Konstanz Egger Bürger schlagen alternative Standorte für Flüchtlingsheim vor

Die Stadt Konstanz denkt über eine Flüchtlingsunterkunft auf der Egger Wiese nach. Auf dieser befindet sich aber ein Spielplatz und der einzige Platz, an dem sich die Egger treffen und ins Gespräch kommen können. Die Egger wollen gerne Flüchtlinge aufnehmen, aber nicht auf den Spielplatz verzichten.

Mehr als einhundert Bürger standen bei der Josefs-Kapelle in Egg und erwarteten den Tross der Konstanzer Stadtspitze. Dass auf dem Spielplatz eine Unterkunft für Flüchtlinge gebaut werden könnte, sorgte für Empörung. Ihren Ärger brachten sie während der mobilen Bürgersprechstunde in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Oberbürgermeister Uli Burchardt hatte keinen leichten Stand, zumal er der Diskussion etwas an Lebhaftigkeit in Form von Zwischenrufen und dergleichen nehmen musste. „Wir nehmen gerne Flüchtlinge auf“, sagte Gaby Ellegast, Vorsitzende der Bürgergemeinschaft Egg. Den Eggern liegt diese Klarstellung am Herzen, denn sie wollen keinesfalls als ausländerfeindlich gelten. Wichtig ist ihnen lediglich der Erhalt des Spielplatzes. „Das ist die einzige Grünfläche, die wir haben. Sie wird als Bolzplatz, als Spielplatz für Kinder und als Treffpunkt für Ältere genutzt“, so Ellegast.

Gaby Ellegast hat sich gut auf den Termin vorbereitet: „Wir sind der kleinste Ort mit dem größten Bevölkerungswachstum in den letzten zehn Jahren.“ Vor allem Familien mit Kindern hätten sich angesiedelt. Egg West sei fertig, Egg Ost sei noch im Bau befindlich. Trotz des nicht unbeträchtlichen Zuzugs „haben wir keine Infrastruktur; weder ein Geschäft, noch ein Restaurant. Der Spielplatz ist unser einziger Treffpunkt, unser einziger Ort der Kommunikation“, erläuterte Gaby Ellegast und fügte an: „Jetzt will uns die Stadt die Hälfte des Platzes nehmen. Darauf reagieren die Menschen hier so sensibel.“

„Wir haben Not, wo wir etwa 400 Menschen, die noch in diesem Jahr kommen, unterbringen sollen“, schilderte Oberbürgermeister Uli Burchardt das Problem der Stadt Konstanz. „Wir stehen in Sachen Wohnbau schon an der Wand.“ In der Stadt sei bereits nachverdichtet worden, es gebe kaum nennenswerten Wohnungsleerstand, das Handlungsprogramm Wohnen wurde verabschiedet und gewinne gerade an Fahrt, auf der Wobak-Warteliste hätten sich rund 300 Wohnungssuchende eingetragen, von denen 180 als Härtefälle bezeichnet werden, weil sie akut von Obdachlosigkeit bedroht seien. Und jetzt kommt noch hinzu: „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir die größte Flüchtlingswelle weltweit“, so Burchardt. Allein in Deutschland werde mit einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr gerechnet. Wie viele Flüchtlinge die Stadt Konstanz aufnehmen muss, weiß der OB nicht: Die Zahl ändere sich stetig. Fest steht nur: „Ein Drittel der im Landkreis Konstanz ankommenden Flüchtlinge nehmen wir auf.“

Die Stadtverwaltung nimmt jetzt alle Möglichkeiten genau unter die Lupe, und zwar in allen Stadtteilen, denn die Bildung eines Ghettos solle keinesfalls entstehen. Sie sucht „große Grundstücke für Gemeinschaftsunterkünfte, Containerstandorte oder schlimmstenfalls, um Zelte aufstellen zu können“, so Burchardt. Im Gewerbegebiet gebe es noch Möglichkeiten, „wo man Großes schnell bauen kann“. Gleichzeitig werde derzeit geprüft, wo sogenannte Anschlussunterkünfte möglich wären. Dabei würden alle erdenklichen Optionen betrachtet, auch genannter Spielplatz, die sogenannte „Egger Wiese“. Bereits im Rahmen des Handlungsprogramms Wohnens lenkte sich die Aufmerksamkeit der Verwaltung auf diesen Platz, denn hier gibt es ein so genanntes Baufenster. 0,1 Hektar waren für einen Kindergarten vorgesehen. Hier könnte die Stadt rasch bauen. „Der Bund hat das Baurecht wegen der Flüchtlingswelle geöffnet und beschlossen, dass solche Flächen bebaut werden können“, erläuterte Marion Klose, Leiterin des Amtes für Stadtplanung.

