Die von den freien Wohlfahrtsverbänden getragene Migrantenberatung ist etabliert und gut bewertet. Aber ausgerechnet in einer Phase, in der durch den Zuzug vieler Flüchtlinge auch die Zahl der Ratsuchenden stark gestiegen ist, könnten Abstriche am Angebot drohen. Caritas, Diakonie und andere Mitgliedsverbände der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Konstanz sind in Sorge, weil im Bundeshaushalt Mittelkürzungen für Beratungsarbeit vorgesehen sind.

Nach Angaben des Liga-Vorsitzenden Christian Grams, der auch Geschäftsführer der Diakonie ist, sieht der Entwurf zum Bundeshaushalt 2017 im Bereich der Migrationsberatung für Jugendliche eine Kürzung um acht Millionen Euro auf 42 Millionen Euro gegenüber dem Etat von 2016 vor. Im Bereich der Migrationsberatung für Erwachsene sollen die Bundesmittel im nächsten Jahr trotz steigenden Bedarfs unverändert bei 44,7 Millionen Euro bleiben, das ist der Betrag, den der Bund auch für 2016 zur Verfügung gestellt hat. Grams übt hier scharfe Kritik. "Die Kürzung ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar", sagt er mit Blick auf die Perspektiven der Jugendmigrationsdienste. Nicht nachvollziehbar ist für die Liga laut Grams auch das Einfrieren der Zuschüsse für die Beratung erwachsener Zuwanderer. In vielen Bereichen werde derzeit geklotzt, wie zum Beispiel bei der Inneren Sicherheit. Aber ausgerechnet bei der Integration, "wo viel passieren soll, passiert nichts".

Martina Walz, die Fachbereichsleiterin für soziale Dienste beim Caritasverband in Singen, macht deutlich, wie die geplante Kürzung bei der Jugendmigrationsberatung sich regional auswirken könnte. Aufgrund des wachsenden Bedarfs wurde der Personalbestand der Liga für den Beratungsdienst im Oktober vergangenen Jahres von einer auf zweieinhalb Stellen aufgestockt. "Wir haben die Sorge, dass über die Mittelkürzung die Aufstockung wieder wegfällt", sagt Walz. Zumal eine der Stellen befristet sei. Dabei hat der Personalzuwachs die Beratungsmöglichkeiten im Landkreis deutlich verbessert. Denn nun können die Wohlfahrtsverbände das Angebot an junge Zuwanderer in den vier größten Städten des Landkreises machen. Vorher gab es den Service nur in Singen und Stockach. Für die Betreuung erwachsener Zuwanderer stehen vier Fachkräfte zur Verfügung.

Nach Angaben der Sozialpädagogin Zekine Özdemir (Arbeiterwohlfahrt) müssen Ratsuchende derzeit sieben bis zehn Tage auf einen Termin warten. Sie macht deutlich, dass die Betreuung der Zuwanderer aus anderen Ländern ein langer Prozess ist: "Die Menschen kommen nicht nur mit einer Frage." Sie berichtet auch, dass für die Berater der Zeitdruck wachse. Darunter leide die Qualität. "Integration darf hier nicht symbolisch abgehandelt werden", sagt Özdemir. Aufseiten der Integrationsberater besteht in Anbetracht der Finanzierungspläne des Bundes auch der Verdacht, hier werde auf Kosten des Personals der sozialen Dienste im Land gespart. Manches bleibe da auf der Strecke. "Auch wir haben Fragen und brauchen Fortbildung", betont die Sozialarbeiterin Andrea Lohmüller, die beim Caritasverband Konstanz Migranten betreut. Die Liga der freien Wohlfahrtspflege hat inzwischen an den Bundestagsabgeordneten Andreas Jung appelliert, sich für eine bessere finanzielle Ausstattung einzusetzen.

Bundesweiter Aktionstag

  • Die Migrationsberatung der Wohlfahrtsverbände bietet Unterstützung in allen Lebensbereichen rund um Arbeit, Sprache und Existenzsicherung. In Anspruch nehmen können den Service Flüchtlinge mit gesichertem Aufenthaltsstatus und andere Zuwander, auch aus EU-Staaten.
  • Die Wohlfahrtsverbände wollen mit einem bundesweiten Aktionstag am 13. September die Lage der Migrationsberatung thematisieren. Es gelte, die Bundestagsabgeordneten vor den Haushaltsberatungen im Herbst für die Bedeutung der Migrationsberatung und die Erhöhung der Haushaltsmittel zu sensibilisieren, so heißt es.