Es ist zwar fast vier Jahrzehnte her, aber Harald Schuster kann sich noch sehr gut an ein Ereignis erinnern, das Heinz Mayer perfekt charakterisiert. „Anfang der 1980er Jahre bekam ich einen Anruf“, sagt Schuster, der Vorsitzende des USC Konstanz. Am anderen Ende der Leitung war eben jener Heinz Mayer, den Schuster damals nur flüchtig kannte.

„Hallo, Mayer hier“, sagte der, „ich bin der Rektor der Gebhardschule und leite bei uns die Volleyball-AG. Ich bräuchte jemanden, der mir hilft, den Kindern beizubringen, wie man einen Lob spielt.“ Schuster war baff. „So etwas hatte ich noch nie erlebt“, sagt er, „dass ein Rektor mich Studenten anruft und darum bittet, ihm etwas zu zeigen.“ Eine Dreiviertelstunde später trafen sich die beiden in der Halle. Der erste Akt einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte.

Harald Schuster.
Harald Schuster. | Bild: Hanser, Oliver

In den folgenden Jahrzehnten macht sich Heinz Mayer als Förderer der USC-Volleyballjugend weit über die Bodenseeregion hinaus einen Namen. Den Lohn für sein Lebenswerk bekam er wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag: die Ehrennadel und den Sportehrenbrief der Stadt Konstanz.

„Heinz wurde nicht nur fürs Volleyball geehrt, sondern für seine Arbeit als Leiter einer sogenannten Brennpunktschule. Der Sport war für ihn der Anlass zum sozialen Lernen“, weiß Schuster, der längst zu einem der engsten Freunde des Jubilars geworden ist. „Heinz hat immer versucht, zu lernen und ist bei allen Erfolgen nie auf dem hohen Ross gesessen.“ Zwischen den Anfängen und diesen Auszeichnungen liegt eine bewegte Zeit.

Heinz Mayer bekommt von OB Uli Burchardt den Sportehrenbrief überreicht.
Heinz Mayer bekommt von OB Uli Burchardt den Sportehrenbrief überreicht. | Bild: Stadt Konstanz/Julia Ben-David

Seine unbändige Neugierde und die Fähigkeit zur Begeisterung bringen Heinz Mayer als Spätberufenen zu dem Sport, der große Teile seines Lebens bestimmen wird. 1972 bei den Olympischen Spielen in München sieht der Konstanzer das Volleyball-Finale zwischen der DDR und Japan – und es ist um ihn geschehen. Zunächst gründet er eine Lehrersportgruppe an der Gebhardschule, die er fast 25 Jahre lang leitet. „Ich hatte keine Ahnung von Technik und Taktik“, sagt er heute und lacht.

Dennoch ist der Ehrgeiz geweckt. Mayer bildet sich an der Sporthochschule Ludwigsburg weiter, organisiert eine Volleyball-AG für die Schüler – und greift eines Nachmittags zum Telefonhörer und wählt die Nummer von Harald Schuster. Bald danach wurde der Quereinsteiger schon als Trainer beim USC Konstanz verpflichtet.

200.000 Kilometer für den Volleyball auf der Straße

Fortan verbringt Mayer viel Zeit in der Sporthalle oder auf der Straße. „Drei- bis viermal pro Woche hatten wir Training, dann war ich auch an den Wochenenden sehr oft unterwegs“, sagt der heute 80-Jährige, der nach eigener Aussage „weit über 200.000 Kilometer“ für seine Volleyballer durch die Weltgeschichte gefahren ist. Sei es als Coach des USC oder als Co-Trainer der Südbadischen Auswahl.

Dabei erinnert sich der Pensionär mit großer Freude an ein Turnier im französischen Le Havre. „Wir standen mitten in Paris in einem fürchterlichen Stau“, sagt Mayer. „Die ersten Autofahrer fingen bereits an zu hupen, als unser Trainer Thomas Vogt seine Trompete nahm und aufs Dach unseres Kleinbusses geklettert ist“, fährt er fort. Vogt stimmt die Marseillaise, die französische Nationalhymne, an. „Da wurde es plötzlich ganz ruhig auf der Straße und alle haben ‘Vive l‘Allemagne‘, es lebe Deutschland, gerufen“, erzählt Mayer mit einem lauten und ansteckenden Lachen.

Die U14 des USC Konstanz gewann 2015 mit (hinten, von links) Co-Trainer Philipp Sigmund und Trainer Heinz Mayer sowie vorn (von links): Lennart Heckel, Vincent Schmidt, Yannick Kempe, Ole Lepp, Linus Engelmann, Tobias Ettl die Bronzemedaille bei der Deutschen Meisterschaft.
Die U14 des USC Konstanz gewann 2015 mit (hinten, von links) Co-Trainer Philipp Sigmund und Trainer Heinz Mayer sowie vorn (von links): Lennart Heckel, Vincent Schmidt, Yannick Kempe, Ole Lepp, Linus Engelmann, Tobias Ettl die Bronzemedaille bei der Deutschen Meisterschaft. | Bild: Ivan Speta

