Es ist eine Durchsage, die wohl alle Konstanzer Busgäste kennen: "Bitte machen Sie die Türen frei und rücken Sie auf". Auch an jenem Sommertag vergangenes Jahr in Konstanz hallte diese Ansage durch den Roten Arnold.

An der Haltestelle am Schänzle warten viele Kinder und Erwachsene auf den Bus, der sie nach einem Kindersportfest nach Hause bringen soll. Zwei bis drei Mal fordert der Fahrer seine Gäste auf, nach hinten aufzurücken. Doch es bewegt sich kaum etwas.

"Das mag frustrierend für die Fahrer sein, aber die Kinder wollten nun mal in ihren Gruppen und bei ihren Betreuern bleiben", sagt später ein Sportbetreuer im Zeugenstand. Denn was danach geschieht, beschäftigt eineinhalb Jahre später das Konstanzer Gericht.

"Das Geschrei war groß"

Der Busfahrer wird laut Anklageschrift wütend, über die Lautsprecher sagt er: "Ihr werdet gleich sehen was passiert, wenn der Bus nicht voll ist". Langsam fährt der Bus an, macht eine Kurve und bremst nach nur wenigen Metern abrupt ab. Ein paar Erwachsene und Kinder schreien auf, andere verlieren durch den Ruck den Halt und fallen, ein paar Kinder fangen an zu weinen. "Das Geschrei war groß", sagt ein Zeuge später.

Warum hatte der Busfahrer plötzlich gebremst? "Meines Erachtens war das eine angekündigte Bremsung um den Kindern zu zeigen: Wenn es voll gewesen wäre, wärt ihr nicht umgefallen", gibt der Betreuer im Zeugenstand an.

Auch eine Mutter sagt das im Zeugenstand aus: "Die Bremsung und die Folgen waren vielleicht schlimmer, als er gedacht hat. Aber er wollte uns eine Lektion erteilen". Denn die Folgen gingen über einen kurzen Schock hinaus: Ein elfjähriges Mädchen war durch den Ruck mit der Wange gegen eine Haltestange geprallt, eine Neunjährige musste wegen eines Schleudertraumas zwei Tage ins Krankenhaus.

Angeklagter bestreitet Tatvorwurf

Fast während der gesamten Verhandlung und vor allem während der Aussage des elfjährigen Mädchens sitzt der Angeklagte mit gesenktem Kopf neben seinem Anwalt. "Es tut mir leid um die Kinder, wenn ihnen was passiert ist".

Vor ihm stehen Beruhigungstropfen, er habe nach dem Vorfall massive Schlafprobleme gehabt und sei krankgeschrieben gewesen, so der Busfahrer. "Ich hatte immer dieses Kind vor Augen." Denn der Grund, warum er plötzlich gebremst habe, sei ein anderer: Ihm seien im Dunkeln zwei Jungen fast vor den Bus gelaufen.

Nach der Bremsung habe er sich erkundigt, ob jemandem etwas passiert sei. "Angezeigt hat aber niemand etwas. Also bin ich weitergefahren." Bestätigen kann die Nachfrage vor Gericht keiner der Zeugen.

Im Gegenteil: Eine weitere Mutter, deren Tochter das Schleudertrauma erlitt, belastet den Busfahrer im Zeugenstand. "Es war eine sehr aufgeregte Stimmung im Bus. Niemand hat verstanden, warum er das gemacht hat", so die Mutter. Über Lautsprecher habe der Fahrer nicht erklärt, dass er angeblich bremsen musste. "Ich stand unter Schock", so der Angeklagte.

War alles nur ein unglücklicher Zufall?

Richterin Franziska Schwalenberg allerdings sieht die Ausführungen des Angeklagten als nicht glaubwürdig an und den Tatvorwurf bestätigt. Die Kinder, die vor den Bus gelaufen sein sollen, seien eine Schutzbehauptung.

Zu sehr stimmen die Aussagen der Zeugen überein, die sich nicht kennen. Zu sehr wäre all das ein großer Zufall, wenn der Fahrer zunächst eine Warnung ausspricht, was alles passieren kann bei einer Notbremsung – und dann wenige Augenblicke später zwei Jungen vor die Scheinwerfer des Busses laufen und der Fahrer tatsächlich bremsen muss.

Wegen des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung wird der Konstanzer Busfahrer zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 40 Euro verurteilt. Für den Mann, der bislang keine Vorstrafen und ein lupenreines Fahreignungsregister hat, eine nicht unerhebliche Strafe: Rund 1200 Euro netto im Monat verdiene er, gab der in Vollzeit arbeitende Busfahrer in der Verhandlung an.