Konstanz Ein Kampf gegen Stimmen im Kopf und Vorurteile: Zwei Konstanzer mit Schizophrenie im Gespräch

In Deutschland erkrankt etwa jeder 100. Mensch im Lauf seines Lebens an einer Psychose. Die Betroffenen kämpfen nicht nur gegen ihre Erkrankung – auch die Nebenwirkungen der Medikamente und Vorurteile ihrer Mitmenschen machen ihnen zu schaffen. Dabei wünschen sich sowohl Patienten als auch Psychiatriepersonal genau das Gleiche: mehr Akzeptanz.

Alles beginnt mit einem „Hallo“. Frank Bauer blickt sich um, aber da ist niemand. „Wird wohl von draußen kommen“, denkt er sich. Doch auch nachts lassen die Stimmen den damals 22-Jährigen nicht in Frieden. Mal ein Rufen, dann ein Flüstern. Er findet keine Ruhe, schläft nicht, ist aufgekratzt und zugleich unfassbar erschöpft. Seine Ausbildung muss er abbrechen. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, ist völlig fertig.

Eines Tages läuft Bauer durch die Konstanzer Fußgängerzone als die Stimmen ihm befehlen, einen Fremden zu schlagen. Würde er sich weigern, wäre das sein Tod, sagen die Stimmen. Frank Bauer will das nicht. Er ist doch ein friedlicher Mensch, hat mit Gewalt nicht das Geringste am Hut. Doch die Angst vor dem Tod hat ihn fest im Griff. Er verpasst einem Passanten eine Ohrfeige. Kurze Zeit später ist Frank zum ersten Mal in der Psychiatrie. Gut 40 weitere Aufenthalte werden folgen.

Frank Bauer lebt seit gut 20 Jahren mit den Stimmen in seinem Kopf. Er wünscht sich mehr Aufgeschlossenheit gegenüber psychisch Kranken. Bild aufgenommen von Marc-Julien Heinsch am 20.9.2017.
Frank Bauer lebt seit gut 20 Jahren mit den Stimmen in seinem Kopf. Er wünscht sich mehr Aufgeschlossenheit gegenüber psychisch Kranken. Bild: Marc-Julien Heinsch

„Bist du krank?“, fragen Max Scholz Mitspieler im Fußballverein wenn er sich mal wieder seltsam verhält. Er sucht sich eine andere Clique. Mit elf Jahren beginnt er zu rauchen, mit 13 dann der erste Joint. Bald raucht er 15 bis 20 Haschischzigaretten am Tag. Irgendjemand in seiner Truppe hat immer etwas zum Rauchen. Es ist das WM-Finale 2002, Scholz ist mittlerweile 31 Jahre alt und wohnt in der Konstanzer Innenstadt. Die Straßen sind voll mit Fans, überall lärmt es und Max raucht den letzten Joint seines Lebens. Er starrt aus seinem Fenster und gerät in Panik. „Die wollen alle zu mir“, denkt er, „die sind hinter mir her, die wollen mich umbringen.“

Er steigt auf das Fensterbrett. Er will seinen Häschern zuvorkommen und sich hinabstürzen. Doch irgendetwas stoppt seine wirbelnden Gedanken. Er bemerkt, was er gerade im Begriff ist zu tun, steigt zurück in seine Wohnung und wählt die Nummer eines Notfallpsychiaters. Wenig später ist er in der Psychiatrie. Es ist der Tag an dem Scholz beschließt, dass es so nicht mehr weitergeht. Er hört auf zu kiffen und beginnt zu verstehen, dass er krank ist.

Pendeln zwischen Klinikkosmos und Außenwelt

Frank Bauer und Max Scholz sind heute beide in ihren Vierzigern und leben seit gut 20 Jahren mit einer chronifizierten Form der schizophrenen Psychose. Beide heißen nicht wirklich so. Sie fürchten aber auch noch im Jahr 2017 negative Konsequenzen für sich und ihr Umfeld, wenn sie als psychisch Kranke in der Zeitung stehen.

Beide haben in leidvoller jahrelanger Pendelei zwischen Klinikkosmos und Außenwelt den Umgang mit ihrer Erkrankung erlernt und sie als Teil ihres Lebens akzeptiert. Beide sind medikamentös eingestellt – die Fachbezeichnung für das langwierige Ringen zwischen starken Nebenwirkungen und Krankheitssymptomen – leben in einer eigenen Wohnung und arbeiten so viel wie möglich in Werkstätten für körperlich oder geistig behinderte und psychisch kranke Menschen.

