Eine junge Polizistin, ein Mann und eine Frau über 70, ein junger Mann aus Syrien, ein Besitzer eines Dönerladens: Sie alle stehen an diesem Tag als Zeugen vor Gericht. Sie alle soll der Angeklagte massiv beleidigt, bedroht oder schwer verletzt haben. Grund- und wahllos gehe er auf seine Opfer los oder hetze seinen Hund auf sie, berichten mehrere Zeugen.

Eigentlich, sagt eine, gebe es noch Dutzende mehr Opfer. Doch nicht alle hätten Anzeige erstattet – oder sie aus Angst zurückgezogen. Vier konkrete Tatvorwürfe gibt es in dieser Verhandlung gegen den 26-jährigen Mann mit türkischem Pass, der den Gerichtssaal in Handschellen und in Begleitung von drei Justizbeamten betritt. Seit Juli sitzt er in Untersuchungshaft, weil er nur auf Bewährung auf freiem Fuß war und in dieser Zeit drei Männer angegriffen haben soll.

"Der Mann ist eine tickende Zeitbombe"

Es ist der Nachmittag des 20. April. Am Gottmannplatz sitzen drei junge Männer und hören Musik. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen und dem Angeklagten, offenbar habe ihn die Musik gestört. Seinem Hund gibt er laut Anklageschrift den Befehl "Fass". Doch der Rottweiler stoppt kurz vor den jungen Männern.

Daraufhin geht der Angeklagte auf sie los, schlägt einen von ihn zu Boden, auf die Straße läuft Blut. Die anderen beiden können den Angreifer überwältigen, Passanten rufen die Polizei. Mehrere Streifenwagen treffen ein und die Polizisten fixieren den Angreifer, der sich heftig wehrt.

Eine Nachbarin beobachtet das Geschehen zunächst vom Balkon. "Wir kennen die Schreie vom ihm schon. Sie gehen durch Mark und Bein. Er war wie im Blutrausch", sagt sie im Zeugenstand. Richter Christian Brase hat Mühe, ihren aufgebrachten Schilderungen zu folgen. "Wenn Sie das schon seit Jahren mitmachen, wären Sie auch emotional", sagt sie. "Der Mann ist eine tickende Zeitbombe".

Bewusstlos geschlagen ohne Grund

Wie tickend, zeigt ein Vorfall, der sich im Mai 2018 ereignet hat. Wieder hört die Nachbarin Schreie und Beleidigungen. Unten auf der Straße, vor einem Dönerladen, beobachtet sie eine Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten mit seinem Hund und zwei Männern. Sie versuchen noch, so die Zeugin, den Angeklagten zu beruhigen. Kurze Zeit später kommt der Krankenwagen. Der Angeklagte soll den Besitzer des Dönerladens bewusstlos geschlagen haben, ohne jeglichen Grund. 

Beim Schlag auf den Kopf, der auch tödlich hätte enden können, muss der Angeklagte etwas in der Hand gehabt haben, befinden die Ärzte. "Einen Schlüssel", vermutet ein Mitarbeiter des Dönerladens.

Mann soll beim Einkaufen beleidigt und bespuckt worden sein

"Wir versuchen, wenn wir ihn schon mit seinem Rottweiler sehen, einen großen Bogen um ihn zu machen, was aber leider nicht immer möglich ist", so eine Nachbarin. Eine andere, die auch zur öffentlichen Verhandlung gekommen ist, berichtet, dass sich Eltern mit kleinen Kindern und Frauen mit kleineren Hunden kaum noch auf die Straße getraut hätten, bevor der Angeklagte "endlich" verhaftet worden sei.

Ein weiteres mutmaßliches Opfer tritt entschlossen in den Zeugenstand. "Ich lasse mir nicht die Freiheit nehmen, vorbei zu laufen, wo ich möchte." Er sei von dem 26-Jährigen vor dem Edeka-Center in der Reichenaustraße beleidigt und bespuckt, später von dessen Schwager zusammengeschlagen worden. Auch gegenüber dem hinzugerufenen Sicherheitsdienst sei er aggressiv gewesen. Später stellt sich heraus, dass der Angeklagte Hausverbot in dem Einkaufscenter hat.