„Dieser Platz in dieser Größe ist heilig für unser Dorf“, stellte die Bürgerin Daniele Seifert fest. „Städtebaulich wäre es für uns eine Katastrophe“, wenn die Hälfte der Fläche wegfiele. Um den Platz für die Egger zu bewahren, wartete Seifert mit konstruktiven Vorschlägen auf. Sie regte beispielsweise an, Container an den Randteilen von Egg aufzustellen. „Wenn man die Container nicht mehr benötigt, dann sind sie schnell weg und es wurde nichts voreilig zubetoniert“, so Daniele Seifert, die anfügte: „Der Vorteil: Die Bürger würden diese Situation mittragen und mithelfen. Es gibt hier viele, die sich für Asylbewerber ehrenamtlich engagieren.“ Eine IHK-Mitarbeiterin erinnerte an den bevorstehenden Umzug der Handelskammer. „Das Gebäude in der Schützenstraße wäre dann leer.“

Uli Burchardt freute sich über das engagierte Mitdenken: „Wir brauchen mehr Vorschläge.“ Die Verwaltung sei dankbar für jede Idee und Anregung. Wie groß die Not der Stadt ist, wurde im Verlauf des Gesprächs durch zwei Aussagen unterstrichen. „Wir sind schon froh, wenn wir den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf besorgen können“, sagte Uli Burchardt. Vor allem will er verhindern, dass der Landrat von seinem Polizeirecht Gebrauch macht und die Turnhallen beschlagnahmt. „Das wäre der erste Worst Case“ (schlimmster Fall), so das Stadtoberhaupt. Mit dem Verteilungsschlüssel sei er selbst nicht glücklich, denn Konstanz als Studentenstadt habe ohnehin mit Wohnraummangel zu kämpfen. Diesbezüglich sei „eine Resolution auf dem Weg“, die im Kreistag beschlossen werden solle, denn „wir sehen großen politischen Handlungsbedarf“. Zum Spielplatz sagte der OB: „Wir wollen hier nicht einen Fremdkörper reinklatschen.“ Er versprach, dass im Gemeinderat am Donnerstag keine Entscheidung gefällt werde. Die Egger waren erleichtert. Gaby Ellegast fasste zusammen: „Dann bleiben wir mit dem Spielplatz im Gespräch und über die anderen Probleme sprechen wir dann im Herbst.“ Burchardt erwiderte: „Die Tür ist offen.“ Bürgerin Silvia Jungmann sagte: „Und die Flüchtlingskinder würden sich auch über den Spielplatz freuen.“

Das sind die Bedenken

Die Egger Wiese: Warum die Egger Wiese für die Bürger eine so große Bedeutung hat machte Gaby Ellegast, Vorsitzende der Bürgergemeinschaft Egg, anhand von Zahlen deutlich: „Der Bevölkerungszuwachs in Egg in den vergangenen zehn Jahren beträgt 51 Prozent. Wir haben mit 29,9 Prozent den größten Anteil an Familien mit Kindern unter 18 Jahren. In der Altstadt sind es etwa 12 Prozent, in Allmannsdorf etwa 14 Prozent.“ Dagegen verfüge Egg über keinerlei Infrastruktur; die Egger Wiese sei der einzige Ort im gesamten Stadtteil, wo die Bürger zusammenkommen und sich treffen könnten.

Die Flüchtlinge: „Wir nehmen gerne Flüchtlinge auf, das steht außer Frage. Aber wir wollen unseren Spielplatz erhalten“, so Ellegast. Dieser Freifläche komme eine weitere Bedeutung hinzu, denn eben dieser Ort der Kommunikation sei auch der Integration von Flüchtlingen dienlich. Die Egger Bürger sicherten Oberbürgermeister Uli Burchardt bei dessen mobiler Bürgersprechstunde in Egg zu, bei der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten behilflich zu sein.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Mehr zum Thema
Asylbewerber im Kreis Konstanz: Im Jahr 2012 hat der Landkreis Konstanz rund 150 Asylbewerber neu aufgenommen. 2014 waren es bereits 779 Personen. Damit lebten Ende 2014 insgesamt 911 Flüchtlinge im Landkreis. Bis Ende 2015 sollen es über 2000 Personen sein. Im SÜDKURIER-Themenpaket lesen Sie Hintergründe und aktuelle Artikel zum Thema.

Hier können Sie sich für Flüchtlinge engagieren
Zahlen und Fakten zum Thema Flüchtlinge im Kreis Konstanz
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Kreis Konstanz
Konstanz
Überlingen
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (17)
    Jetzt kommentieren