Dank seiner zahlreichen Fortbildungen bleibt Mayer in seinem Sport immer auf dem neuesten Stand – und doch ganz ein Mann der alten Schule. „Ich bin sein Mail-Account“, sagt Freund Harald Schuster und grinst: „Wenn eine Nachricht kommt, dann drucke ich sie aus und fahre mit dem Auto zu ihm nach Litzelstetten.“ Ein Handy habe Heinz Mayer seit geraumer Zeit, das schon, fährt Schuster fort: „Das ist aber nie an.“

Neben Sport und Schule sind Kunst und Kultur zwei weitere große Leidenschaften von Heinz Mayer. „Ich habe alle berühmten Dirigenten der Welt gesehen“, schwärmt der Klassik- und Reisefreund, der die größten Häuser der Welt besucht hat: Metropolitan Opera in New York, Mailänder Scala, Venedig, Petersburg, Salzburger Festspiele. Im Regal seines Fachwerkhauses am Ortsrand von Litzelstetten stapeln sich neben dem Grammophon zahlreiche Kunstbände. Ein Mann, der sich in ganz unterschiedlichen Welten wohlfühlt.

Video: Jäckle, Reiner

Eines haben sie aber in all den Jahren immer gemeinsam, der Schulleiter und der Volleyballlehrer. In beiden Rollen setzt Heinz Mayer sich für den Nachwuchs ein. Ganze Generationen von Kindern gehen bei ihm in die Lehre. Fördern und fordern, lautet seine Devise. „Als Trainer war er ein väterlicher und verlässlicher Partner und Erzieher der Jugendlichen. Im besten Sinne ein Pädagoge“, sagt Harald Schuster.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Mayer bei 30 Starts und zwei Titelgewinnen bei Deutschen Meisterschaften mit den USC-Teams auch die Qualifikation seiner Schulmannschaft für das Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ im Jahr 1997 als besonderen Erfolg nennt.

Integration als ganz großes Thema

Über allem steht das Thema Integration. Sowohl im Sportverein als auch an der Schulbank bemüht sich Heinz Mayer besonders um ausländische Kinder. „Das hat angefangen mit den Vietnamesen von der Cap Anamur, dann kamen Flüchtlinge aus Eritrea oder Jugoslawien und schließlich die Spätaussiedler“, sagt Mayer. Einige von ihnen schaffen es dank ihres Jugendförderers sogar in die Bundesliga oder die Nationalmannschaft. Wie Patrick Speta.

Als der im Kindesalter aus Tschechien nach Konstanz kommt, spricht er kaum Deutsch. Mayer büffelt jeden Tag zwischen Schule und Training mit dem Jungen. Speta ist fleißig wie sein Lehrmeister und wird immer besser – im Umgang mit Buch und Ball. Nach dem Abitur studiert der Jugendnationalspieler in Bamberg und schlägt in der Bundesliga auf. Eine Biographie, die Heinz Mayer ganz besonders in Erinnerung bleibt.

Für Heinz Mayer ist Erfolg nicht alles

Bei all den Titel und Triumphen ist er immer bescheiden. „Ich bin schon stolz“, sagt er über die beiden Ehrungen, fügt aber sogleich hinzu: „Mir ist bewusst, dass diese Ehre auch andere verdient hatten, die sich im Konstanzer Sport engagieren.“ Natürlich habe ihn der Erfolg angespornt, gibt Heinz Mayer zu, „sonst hätte ich es nicht so lange gemacht, aber Erfolg ist nicht alles“, sagt er. „Sehr viele Kinder wurden keine Leistungssportler. Gerade die hatten großen Spaß am Trainieren und waren besonders dankbar.“

Die U-13-Volleyballer des USC Konstanz wurden mit Trainer Heinz Mayer 2014 Südbadischer Meister (von links): Vincent Schmidt, Noah Halbauer, Yannik Kempe, Ole Lepp, Tobias Ettl, Linus Engelmann und Lennart Heckel.
Die U-13-Volleyballer des USC Konstanz wurden mit Trainer Heinz Mayer 2014 Südbadischer Meister (von links): Vincent Schmidt, Noah Halbauer, Yannik Kempe, Ole Lepp, Tobias Ettl, Linus Engelmann und Lennart Heckel. | Bild: unbekannt

Vor zwei Jahren hat Heinz Meyer das Zepter an den Trainernachwuchs beim USC weitergegeben. Das Aufstehen aus dem Sessel und das Gehen fällt ihm immer schwerer. Die Knieprobleme rühren nicht vom Sport, sondern von einem Motorradunfall vor 60 Jahren. Trotzdem: So ganz loslassen kann der leidenschaftliche Jugendförderer noch immer nicht. „Wenn sie mich brauchen, als Mannschaftsbetreuer oder Fahrer, springe ich natürlich gerne ein. Ich fahre auch schon mal zu einer Deutschen Meisterschaft, wenn unsere Kinder spielen“, sagt Mayer.

Als er neulich seinen runden Geburtstag mit der Familie verbringt und wieder nach Hause kommt, liegt eine Schachtel Pralinen vor der Tür. Ein Geschenk von einem früheren Spieler. Sie alle wissen noch immer ganz genau, was sie ihrem Heinz Mayer zu verdanken haben. Oder wie Harald Schuster es formuliert: „So eine Person wie ihn gibt‘s nicht noch einmal.“