Freundschaften zu schließen ist schwierig

Max Scholz erzählt: „Psychisch Kranke fristen definitiv ein abgespaltenes Dasein vom Rest der Gesellschaft. Das ist so schwierig. Man kann einen Psychotiker nicht wie einen Gesunden behandeln. Wenn man denkt man sei gesund, will man keine Hilfsangebote annehmen. Als ich nicht überzeugt war krank zu sein, da konnte mich davon niemand überzeugen. Und irgendwann wenden sich die Leute von dir ab. Was sollen sie denn machen?!“

Auch Frank Bauer berichtet: „Ich habe nicht ganz so viele Freunde, die gesund sind. Privat bin ich eigentlich nur von kranken Leuten umgeben. Die Leute haben sich eben zurückgezogen. Es war eben schwierig mit mir eine Freundschaft zu unterhalten.“ Dann fügt er hinzu: „Aber ich habe doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich lebe mit der Krankheit oder ich muss mich umbringen. Das hört sich vielleicht hart an, aber es ist einfach so.“

Stellvertrende Leiterin und Leiter der Abteilung Therapie und Kultur am Zentrum für Psychiatrie Reichenau, Diplompsychologien Caroline Renz und Diplomsozialarbeiter Winfried Klimm. Bild aufgenommen von Marc-Julien Heinsch am 1.9.2017.
Stellvertrende Leiterin und Leiter der Abteilung Therapie und Kultur am Zentrum für Psychiatrie Reichenau, Diplompsychologien Caroline Renz und Diplomsozialarbeiter Winfried Klimm. Bild: Marc-Julien Heinsch

Woran liegt es, dass psychisch schwer Erkrankte auch außerhalb der Klinik oftmals noch eine gesellschaftliche Randexistenz führen? Die Psychologin Caroline Renz und der Sozialpädagoge Winfried Klimm arbeiten in der Abteilung Therapie und Kultur am Zentrum für Psychiatrie auf der Reichenau seit zehn Jahren gemeinsam mit Erkrankten daran etwas zu ändern. Klimm erklärt: „Die Isolation psychisch kranker Menschen hat viele Gründe. Viele Erkrankte arbeiten in Werkstätten für Behinderte. Dort treffe ich aber eben fast ausschließlich auf Menschen, die ebenfalls im Psychiatriebetrieb, in Heimen und Kliniken zuhause sind.“ Daran könne man etwas ändern, indem psychisch Kranken dabei geholfen werde, sie auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Keine Chance den Vorurteilen

Seine Kollegin Renz wünscht sich mehr Interesse seitens der breiten Bevölkerung: „Hinterfragt man mal all die Vorurteile, dann merkt man, dass die Leute häufig keine Ahnung haben und alles glauben, was die Popkultur in Filmen, Spielen und Romanen fälschlicherweise über die Psychiatrie und psychische Erkrankungen vermittelt.“

Hinter den Vorurteilen steckten oft Angst begründet in Unsicherheit. „Ich sehe es als unsere Aufgabe diese Unsicherheit zu ersetzen. Zu ersetzen einfach dadurch, dass man jemanden kennenlernt, der eine psychische Erkrankung hat und merkt, wie nett und normal die Leute sind.“ Konkret geschieht das beispielsweise mit „Verrückt? Na und!“, einem Schulprojekt, das vom Leipziger Verein Irrsinnig Menschlich ins Leben gerufen wurde.

In Konstanz und Umgebung gehen Caroline Renz und Winfried Klimm gemeinsam mit ihren Erfahrungsexperten an Schulen, wo bereits junge Menschen den natürlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen lernen sollen. Die Erfahrungsexperten sind Menschen wie Frank Bauer und Max Scholz, die jahrelange mit einer schweren psychischen Erkrankung leben und den Willen haben mit Vorurteilen und Ängsten Schluss zu machen.

"Verrückt? Na und!"

Scholz gefällt der Name des Projektes: „Verrückt? Na und! Was soll ich machen? Ich bin halt so, ich kann es nicht ändern.“ Ihm ist wichtig Teenager vor den möglichen Folgen des Drogenkonsums zu warnen und ihnen das Wissen über psychische Erkrankungen zu vermitteln, das er nicht hatte.

