohnzimmerwand im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses hängt ein Bild von Lars Menck, das ihn mit seinen beiden Söhnen zeigt. In ihren dunklen Stunden, wenn Trauer und Verzweiflung alle anderen Gedanken auffressen, steht Lina manchmal davor und hadert mit dem Schicksal. „Warum hast du mich allein gelassen?“

Vielleicht hilft in der Trauerarbeit auch das Spiel am Freitag, wenn Freunde und Weggefährten zum Andenken an Lars Menck Basketball spielen werden. „Die Beerdigung fand ja im engsten Familienkreis statt, weshalb nicht alle Abschied nehmen konnten. Die Idee, dass alle seine Freunde und Fans an seinem 40. Geburtstag zu einem Spiel zusammenkommen, hätte ihm sicher gefallen.“

Aus Baden-Württemberg, Köln, Berlin und anderen Städten der Republik werden Spieler anreisen. Nicht die Top-Stars der Szene, sondern Spieler aus der zweiten, dritten Liga oder aus gar noch tieferen Spielklassen – aber das spielt keine Rolle. „Es soll auch kein trauriger Tag, sondern etwas Positives werden.“

Schwere Verletzung bei Überfall

Etwas Positives. Das hätte dem Verstorbenen ganz sicher gefallen. „Nur wer Positives ausstrahlt, kann Positives bewirken“, lautete das Lebensmotto von Lars Menck. Das versuchte er vorzuleben. Auf dem Platz, wenn es mal gegen die Konstanzer Basketballer lief, nach dem Spiel, egal wie es ausging, und auch wenn es ums Aufräumen ging.

Selbst als er 2008 unverschuldet vor einer Disco angegriffen wurde, als zwei junge Männer ihre Gürtelschnallen zwischen die Finger der Faust steckten und ihm ins Auge schlugen, blieb er positiv. Menck kämpfte sich zurück in den Spitzensport, obwohl er einseitig fast keine Sehkraft mehr hatte.

Von der Partie, in der er seinen ersten Dreipunktewurf nach dem Überfall traf, davon, wie die Halle vor Jubel bebte, erzählen die Fans der damals in der 2. Bundesliga spielenden Konstanzer noch heute. „Er hat nie gehadert. Lars schaute stets nach vorn und konzentrierte sich auf das, worauf er Einfluss hatte“, sagt Lina.

Es gab eine Zeit, in der es leicht fiel, Positives auszustrahlen

Die beiden wurden 2009 ein Paar. Lina zog wegen ihres Berufs als Orthopädietechnikerin von Heidelberg nach Konstanz. Basketball spielt sie seit ihrem sechsten Lebensjahr, Menck war Trainer der Konstanzer Damenmannschaft. 2010 ziehen sie zusammen, zwei Jahre später wird geheiratet.

Lars und Lina Menck 2012 bei ihrer Hochzeit. <em>Bild: Privat </em>

Eine Fotocollage im Esszimmer erinnert an das Fest, drei Dutzend Bilder zeigen die Hochzeitsgäste – alle mit Basketballtrikots über Anzügen und Kleidern. Sohn Henry kommt im gleichen Jahr zur Welt, sein Bruder Phil 2016. Da hatte Lars Menck seine aktive Karriere bereits beendet.

Die Konstanzer Basketballer sehen in ihm nach Abstiegen und Neuausrichtung den designierten Vorsitzenden. Es ist eine tolle Zeit, eine, in der es leicht fällt, Positives auszustrahlen, Positives zu bewirken.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Lars und Lina Menck. <em>Bild: Privat</em>

Die Anfänge der Krebserkrankung

Dann beginnt das Jahr 2017. Lina erzählt mit ruhiger Stimme, wie die vermeintlich heile Welt erst Risse bekam – und dann unwiderruflich dahin ist. Lars, Lina und die Kinder sind im Urlaub auf Mallorca. Es ist Anfang Mai, zum Baden im Meer ist es noch zu kalt, aber die Baleareninsel ist auch im Frühling eine Reise wert. Es sind die letzten richtig glücklichen Tage der Familie.

„Irgendwann klagte Lars über Übelkeit. Wir dachten, dass er vielleicht ein verdorbenes Stück Fleisch in einem Restaurant gegessen hatte, aber es wurde immer schlimmer.“ Zurück in Konstanz, vermutet der Hausarzt eine Gelbsucht, im Klinikum der Stadt am Bodensee wird dann ein Lebertumor im Gallengang gefunden. Menck wird nach Freiburg überwiesen, die Zeit drängt.

Von 100 Patienten mit einem solchen Tumor leben nach fünf Jahren nur noch zehn bis zwanzig Prozent. Als er in den Breisgau fährt, drückt er seiner Frau ein Formular in die Hand. „Es war eine Patientenverfügung, wie sie auch seine Schwester nach ihrer schweren Erkrankung wenige Wochen zuvor hatte erstellen lassen“, sagt Lina. „Er lehnte alle lebensverlängernden Maßnahmen ab.“ Nur für alle Fälle. „Wir haben nie vom Sterben gesprochen. Das Wort haben wir nie gebraucht. Lars sprach immer nur vom Worst-Case-Szenario.“ Den schlimmsten anzunehmenden Umständen.

Krebs-Operationen in Freiburg

Drei vorbereitende Operationen auf den großen Eingriff werden in Freiburg gemacht. Lars geht es gut, die Familie lädt Freunde und Bekannte sogar zu einem Grillfest ein, als der 2-Meter-Mann für zwei Wochen nach Hause darf. Damit Frau und Kinder nah bei ihm sein können, wird der eigentliche Eingriff in Heidelberg gemacht, wo Linas Eltern und Verwandte leben und wo sie mit den Kindern übernachten kann.

