Vier Arbeitsplätze sind besetzt an diesem Freitagmorgen in den Räumen von Media Lab am Konstanzer Zähringerplatz. An zwei der Rechnern sitzen Dominik Gerspacher, der Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, sowie seine Mitarbeiterin Stefanie Ditting. Die anderen beiden sind Gäste, quasi Untermieter. Sie sind selbstständig und haben ihren Schreibtisch hier. Coworking nennt sich das.

Der knapp hundert Quadratmeter große Raum ist modern eingerichtet. Flipchart, Whiteboard, Beamer, Besprechungsecke, alles schön hell gehalten. Dazwischen stehen Pflanzen. Nur eines ist es nicht: ruhig. Das Klacken von Tastaturen vermischt sich mit Telefongesprächen, draußen fährt ein Krankenwagen mit Sirene vorbei. Was manch einen in seiner Konzentration stören würde, ist für Marco Deutschmann die perfekte Wohlfühl-Arbeitsatmosphäre.

Bild: Feiertag, Ingo

Der 35-Jährige ist ein kreativer Kopf. Er selbst nennt sich Emotionologe, Speaker und Lifecoach. Die Telefonakquise für seine Vorträge und Seminare macht der Freelancer von seinem Coworking-Arbeitsplatz aus. „Ich mache das, um mit anderen Menschen zu sein“, sagt Deutschmann, der seit zwei Jahren schon fremde Arbeitsplätze mietet und verschiedene Anbieter in der Region kennt.

„Wenn‘s ums Telefonieren geht, brauche ich Menschen um mich herum“, sagt Deutschmann, „wenn ich sehe, dass die anderen viel arbeiten, dann motiviert das auch mich, mehr zu tun.“ Am Nachmittag stehen die Tätigkeiten in seinem Kalender, bei denen er Ruhe braucht. Dann geht Deutschmann in die Uni-Bibliothek.

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Der Trend Coworking ist in den USA entstanden und kommt allmählich auch in Europa an. Dabei können Menschen, die unabhängig in ihrer Arbeit sind, in Gesellschaft arbeiten, quasi ohne im Homeoffice zu vereinsamen.

„Wir bieten hier ein professionelles Umfeld – weg von Kühlschrank, Couch, Herd, Bett, Fernseher“, sagt Dominik Gerspacher von Media Lab, einem von mehreren Anbietern in Konstanz. Gerspacher schätzt es besonders, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen und sich mit ihnen austauschen zu können.

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Der 32-Jährige selbst hat das Prinzip der untervermieteten Arbeitsplätze in Berlin kennengelernt. „Da ist alles voll von Coworking-Spaces, wir in Konstanz sind fünf oder mehr Jahre hinterher“, sagt Gerspacher, der ein bisschen Hauptstadt ins kleine Konstanz bringen möchte. „Eine professionelle Alternative zum Homeoffice“, nennt er den Media-Lab-Coworking-Space.

Bernd Stephan, der stellvertretende Leiter der Konstanzer Wirtschaftsförderung, nennt Coworking eine „spannende Sache, besonders in einer nicht gerade niedrigpreisigen Stadt wie Konstanz. Wir als Stadt und Wirtschaftsförderung unterstützen das gerne“, sagt er. So seien auch auf dem ehemaligen Siemensareal in der Bücklestraße etwa 200 bis 400 Quadratmeter für solche „modernen Bürogemeinschaften“ vorgesehen.

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Für 30 Euro am Tag (Zehnerkarte 200 Euro) oder 195 Euro im Monatsabo bietet Gerspacher in den Räumen seiner Agentur einen Schreibtisch mit ergonomischem Stuhl, abschließbarem Rollcontainer, Tastatur und Maus, Hubsystem, um Kabelsalat zu vermeiden, Bildschirm sowie Headset. „Und, ganz wichtig“, sagt der Konstanzer und lacht, „eine Tee-Wasser-Kaffee-Flatrate.“ Außerdem kann zusätzlich ein Virtual Office, zu Deutsch: eine Postadresse, gebucht werden.

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Im Moment sind sechs der acht Plätze vermietet. Die Kunden kommen aus den verschiedensten Branchen. „Ein, Lektor und Korrektor, ein Coach für Jugendliche, eine Autorin im Selbstverlag, ein Karrieretutor“, zählt Dominik Gerspacher auf.

„Wir hatten auch schon einen Fahrradkurier, einen Systemadministrator oder einen Office-Programmierer, dem es im Sommer bei sich unter dem Dach zu heiß war. Das ist völlig bunt gemischt.“ Für viele sei der Coworking-Schreibtisch auch ein erster Schritt auf dem Weg zum eigenen Büro.

Interessierte können diese neue Form des selbstständigen Arbeitens an den Freitagen im September rund um den Bodensee testen. Free Friday heißt das Programm, in dessen Rahmen Coworking-Spaces bei zwölf Anbietern umsonst ausprobiert werden können.

Zehn davon in der Schweiz, je einer in Konstanz und Friedrichshafen. „Uns geht es darum, das Konzept Coworking bekannter zu machen“, sagt Gerspacher. Ganz nach seinem Motto: „Leben statt pendeln.“