Bunte Vielfalt statt Einheitsarchitektur mit Grünflecken, auf denen sich keiner aufhalten will: Bürger wünschen sich fürs Siemens-Areal den Aufbau eines weitgehend autofreien Quartiers mit Seele. Ihnen schwebt eine Mischung aus Räumen für Kleingewerbe, Gründer, Handwerk, Kunst, Kultur, Sport, gemeinschaftliches Wohnen, Gastronomie und Plätzen vor, die zum Verweilen sowie zur Begegnung einladen.

Im neuen Stadtviertel solle Wohnraum für alle Gehalts- und Altersklassen entstehen. Das neue Stadtviertel solle zudem gut vernetzt werden mit bestehenden Angeboten in Petershausen. Der Konstanzer Künstler Markus Brenner forderte ein cooles und sexy Quartier, das nicht nur Bedürfnisse reicher Senioren abdecken solle. Mehrfach fiel in der Debatte der Vergleich mit dem Neuwerk, das zwar keine Wohn- aber eine Mischung aus Arbeits-, Veranstaltungs-, Kultur-, Hobby- und Gastronomieräumen hat.

Es sollen möglichst viele Bürgerwünsche berücksichtig werden

"Sie wissen, was hier richtig ist für Sie und für Konstanz", sagte zum Auftakt der Bürgeranhörung Alexander Stuchly, Geschäftsführer der I+R Wohnbau GmbH, die das Areal entwickelt. Es handle sich bei dieser Gesprächsrunde um kein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren, sondern um die Bitte an die Bürger, zu sagen, was sie für wichtig halten. Man werde versuchen, möglichst viele der eingebrachten Ideen aufzugreifen, unter anderem bei der Ausschreibung der Architektur- und Planungswettbewerbe, die gerade vorbereitet werden.

Denn bei den Planungen für das Quartier sei noch nichts festgeschrieben. Der Prozess beginne gerade. Man versuchen, möglichst große Schnittmengen zu den Bürgervorstellungen zu finden. Die I+R Wohnbau GmbH, Teil eines 113 Jahre alten Vorarlberger Familienunternehmens, will bis Frühjahr 2018 den Architekturwettbewerb starten und bis im Herbst die Siegerentwürfe präsentieren. Im Anschluss sollen die Detailfestlegungen im Bebauungs- und Flächennutzungsplan beginnen. Alexander Stuchly kündigte an, für die konkreten Bauten regionale Handwerker beschäftigen zu wollen.

Investor geht mit "hoher Sensibilität" an die Planung

Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn geht davon aus, dass die Stadt mit der I+R einen "tollen" Partner gefunden hat. So intensiv und kollegial habe er noch mit keinem anderen Investor verhandelt. Das Unternehmen gehe mit hoher Sensibilität ans frühere Siemens-Quartier heran. Der Bürgermeister kündigte Planungen für einen neuen Radweg entlang Schienen an. Dieser solle den Bodenseeradweg entlasten. Zudem sei eine neue Querverbindung zum Seerhein geplant. Laut dem Lärmschutzgutachter Walter Körner können Schallschutzwände das Quartier vor Lärm von der Schiene und der Oberlohn- straße abschirmen.

Ralf Huber-Erler, der für die I+R die Verkehrsplanung übernimmt, hat ein Gutachten zum zusätzlichen Autoverkehr erstellt, der bei einem entwickelten Siemens-Areal zu erwarten ist. Er sieht allein Probleme am Kreisverkehr an der Oberlohnstraße. Alle anderen untersuchten Knotenpunkten könnten den Mehrverkehr aufnehmen. Der Oberlohnkreisel aber sei schon heute an der Belastungsgrenze. Hier könnte eine Ampelkreuzung mit einer Vorrangschaltung für die Hauptverkehrsrichtung Abhilfe schaffen.

Eventuell wäre es auch möglich, den bestehenden Kreisel durch neue Umfahrungsspuren zu ertüchtigen. Ziel der Verkehrsplanung sei es, die Autos der Anlieger schon bald nach Einfahrt in die Bücklestraße ans neue Quartier zu lenken. Der Grüne Stadtrat Roland Wallisch schlug den Bau einer demontierbaren Parkpalette am Rande des 70770 Quadratmeter großen Siemensgeländes vor, anstelle einer Tiefgarage. Denn diese verteure jedes Bauvorhaben. Bürger regten an, in jedem Fall Aufstellflächen für Paketlieferanten einzuplanen oder eine Paketstation. Anwohner befürchten, dass die Bücklestraße den Verkehr des neuen Quartiers nicht aufnehmen kann.

Museum, Ateliers oder doch Wohnfläche?

In vier verschiedenen Themengruppen machten Bürger ihre Vorschläge für das neue Quartier in der Bücklestraße. Für die 5500 Quadratmeter große und denkmalgeschützte frühere Produktionshalle (Shedhalle) gibt es vielfältige Nutzungsvorstellungen, sie reichen von Multifunktionsräumen, über ein Museum für die hiesige Technikgeschichte bis zur Markthalle. Bürger wünschen sich auch Ateliers, Mitmachwerktstätten, Bürger- und Quartiersräume sowie Flächen für gemeinschaftliches Wohnen.

Letzteres könnte halböffentliche Räume auch fürs Quartier öffnen, etwa als Werkstatt für alle. Mehrere Redner appellierten, die Zugangsachsen zum Quartier attraktiv zu gestalten. Um den Autoverkehr klein zu halten, solle das Quartier Plätze fürs Autoteilen und für Lastenräder und Elektromobile einplanen, schlagen Bürger vor.

Viele forderten Spiel- und Sportmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche im Quartier. Stuchly sprach vielen aus der Selle, als er sagte, die I+R betrachte den Freiraum als zweites Wohnzimmer. Hier müsse es Orte zum Rückzug und für Spiel und Spaß geben. Auf der Wunschliste der Bürger steht unter anderem ein Abenteuerspielplatz.

Die I+R Wohnbau GmbH

Sie gehört zur I+R-Gruppe, einem Vorarlberger Bau-Unternehmen mit Tradition. Die Wurzeln der Gruppe gehen bis ins Jahr 1904 zurück. Heute hat die Gruppe rund 1000 Mitarbeiter und erwirtschaftet 450 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen sagt von sich selbst, ihm sei Qualität lieber als Quantität. Wie der Geschäftsführer der I+R Wohnbau GbmH, Alexander Stuchy, am Rande der Bürgeranhörung im Wolkensteinsaal sagte, habe seine Firma auch schon mal auf eigene Kosten eine Kapelle errichtet, einfach weil sie es für notwendig hielt an diesem Ort. Die I+R Wohnbau GmbH will das 70770 Quadratmeter große Gelände des früheren Siemensareals als neues Stadtquartier entwickeln. Wie viele Menschen dort künftig leben und arbeiten werden, ist noch unklar. Es kommt darauf an, was genau verwirklicht wird. Voraussichtlich werden auf dem ehemaligen Industrieareal mehrere tausend Menschen künftig ihren Lebens- und Arbeitsraum haben.