Acht Stunden dauert die Operation. „Ich bekam danach einen Anruf von den Ärzten, dass alles gut gegangen sei.“ Positiv denken. Auf Positives hoffen – vergeblich. „Drei Tage später fing die Komplikationsscheiße an.“

Es gibt kein anderes Wort für das, was in der Folge geschieht. Menck geht es zunehmend schlechter, der Körper streikt, er erleidet unter anderem eine Lungenentzündung. Lina bringt Bananenmilch und Nudeln mit Pesto mit ins Krankenhaus zur Aufmunterung. Elf Operationen in elf Wochen werden zusammenkommen. Die Familie ist bei ihm. So oft es geht eben.

Am Hochzeitstag muss Lina in Konstanz sein. Egal, es wird ja noch viele andere geben. Positiv denken. Noch gibt es Hoffnung, denn der Tumor ist gutartig. Als die Ärzte die frohe Kunde dem Paar mitteilen, fließen Tränen. „Ich habe Lars davor nur zwei Mal weinen gesehen – bei der Geburt unserer Kinder.“

Der letzte Spaziergang

Der 23. Juli ist ein Sonntag. Lina und die Kinder setzen Lars in einen Rollstuhl, verbringen einige Stunden in dem Park vor dem Krankenhaus. „Es gibt da Feldhasen und viele Obststräucher“, erzählt Lina. Henry und Phil pflücken Mirabellen und Brombeeren für den Papa. „Es war so schön. Lars sagte, dass er weinen könnte vor Glück.“

Der Mittag endet abrupt. „Es war spät, Lars war erschöpft, sein Zimmernachbar nicht gut drauf, die Kinder schoben den Rollstuhl aus dem Zimmer und durch den Krankenhausgang, ich musste hinterher und wir hatten ja noch einige Stunden Autofahrt vor uns.“ Ein schneller Kuss, ein zugerufenes Tschüss. Das wars. „Das bereue ich bis heute.“

Am nächsten Tag sagen die Ärzte, dass sich der Tumor bei einer Nachuntersuchung doch als bösartig herausgestellt habe. Am Dienstag um 12.30 Uhr ein weiterer Anruf aus der Klinik. Menck habe wegen einer Lungenembolie einen Herzstillstand erlitten. Die Familie eilt nach Heidelberg, der Vater und Ehemann liegt im Koma. Überall Schläuche, die Geräte piepen. Die Ärzte sprechen von einem mittleren bis schweren Hirnschaden und davon, dass Lars sich nicht mehr erholen würde.

Beisetzung im engsten Familienkreis

Lina berichtet ruhig über die schweren Tage. „Ich habe genug geweint in all dieser Zeit. Mir wurde schon nachgesagt, dass ich zu wenig Trauer zeige, aber das bringt ja auch nichts. Wem wäre damit geholfen?“ Sie funktioniert – damals wie heute.

Es ist die Zeit des Worst-Case-Szenario, über das er und seine Frau zu Beginn der Krankheit in aller Deutlichkeit gesprochen hatten. Sie reicht die Patientenverfügung ein, eine zehnköpfige Ethikkommission, bestehend aus Seelsorgern, Ärzten und anderen Experten, bestimmt, dass Lars sterben darf. Er wird verlegt in eine Palliativklinik, die künstliche Ernährung wird eingestellt.

Zwölf Tage bleiben zum Abschiednehmen, am 2. September ist es vorbei. Sechs Wochen lagen zwischen Lungenembolie und Tod.

Lars Menck wird auf dem Hauptfriedhof in Konstanz beigesetzt. Auf dem Grabstein ist ein Basketball zu sehen. „Wir haben unseren Kapitän, unseren Coach und unseren Visionär verloren. Vor allem aber einen wunderbaren Freund“, schreibt der TV Konstanz zum Abschied.

Die Ligaspiele danach beginnen mit einer Schweigeminute, auch das der Frauenmannschaft, für die Lina wieder spielt. „Ich war völlig neben mir.“ Freunde helfen ihr im Alltag. Es geht weiter. Irgendwie.

Ein Abschiedsspiel für Lars

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Sie arbeitet wieder halbtags, es muss ja Geld für die Familienkasse her. Jammern hilft nicht. Und als trauernde Witwe, die die Hand ausstreckt, dastehen? Niemals. Der Eintritt ist daher auch kostenlos, wenn am Freitag das wohl emotionalste Basketballspiel stattfinden wird, das es jemals in Konstanz gegeben hat.

Wer möchte, kann ein T-Shirt für 20 Euro kaufen, der Gewinn wird auf ein Konto für Henry und Phil eingezahlt. Auf der Vorderseite steht „1978 – 2017. In Memory of 33“ – In Erinnerung an die 33, Lars’ Trikot-Nummer. Und auf der Rückseite die Worte, die bleiben: „Nur wer Positives ausstrahlt, kann Positives bewirken.“

 

Das Spiel für Lars Menck beginnt am Freitag um 19.00 Uhr in der Schänzlehalle in Konstanz. Hallenöffnung ist um 18.00 Uhr

 

Zur Person

Lars Menck wurde am 19. Januar 1978 in Ulm geboren. Er begann seine Basketball-Karriere bei der TSG Söflingen. Beim SV Oberelchingen schnupperte Menck Erstliga-Erfahrung, bevor er nach den Stationen Wittlich (Regionalliga), Kaiserslautern (2. Bundesliga) und Ehingen/Urspringschule (2. Bundesliga) 2005 nach Konstanz kam. Der gelernte Werbekaufmann war verheiratet und hatte zwei Söhne. Er starb am 2. September 2017. (sal)