Frank Bauer helfen die Neuroleptika dabei Ruhe zu finden. Stumm sind die Stimmen aber nie länger als ein paar Tage. Nach gut zwanzig Jahren mit ihnen wäre es aber auch seltsam, wenn sie plötzlich verstummten, meint Bauer mit einem selbstironischem Grinsen. „Was ich nicht gebrauchen kann ist Mitleid. Ich lebe so und das ist okay. Ich geh doch auch nicht zu einem Rollstuhlfahrer und sage: Ach Gott, du tust mir so leid“, sagt Bauer, „aber wir müssen aus den Köpfen herausbekommen, dass psychisch kranke Menschen jenseits von Depression und Burn-Out, Mörder und Kinderschänder seien. Schizophrenie kann man nicht richtig greifen und das macht den Menschen Angst.“

Der lange Weg zur Akzeptanz

Einig sind sich alle Vier: Es muss noch viel getan werden. Trotz Integrationsbetrieben, trotz Schulprojekten, trotz Inklusionsbemühungen. Caroline Renz, Winfried Klimm aber vor allem Max Scholz und Frank Bauer kennen die Lebenswirklichkeit psychisch schwer Erkrankter. Frank Bauer stellt fest: „Man sollte auch über die Probleme reden bevor etwas passiert. Robert Enke musste sich erst umbringen bevor es eine Debatte gab.“ Sinnvoller wäre es, vorher darüber zu sprechen, was falsch läuft.

Psychose und Schizophrenie

  • Unter dem Begriff Psychose fasst man psychische Erkrankungen zusammen bei denen die Betroffenen unter Sinnestäuschungen, Realitätsverlust, Konzentrations- und Emotionsstörungen, sowie sprunghaftem und zusammenhangslosem Denken leiden. Eine häufig auftretende Form ist die paranoide Psychose bei der die Betroffenen das Gefühl haben überwacht, beobachtet oder verfolgt zu werden. Hinzu kommen in vielen Fällen akustische, sensorische und/oder optische Halluzinationen.

    Schizophrenie bezeichnet eine häufige, schwere und oft chronifizierte Form der Psychose. Wörtlich übersetzt bedeutet schizophren in etwa „spaltungsirre“, was zu missverständlichen Vorstellung der Erkrankung geführt hat. Schizophrenie und Psychose bezeichnen nicht die Aufspaltung einer Persönlichkeit, wie sie in zahlreichen Romanen und Filmen beschrieben und gezeigt wird.

  • Laut der Bundespsychotherapeutenkammer erkrankt in Deutschland jeder 100. Erwachsene an einer Schizophrenie. Männer und Frauen erkranken gleich häufig und zumeist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Wodurch Psychosen und Schizophrenien ausgelöst werden ist immer noch unklar. Man geht aber von einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus, zu denen Cannabismissbrauch, genetische Veranlagung, Schädigungen des Gehirns, Reizüberflutung oder stark belastenden Lebensereignisse zählen.

    Ebenso vielfältig wie die Ursachen sind auch die Krankheitsverläufe. Während der eine Betroffene nur einmalig erkrankt, bleiben andere ihr Leben lang betroffen. Die Behandlung erfolgt medikamentös über Neuroleptika, die verbunden mit erheblichen Nebenwirkungen, die Übertragung von Botenstoffen im Gehirn hemmen. Zusätzlich erfolgt eine Psychotherapie mit verhaltenstherapeutischem Fokus und die Betroffenen und ihr Umfeld werden ausführlich über die Erkrankung informiert.

  • Aktionswoche: Das Reichenauer Zentrum für Psychiatrie beteiligt sich zum bereits zum neunten Mal mit dem Programm „Abgedreht“ am Welttag für seelische Gesundheit. Am Mittwoch, 11. Oktober, spricht im Haus 20 des Zentrums für Psychiatrie Harald J. Freyberger von der Universität Greifswald über gesundheitliche Folgen von Kriegstraumatisierung sowie von politischer Repression in Deutschland. Beginn ist um 16.15 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei.

    Ebenfalls am 11. Oktober läuft um 20 Uhr im Scala Kino im Cinestar Konstanz der Film "From Business to being". Regisseur Julian Wildgruber wird an diesem Termin anwesend sein. Die Karten kosten 5 Euro (treffpunkt@zpf-reichenau.de) und 7 bis 8,50 Euro vor Ort.

    Eine musikalische Lesung ist am Donnerstag, 12. Oktober, um 19.30 Uhr im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums Konstanz. Die Urururenkelinnen von Heinrich Hoffmann, bekannt als Autor des Kinderbuchs Struwwelpeter, setzen sich an diesem Abend mit dem Umgang ihres Vorfahren mit Patienten auseinander. Der Eintritt kostet 5 Euro (Reservierung über treffpunkt@zfp-reichenau.de).

    Ein Komödie mit ernstem Hintergrund läuft am Freitag, 13. Oktober, um 20 Uhr im Universum-Kino Radolfzell: Happy Burnout. Der Eintritt kostet im Vorverkauf 4, an der Abendkasse 5 Euro.

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