Kinder müssen den Saal verlassen

Zu den Tatvorwürfen schweigt der Angeklagte bis zum Schluss. Nur über seinen Anwalt sickert fragmentartig seine Begründung durch, warum er all diese Menschen angegriffen hat. Weil sie seinen Hund bedroht hätten, weil man seinem Sohn nachgestellt habe, weil man ihn provoziert habe, weil er sich nur verteidigt habe. Für seine Familie, habe er dem psychologischen Gutachter gesagt, greife er immer ein – auch, wenn es dabei für ihn gefährlich werde. Immer wieder sei der Begriff "Respekt" im Gespräch mit dem Psychologen gefallen.

Seine Frau und seine Kinder sitzen noch zu Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal 107. Bis der Staatsanwalt anmerkt: "Ob es für das Bild des Vaters zuträglich ist, dass die Kinder die gesamte Verhandlung dabei sind, wage ich zu bezweifeln." Den Rest der Verhandlung verfolgt die junge Frau, die der Angeklagte nach muslimischem Recht nicht standesamtlich geheiratet habe, nahezu regungslos mit. Kurz vor der Einschätzung des psychologischen Gutachters verlässt sie den Saal.

Der sieht den Angeklagten deutlich anders, als dieser sich selbst einschätzt. "Seine Biographie stellt er als Legende dar", referiert Ernst Baljer, der im Laufe seiner Tätigkeit als forensischer Psychiater rund 2000 Straftäter begutachtet habe. Berühmt und geachtet wolle der 26-jährige Angeklagte nach seinen eigenen Aussagen werden und habe dabei eine völlig überhöhte Anspruchshaltung an seine Karriere, so Baljer. Diese Selbstwertproblematik versuche er mit "geliehenen Attributen der Macht" – wie dem Rottweiler – zu kompensieren. All das zeichne kein Bild von einem Familienmensch – sondern eher von einer egozentrischen, unreifen Persönlichkeit, die "mehr scheinen will, als sie ist".

Psychologischer Gutachter sieht keine strafmildernden Umstände

Hinzu komme eine sehr dünne Haut und "sehr empfindliche Sensoren, was Kränkungen betrifft". Da reicht auch ein Blick, eine scheinbar falsche Geste – und der Angeklagte geht zum Angriff über. All das, so der Gutachter, sei aber eine "Spielart des menschlichen Wesens ohne Krankheitswert". Für den Richter und die Schöffen ist diese Einschätzung deshalb relevant, weil die Frage im Raum stand, ob der Angeklagte wegen einer krankhaften seelischen Störung schuldunfähig ist oder seine Schuld gemindert ist. Die klare Antwort des Gutachters: Nein.

Nun stehen der Richter und die Schöffen vor der Aufgabe, das richtige Strafmaß zu finden. Für jemanden, der nach Aussagen der Zeugen gemeingefährlich ist und ein ganzes Quartier in Angst zu versetzen scheint – dem aber all die Vorwürfe zweifelsfrei nachgewiesen werden müssen. Die Vorstrafen-Liste des 26-Jährigen ist lang und beginnt in der frühen Jugend: Diebstahl, gefährliche Körperverletzung, Drogenbesitz, Sachbeschädigung, Beleidigung, Besitz einer verbotenen Waffe, Urkundenfälschung, versuchter Raubüberfall. Kommt nun eine lange Haftstrafe dazu, könnte ihm auch die Ausweisung in die Türkei drohen.

Urteil soll am 20. September fallen

Weil noch nicht alle Zeugen gehört wurden, gibt es am 20. September einen öffentlichen Fortsetzungstermin am Amtsgericht Konstanz. Dann sollen auch die Plädoyers gehalten werden und das Urteil fallen. Angeklagt ist der 26-Jährige wegen Körperverletzung. Je nachdem, wie gefährlich und schwer diese sind, liegt die Freiheitsstrafe bei bis zu zehn Jahren. Strafen für die einzelnen Tatvorwürfe würden zusammengerechnet. Zu klären ist zudem noch, ob der Angeklagte bei seiner Festnahme Polizisten getreten hat. Seit 2017 gelten bei einem körperlichen Angriff auf Polizeibeamte, Gerichtsvollzieher oder Rettungssanitäter mit bis zu drei Monaten Haft härtere Strafen.