Konstanz Ein Erfinder aus Konstanz will mit einer App den Telefon-Notruf revolutionieren

Lebensrettung per App? Per Knopfdruck sollen mit dem Programm für Smartphones Ersthelfer, Sanitäter und Ärzte gerufen werden. Das ambitionierte Ziel des Erfinders aus Konstanz: eine Million Downloads.

Fünf Sekunden. Dann erhalten fünf Ersthelfer in der Umgebung eine Benachrichtigung, wird die Notrufnummer 112 gewählt. Das Prinzip der App Mobile Lebensretter ist einfach: Gerät ein Mensch in Lebensgefahr, drückt er einen Hilfe-Knopf auf seinem Bildschirm. Bricht sie oder er den Hilferuf nicht ab, wird die Alarmroutine fortgesetzt. "Mein Ziel mit der App ist einzig und alleine, Leben zu retten", sagt Norbert Grüntjens, der das Programm erfunden hat und in Konstanz lebt. Neben fünf Ersthelfern und der Notrufzentrale werden automatisch auch ein Sanitäter und ein Arzt in der Nähe gerufen – genauer gesagt: andere Nutzer der App, die sich als solche registriert haben. Ihre Tauglichkeit wird nicht geprüft, Norbert Grüntjens setzt auf die Vernunft der Nutzer.

Was sagen Rettungsdienste dazu?

Stefan Senn, stellvertretender Bezirksgeschäftsführer des Malteser Hilfsdiensts in Konstanz, sieht darin kein Problem. "Denken Sie an den Satz 'Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt' – da überprüft auch niemand, ob die Ausbildung im Notfall wirklich gegeben ist." Senn findet die App sinnvoll. Es entspreche dem Stand der Technik, dass bei einem Notruf auch die Ortung durch ein GPS-Signal gewährleistet wird. Bei einem Unfall im Wald oder in unbewohnten Gebieten könne dies entscheidend für die Rettung sein. Stefan Senn: "Mir stellt sich nur die Frage, ob es dazu eine spezielle App braucht, zumal sie wohl nur in städtischen Ballungsgebieten funktionieren kann, wenn es genug registrierte Nutzer gibt."

Wie viele Nutzer gibt es bereits?

Für Norbert Grüntjens nur eine Frage der Zeit. Seit Start der App im Juli 2017 sei sie 20¦000 mal heruntergeladen worden. Mit 100¦000 Downloads, schätzt er, wäre das ganze Land mit Helfern abgedeckt. "Mein Ziel lautet aber eine Million und ich bin sicher, dass wir das auch erreichen werden", sagt Grüntjens und rechnet nach: "Ich wüsste nicht, warum sich nicht jeder 80. Bürger die App runterladen sollte. Schließlich kann er sein eigenes Leben damit retten."

Damit das Ziel bald erreicht wird, bleibe das Programm kostenfrei. "Ich verdiene mit der App nichts, sondern investiere im Gegenteil mein Geld ohne Gegenleistung in die App", sagt er. Es sollen bislang 100¦000 bis 150¦000 Euro sein. "An Sponsoren bin ich natürlich interessiert, um die Reichweite der App noch weiter zu verbreiten", ergänzt Grüntjens.

Sollten Ersthelfer nicht immer ausgebildet sein?

Stefan Senn von den Maltesern findet jede neue Idee gut, die zum Helfen anrege. "Es fehlt nach wie vor an der Bereitschaft dazu, auch weil in der Vergangenheit unnötig Ängste geschürt wurden. Dabei ist es wichtig, dass zunächst überhaupt jemand hilft", sagt er. Sorgen über unzureichend ausgebildeter Helfer habe er nicht. Mit Blick auf die Frage nach der Haftung von Ersthelfern kann Senn verstehen, dass viele Menschen Angst haben, etwas falschzumachen. "Dagegen hilft vor allem die Auffrischung eines Erste-Hilfe-Kurses", empfiehlt er. Diese kosten je nach Anbieter zwischen 35 und 45 Euro.

Was droht bei Missbrauch?

Kritiker warnen: Die Idee lade zur Arglist ein. "Natürlich gibt es keine absolute Sicherheit, dass die App für Fehlalarme nicht missbraucht wird", gibt Grüntjens zu. Dies sei allerdings auch beim regulären telefonischen Notruf möglich. "Nur weil diese Möglichkeit besteht, kann ich doch den guten Nutzen nicht ignorieren und die App sein lassen", fasst er zusammen.

Auch die Polizei schließt einen Missbrauch nicht aus. Der Sprecher des Konstanzer Reviers, Markus Sauter, erinnert an das Strafgesetz: Wer absichtlich einen falschen Notruf absetzt, muss mit einer Geldstrafe oder einem Jahr Haft rechnen. Die Polizei, so Sauter, bewerte Produkte von Privatleuten grundsätzlich nicht. "Wir weisen aber darauf hin, dass mit der Notrufnummer 110 bundesweit eine Erreichbarkeit der Polizei rund um die Uhr gewährleistet wird." Gleiches gelte für die Nummer 112 – ob nun per Knopfdruck in der App oder klassisch per Telefonanruf.

Wie die Mobile Lebensretter App funktioniert

"Diese App rettet Leben", mit diesem Satz werben die Entwickler um Norbert Grüntjens für ihr kostenloses Programm. Benötigt werden ein Smartphone mit Apple-iOS- oder Android-Betriebssystem und mobilem Internetzugang:

  • Wie funktioniert die App? Nach der Installation müssen Nutzer die App zur GPS-Ortung und für Push-Mitteilungen berechtigen sowie über Internetempfang verfügen.
  • Welche Funktionen gibt es? Nach Auslösen des Hilfe-Notrufs beginnt ein Countdown von fünf Sekunden. Wird der Vorgang nicht abgebrochen, setzt die Alarmroutine ein: Information von fünf Ersthelfern in der Nähe, Absetzen des Notrufs 112, Alarm bei jeweils einem Nutzer, der sich als Sanitäter und Arzt registriert hat. Seit der zweiten Version der App gibt es auch einen Knopf "Angst/Gefahr". Er soll Personen dienen, die sich unterwegs bedroht fühlen. Hier läuft die Alarmroutine wie folgt ab: Information von vier anderen Nutzern in der Nähe, Anruf bei selbst gewählter Telefonnummer, Information eines Nutzers, der sich als Polizist registriert hat.
  • Was passiert beim eingehenden Hilferuf? Zunächst wird Nutzern die Entfernung zum Hilfesuchenden angezeigt. Dann müssen sie entscheiden, ob sie helfen können und wollen. Wenn ja, dann wird automatisch die Navigation zum Hilfesuchenden gestartet und dieser wird informiert, dass sein Notruf angenommen wurde.
  • Welche Informationen gibt es? Im Profil können Nutzer freiwillig Namen, Geschlecht und Vorerkrankungen eintragen. Im Fall eines Hilferufs werden sie übertragen. Außerdem kann man sich im Profil als Sanitäter, Arzt oder Polizist kennzeichnen. In der App wird darum gebeten, dies nur bei entsprechender Ausbildung zu tun, eine Überprüfung gibt es nicht.

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