Konstanz Ein Forscher der Uni Konstanz erklärt, wie uns andere Menschen beeinflussen können – und andersherum

Wann machen wir einer Gruppe etwas nach und wann genau nicht? Alex Jordan, Biologe an der Universität Konstanz, beobachtet das am Beispiel von Fisch-Schwärmen. Das hilft uns nicht nur, uns selbst besser zu verstehen, sondern könnte in Zukunft sogar Staus vermeiden.

Herr Jordan, warum ist Schwarmverhalten so schwierig zu erforschen?

Als Mensch müssen wir das Tier, an dem wir interessiert sind, genau beobachten. Dabei können wir uns nur auf ein einzelnes Exemplar konzentrieren, weil wir furchtbar schlecht im Multi-Tasking sind – auch wenn manche Leute da anderes behaupten (lacht). Das Problem ist: interessante Verhaltensweisen finden zwischen mindestens zwei Exemplaren gleichzeitig statt.

Und dieses Problem lässt sich nicht lösen?

Etwa hundert Jahre lang, haben wir das Verhalten von Tieren entweder an einem einzigen Exemplar in freier Natur studiert, oder wir mussten mehrere Exemplare in sehr kontrollierte Laborumgebungen bringen. Wir mussten das so machen, weil wir nicht anders konnten.

Aber Sie können?

Meine Forschungen zielen darauf ab – und ich würde sagen, sie sind erfolgreich darin – das zu ändern. Wir können nun gleichzeitig alle Exemplare in natürlicher Umgebung beobachten und verfolgen. Dank der Fortschritte von Rechnerleistungen können wir zum Beispiel sehen, wie sie auf Angriffe reagieren oder Hindernisse umgehen. Wir profitieren von den riesigen Summen, die in die Videospielindustrie investiert werden.

Und was nutzt das?

Wir haben jetzt einen Einblick in das gesamte System. Früher konnten wir sagen: Fisch A ist aggressiv, er greift Fisch B an. Jetzt können wir sagen: Fisch C hat gesehen, dass Fisch B von Fisch A angegriffen wurde und schwimmt deshalb auf die beiden zu, von ihnen weg – oder macht etwas völlig anderes. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Verhalten unterschiedlichster anderer Fische. Und so funktionieren alle Individuen, inklusive Menschen. Ich will damit sagen: Individuen leben nicht im Vakuum. Zum Glück werden nun auch nicht mehr die Grenzen gesetzt, sie im Vakuum beobachten zu müssen.

Der Forscher und sein kleiner tierischer Helfer bei der Arbeit: Der Australier Alex Jordan untersucht an der Universität Konstanz, wie wir von Fischen etwas über unser eigenes Verhalten in Gruppen erfahren können. Bild: Simon Gingins
Der Forscher und sein kleiner tierischer Helfer bei der Arbeit. Bild: Simon Gingins

Was lernen wir über unser Verhalten durch ihre Forschungen mit Fischen?

Dass wir unseren Frauen Blumen bringen, wenn ein anderer Mann das auch macht (lacht). Allgemeiner ausgedrückt: Wenn wir bemerken, dass um uns herum etwas Neues passiert, reagieren wir darauf. Lassen Sie mich Ihnen ein anderes Beispiel geben, auch wenn es schrecklich sexistisch ist. Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einem schönen Haus, das aber renoviert werden müsste. Ihr Nachbar streicht unterdessen seine Fassade und kümmert sich um seinen Garten, weil seine Frau gesagt hat, das Haus müsse schöner werden. Nun fahren Sie an diesem Haus vorbei...

...und fühle mich schlecht und schuldig.

Nochmal: Ich möchte nicht über die Rollen von Frauen und Männern sprechen. Aber vielleicht fragt Ihre Frau Sie: 'Wie kann es sein, dass unser Nachbar sich um die Renovierung des Hauses und Gartens kümmert und unseres sieht so kümmerlich aus?'

Also würde ich es meinem Nachbar gleichtun?

Nicht unbedingt. Aber das Beispiel zeigt: die Handlungen Ihres Nachbarn wirkt sich auf die gesamte Nachbarschaft aus – oder jedes andere Netzwerk, wenn wir zurückkehren wollen zu allgemeineren Thesen der Verhaltensforschung. Früher hätten wir wohl angenommen: Der Mann, der sein Haus renoviert, hat einen Vorteil, er erscheint attraktiver. Jetzt zoomen wir sozusagen den Blick heraus und können realistischer feststellen: Ja, der Mann ist einerseits attraktiver für eine einzige Frau. Andererseits zieht er aber den Ärger aller Männer aus der Nachbarschaft auf sich, weil sein Handeln sie unter Druck setzt. Letztlich wird er dieses spezielle Verhalten also vielleicht nicht mehr so häufig zeigen.

Und was beweist uns das?

Unser Verhalten und unsere Eigenart ist Teil des sozialen Netzwerks, in dem wir uns bewegen. Was ich tue, ändert die Welt um mich herum – und die Welt um mich herum ändert, was ich tue. Das wissen wir schon lange. Ein anderes schönes Beispiel dafür, dass wir Verhalten nie isoliert betrachten sollten, sind Staus. Wenn ein Autofahrer etwas am Straßenrand sieht, bremst er ein wenig ab. Das führt dazu, dass derjenige hinter ihm ebenfalls langsamer wird, und derjenige hinter dem und so weiter. Keiner der Nachfolgenden weiß warum, aber sie bremsen alle ab. Und das Ergebnis ist ein nerviger Stau.

Es klingt ziemlich erschreckend, dass unser Verhalten beeinflusst wird, ohne dass wir es merken.

Nun, wir leben eben in einer Zeit von Einflüssen, ganz besonders durch die sozialen Medien. Aber solche sogenannten Influencer gibt es schon lange, denken Sie an die Macht der klassischen Medien. Heute kann aber eben jeder Einfluss haben. Das kann gefährlich sein, weil wir wissen, dass Druck aus der Allgemeinheit in der Gesellschaft wichtige Entscheidungen beeinflussen können. Die letzten US-Wahlen sind ein Beispiel dafür. Aber es gibt noch etliche andere, bei denen gewisse Interessensgruppen versuchen, unser Verhalten zu manipulieren, weil sie von dieser Möglichkeit wissen.

Mir wurde gesagt, sie betrieben bahnbrechende Forschung – mit Fischen. Was können wir Menschen von ihren Beobachtungen lernen?

Menschen sind narzisstisch, wir wollen alles über uns wissen. Aber wir können keine Menschenexperimente durchführen. Man kann auch keine sozialen Netzwerke beeinflussen. Facebook hat das versucht und sich eine Menge Ärger eingeheimst. Das Gute ist: die Fische, die wir beobachtet haben, sind – was Hierarchien, Beziehungen und Verhalten angehen – nicht so anders als Menschen. Wir konnten also Fragen zu unserem Verhalten beantworten, ohne Experimente an unserer eigenen Spezies durchführen zu müssen.

Fragen: Benjamin Brumm

 

Zur Person

Alex Jordan arbeitet für die Abteilung Collective Behaviour (Schwarmverhalten) am Max-Planck-Institut an der Universität Konstanz. Er forscht zur Auswirkung des Verhaltens von Gruppen auf einzelne Tiere. Dies soll Erkenntnisse zum menschlichen Verhalten im sozialen Gefüge geben. Jordan stammt aus Australien und hat seine Promotion in Sidney erlangt. Neben der Forschungen in Konstanz arbeitet er auch an der Universität von Texas in den USA.

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