Für die Verkündung des Urteils benötige Richter Joachim Dospil nur wenige Minuten, doch die Begründung geriet angesichts der Menge an Vorwürfen zum rund 45-minütigen Vortrag. In beeindruckender Art und Weise begründete der Vorsitzende Richter des Landgerichts, was seine Kammer zur Strafe bewogen hat. Vor allem die klaren Worte in Richtung des 40-jährigen Hauptangeklagten gingen tief.

Erdrückende Beweislage

Der Mann, ein vielfach vorbestrafter Deutsch-Russe, erhielt eine vierjährige Haftstrafe für räuberischen Diebstahl, gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Sachbeschädigung, Widerstand gegen Beamte, Diebstahl und Betrug. Die Beweislage war erdrückend – und er pöbelte vor Gericht, beschimpfte Zeugen und zeigte keine Reue.

In diesem Haus in Wollmatingen spielten sich die meisten der Taten ab. Der Hauptangeklagte muss nun für vier Jahre ins Gefängnis.
In diesem Haus in Wollmatingen spielten sich die meisten der Taten ab. Der Hauptangeklagte muss nun für vier Jahre ins Gefängnis. | Bild: Schuler, Andreas

Joachim Dospil zum Hauptangeklagten: „Sie sagten, dass Sie noch eine Chance haben wollten. Wie meinten Sie das angesichts dieser 18 Straftaten und bei der Vorgeschichte? Sie bekommen von uns die Chance, in der Justizvollzugsanstalt über Ihr Leben nachdenken zu können. Gehen Sie in sich, denken Sie über eine Sozialtherapie nach, arbeiten Sie an Ihrem Verhalten. (...)"

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"Sie zeigen kein Mitleid für die Opfer. Sie nehmen sich grundsätzlich das, was Sie wollen. Sie haben kein Respekt vor Gesundheit und Eigentum anderer Leute. Sie respektieren nicht das Gericht, nicht die Polizei, nicht Ihren neugeborenen Sohn und nicht Ihre Freundin. Wenn Sie mies drauf sind, schlagen Sie halt jemanden zusammen (...)"

"In Russland werden Sie geschlagen, hier wird Ihnen Hilfe angeboten"

"Bei uns ist es nicht wie in Russland, dass Sie geschlagen werden. Bei uns wird Ihnen Hilfe angeboten – die können Sie annehmen oder es sein lassen. Sie sind aus dem Gefängnis direkt nach Konstanz gezogen, weil Sie eine neue Zukunft beginnen wollten. Aber auch hier geht es gleich weiter mit Straftaten, unbeeindruckt von Ermittlungsverfahren. Sie suchen sich einen alten Mann als Opfer, den Sie zusammenschlagen und über zwei Jahre tyrannisieren – mit dem können Sie es ja machen. Und dann kommen Sie und möchten eine Chance haben? Eigentlich sollte man Sie nur noch wegsperren, damit Sie nicht weitermachen.“

"Das ist dreist und frech"

Die Mutter seines sechs Monate alten Kindes, eine ebenfalls mehrfach vorbestrafe Frau mit Wurzeln in Osteuropa, erhielt ein Jahr und acht Monate, ebenfalls ohne Bewährung. An sie richtete sich der Richter mit diesen Worten: „Wir standen vor der Frage: Sind Sie Mittäterin oder nur Gehilfin?“

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Sie sei „emotional abhängig“ vom Haupttäter. „Bevor er hier im Saal war, waren Sie anders drauf. Bis dahin wollten Sie nichts mehr mit ihm zu tun haben, er hat Ihren Vater geschlagen. Eine Woche später wollen Sie plötzlich mit ihm ihre Zukunft gestalten. Klar, er ist der Vater Ihres Kindes – aber das rechtfertigt nicht das Verhalten, lächelnd daneben zu stehen, wenn er sein Opfer schlägt. Wir gehen davon aus: Sie sind Mittäterin. Sie klauen gemeinsam Aluprofile aus einer Garage und behaupten dreist, nur er sei der Täter gewesen. Das ist eine Frechheit.“

Und: „Sie sind eine junge Mutter, das wäre ein Grund für eine Bewährung. Doch Sie haben Verbrechen begangen als Schwangere und als Mutter. Sie hätten sagen können: Hör’ auf, du bist Vater, wir haben einen Sohn. Doch es hat Ihnen gefallen, dass Sie einen starken Freund haben, der allen zeigt, wo es langgeht.“

Ein Fenster in dem Haus.
Ein Fenster in dem Haus. | Bild: Schuler, Andreas

Der dritte Angeklagte erhielt ein Jahr und acht Monate auf Bewährung. Dospil zu ihm: „Sie ziehen seit einem Jahr Ihre Therapie durch, das gefällt uns, das macht Eindruck. Sie haben Ihr Leben geändert, das sieht man. Sie sind seit einem Jahr abstinent und haben sich aus dem Milleu entfernt. Sie haben zwar auch viele Vorstrafen, aber es hat in Ihrem Hirn klick gemacht – im Gegensatz zu den anderen beiden. Sie haben eine positive Prognose, die anderen nicht.“

Er ist längst aus dem Wollmatinger Haus ausgezogen, in dem das verurteilte Paar wohnt und in dem bis zu 36 Sozialhilfeempfänger mit Konfliktpotenzial und Alkoholproblemen nebeneinander leben.

Stadt hat keine Rechte

Die Stadt hat über das Haus keine Verfügungs- oder Belegungsrechte, es befindet sich im Privateigentum. Klaus Holzer vom Bürgeramt sagt dazu: „Die Stadt hat keinen Einfluss darauf, mit welchen Personen die Vermieter einen Mietvertrag abschließen.“

Und: „Maßgebend ist die baurechtliche Genehmigung des Baurechtsamts. Wenn für die Nutzung des Gebäudes mit 30 Personen baurechtlich und brandschutzrechtlich keine Rechtsgründe entgegenstehen, kann die Stadt nicht verhindern, dass hier 30 Personen wohnen.“