Barbara Ulmer steckt den Schlüssel in ihre elektronische Kasse, der Drucker surrt. Sie zuckt ein Stück zurück, als sie realisiert: Sie braucht keine Kasse, keinen Bon-Drucker in ihrer Boutique „Etoile“ am Fischmarkt. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag oder übernächsten.

Exklusivität auf 170 Quadratmetern

„Entschuldigung, das war Routine“, sagt sie und zieht den Schlüssel wieder aus der Kasse. Zum Gespräch mit dem SÜDKURIER hat sie ihre Boutique an diesem Tag geöffnet. Das Etoile ist stilvoll eingerichtet, die schnörkelverzierten Sofas in barockem Stil, der schwere Teppich, der marmorne Tresen in saphirgrün. Alles in diesem 170 Quadratmeter großen Verkaufsraum sagt: Exklusivität.

Bild: Eva Marie Stegmann

Lieferanten werden aus Verkaufserlösen gezahlt. Nur: Verkaufen ist nicht mehr

Auch die italienische Mode, die hier verkauft wird, ist exklusiv. Und genau das ist das Problem von Barbara Ulmer und vieler anderer Textilhändler in Konstanz. Sie haben die Lager voll mit der aktuellen Frühlings- und Sommermode. Mode, deren Wert je nach Marke schnell im sechsstelligen Bereich liegt. Und die noch nicht bezahlt ist. „Bei uns läuft es so: Wir zahlen die Lieferanten mit den Erlösen aus den Verkäufen.“ Doch Verkaufen ist nicht mehr, seitdem das Land die Läden dicht gemacht hat. Wegen Corona. Und die Lieferanten nehmen die Ware nicht zurück. Die Ware für die Herbst- und Wintersaison soll im Juni kommen.

Bild: Eva Marie Stegmann

„Mein Warenlager kann ich auf dem Fischmarkt in einen Container werfen.“

Nun bieten Land und Bund Kredite für in Not geratene Unternehmen an. Dafür hat Barbara Ulmer nur ein müdes Lächeln übrig. Sie hat es drastisch in einem Brief an den Oberbürgermeister formuliert: „Mein Warenlager kann ich theoretisch mit einem weiteren Kredit (der übrigens NICHT wie überall verkündet wird schnell und unkompliziert sofort gewährt wird) bezahlen und auf dem Fischmarkt in einen Container werfen und spenden.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Denn: Barbara Ulmers Ware ist verderblich. Nicht so verderblich wie Fisch oder Gemüse. Es dauert etwas länger. „Die Sommersaison startet jetzt“, sagt Barbara Ulmer und nimmt sich eine Zigarette. Eigentlich hat sie mit Rauchen aufgehört. Aber seit der Laden zu ist, weiß sie nicht mehr weiter. „Spätestens im Juni müssen wir die Preise senken, wenn wir dann überhaupt schon wieder geöffnet haben.“

Wunsch an Oberbürgermeister: Dass er sich vor die Textilhändler stellt

Was sie sich von Oberbürgermeister Uli Burchardt wünscht? „Dass er schnell und unbürokratisch für Hilfe sorgt – und damit meine ich keine Kredite. Sondern, dass beispielsweise Konstanzer Banken die Dispos zu niedrigen Zinsen erhöhen. Ich wünsche mir auch, dass er zeigt, wie wichtig ihm der Einzelhandel ist. Dass wir gemeinsam eine Strategie erarbeiten. Dass er sich vor uns stellt. Doch das tut er nicht.“

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Antwort vom Oberbürgermeister bereits da

Uli Burchardt hat auf ihren offenen Brief bereits geantwortet. Unter anderem, dass er die neuesten Informationen, die er bekommt, immer sofort weitergibt. Dass ihm der Einzelhandel wichtig ist. Aber auch, dass die Stadt Konstanz nicht für die finanziellen Schäden der Einzelhändler aufkommen kann.

Bild: Eva Marie Stegmann

Angst, dass die Kleinen schließen – und die Großen gerettet werden

Ein Kredit wäre für die alleinerziehende Mutter, die täglich zwölf Stunden in ihrem Laden steht, ein herber Schlag. Denn sie hatte sich bereits verschuldet, um von der Marktstätte, wo die Miete zu teuer geworden war, an den Fischmarkt umziehen zu können. 2017 brach man bei ihr ein, das ganze Lager leer. Nun, endlich, hatte sich ihre Lage stabilisiert.

„Ich habe aus eigener Hände Kraft und mit 80-Stunden-Wochen meine Kredite abbezahlt“, sagt sie. Sie hebt den rechten Arm, ihre Hand zittert leicht. „Nun noch einmal einen Kredit aufzunehmen, das wäre wie von vorne anzufangen.“ Sie senkt den Kopf. Man merkt, wie sehr sie sich bemüht, nicht die Fassung zu verlieren. „Ich weiß, dass wir gerade alle in einem Boot sitzen, uns trifft die Krise alle, ich bin kein Einzelfall.“ Sie stockt. „Nur: Ich habe solche Angst, dass die kleinen Betriebe wie meiner platt gemacht werden – und der Staat nur die großen rettet, die Ketten.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Das sehen andere Einzelhändler genauso wie sie. Für ihren Brief hat sie viel Zuspruch aus der Branche bekommen.

Wie wäre es denn mit Online-Handel in der Corona-Zeit?

Sie lacht ein bitteres Lachen. „Dieses Geschäft hier ... ist eine Sozial-Einzelhandel-Kontaktbörse. Zu 90 Prozent bedienen wir Stammkunden. Sie kommen, weil sie beraten werden wollen. Gegen einen Online-Händler, der dieselben Marken anbietet, haben wir keine Chance. Wir haben keine Logistik, wir haben nicht die Kenntnis.“ Und sie sagt: „Hierin steckt mein Herz.“

Das mit dem Online-Handel sieht beispielsweise auch der Inhaber des Herrenausstatters Zwicker so. Was er sich von der Politik wünscht?

„Wir sind zwar klein, aber wir sind viele.“

Ottmar Zwicker, Zwicker Herrenausstatter, Marktstätte Konstanz.
Ottmar Zwicker, Zwicker Herrenausstatter, Marktstätte Konstanz. | Bild: Scherrer, Aurelia

Am Telefon sagt er: „Ich wünsche mir, dass wir unterstützt werden. Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg jedes Jahr Gewinne gemacht und dem Staat Steuern beschert. Wir sind zwar klein, aber wir sind viele. So wie wir das gemacht haben, haben es abertausende Betriebe in ganz Deutschland gemacht.“ Er fährt fort: „Wenn Sie sehen, welche Branchen mit unser aller Steuergeldern subventioniert wurden. Und nun sind wir an einem Punkt, wo es uns wirklich schlecht geht. Ich mit meinem Unternehmen bin nicht systemrelevant, das ist vollkommen wurscht. Aber mich gibt‘s zigtausendmal in Deutschland. Und in der Masse sind wir systemrelevant.“