Offene Grenzen und die Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben treiben im Sommer 2015 Tausende Flüchtlinge nach Europa und Deutschland. Ein Bruchteil kommt im Landkreis und in der Stadt Konstanz an. Ihre Geschichten, ihre Unterbringung und Integration bewegen monatelang die Diskussionen in Deutschland. Was ist in Konstanz im Jahr 2018 daraus geworden? Wie geht es heute, knapp drei Jahre später, in den Unterkünften zu? Was wurde aus den Hoffnungen der Flüchtlinge und Begegnungen mit den Konstanzern?

Gibt es Kriminalität in den Unterkünften?

Dass es Probleme mit Kriminalität gibt, will keiner der Verantwortlichen beim Landratsamt leugnen. „Am meisten läuft in Konstanz in der Luisenstraße und, etwas weniger, im Dörfle“, erläutert Ludwig Egenhofer, Leiter des Amts für Integration und Migration beim Landratsamt Konstanz.

„Überwiegend geht es um Drogenhandel, im großen und im kleinen Stil“, sagt er und fügt hinzu, dass es im Kreis Konstanz keine Hausprostitution in Flüchtlingsunterkünften gebe – das sei bundesweit betrachtet keine Selbstverständlichkeit. Die kriminellen Aktivitäten machen das Zusammenleben für manche Bewohner problematisch.

Frauen und Familien mit Kindern gelte es zu schützen, sagt Nicole Unger, Regionalleiterin des sozialen Diensts, das sei nicht immer einfach. Häufig berichteten ihr die Bewohner, dass ihnen Drogen angeboten worden seien. Nicht alle fühlten sich in der Unterkunft wohl. 

Wie kommen die Nachbarn mit den Asylbewerbern aus?

Nicht jeder wohnt gerne in der Umgebung einer Flüchtlingsunterkunft und auch die Erfahrungen, die die Anwohner machen, unterscheiden sich offenbar sehr. „Ich bekomme von der Unterkunft gar nichts mit und bin auch noch nie angesprochen worden“, sagt Beatrice Geser, die häufig mit ihrem Hund in der Luisenstraße spazieren geht.

Natascha Villiers hat folgendes beobachtet: „Tagsüber ist es okay, da verteilt es sich, abends, zwischen 22 und 23 Uhr aber sind viele der männlichen Flüchtlinge unterwegs, häufig in Gruppen.“ Gerade am Wochenende seien öfter Polizeieinsätze zu beobachten. „Manche Flüchtlinge sind sehr freundlich. Aber gerade als blonde Frau wird man auch oft angemacht.“

Welche Probleme äußern die Flüchtlinge?

Allen Flüchtlingen gemeinsam ist, dass sie sich nach einer entspannteren Wohnsituation sehnen. Der Alltag in der Erstunterbringung ist mitunter für eine Integration in Deutschland nicht förderlich. Faiz Yusufi aus Afghanistan war in der GU in Dettingen untergebracht, jetzt lebt er mit seiner Familie in der GU Dörfle. Eigentlich sei das Leben jetzt besser.

„Jeden Monat ist die Polizei hier, genau wissen wir nicht, warum, aber es ist klar, dass einige der jüngeren Leute mit Drogen handeln“, berichtet Yusufi. Auch hier fürchten Familien, dass ihre Kinder nicht in einem friedlichen Milieu aufwachsen.

Alamuhammad Sinzai, Faiz Yusufi, Edriz Nuri und Abdullhajem Rahmadi (von links) aus Afghanistan in der GU Dörfle.
Alamuhammad Sinzai, Faiz Yusufi, Edriz Nuri und Abdullhajem Rahmadi (von links) aus Afghanistan in der GU Dörfle. | Bild: Claudia Wagner

Einige Ärgernisse sind für die Bewohner praktischer Natur: Es komme vor, dass das Wasser in den Duschen kalt sei, berichtet Edriz Nuri, auch er stammt aus Afghanistan. Hinzu kommt die Entfernung der Duschen vom Wohnbereich: um die Duschen zu erreichen, müssen die Bewohner nach draußen und die Treppe ins Erdgeschoss nutzen.

Allah Mohammad Sinzai nennt gravierendere Hindernisse, die ihm die Integration erschweren: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Den Deutschkurs etwa müsse er selbst zahlen, Personen aus dem Irak und Syrien bekommen das Geld erstattet. Vier Monate lang habe er ein Qualifizierungsangebot der Handwerkskammer besucht, er hätte gerne weiter gemacht, doch durch die Ablehnung seines Antrags sei ihm das verwehrt worden.

2015 meldeten sich etliche freiwillige Helfer. Sind sie auch heute noch engagiert?

Auch in Konstanz war die Hilfsbereitschaft 2015 sehr groß, wie Marion Mallmann-Biehler, Vorsitzende von Save me Konstanz, bestätigt. Etwa 1000 Helfer seien anfangs gemeldet gewesen, was für eine Stadt in dieser Größe sehr viel ist. Inzwischen seien etwa 400 ­Ehrenamtliche als Sprachpaten, Flüchtlingspaten, in der Auszubildenden-Betreuung oder der ­Kinderbetreuung aktiv.

Im Moment werde es schwieriger, Flüchtlingshelfer zu finden. Einige Helfer ­hätten sich so stark engagiert, dass es ihnen zu viel wurde. „Je enger die Beziehung zum Flüchtling wird, desto schwieriger kann es werden.“ Beim Café Mondial wiederum setzt man auf die Begegnung. Die Mitgliederzahl sei ­kontinuierlich gewachsen, auf 180 Personen aktuell, wie der im Vorstand engagierte Lorenz Neuberger berichtet.

Wie gut hat die Integration funktioniert?

Wann ist ein Flüchtling auch in der Gesellschaft angekommen? Ein entscheidender Faktor ist die Arbeit. Manfred Hölzl, Betreiber der Konzilgaststätten, hat seit 2015 Flüchtlinge eingestellt – als Küchenhelfer ebenso wie als ­Auszubildende. Seine Erfahrungen sind insgesamt positiv: „Ich beschäftige immer noch zehn bis zwölf Flüchtlinge, zwei davon sind in Ausbildung.“

Hölzls Ziel ist, dass die jungen Männer ihr Leben auf sichere Füße stellen können, dass sie mit einer Ausbildung etwas ­Belastbares vorzuweisen haben – auch für den Fall, dass sie Deutschland wieder verlassen müssten. Zwei Jungs aus Aleppo in Syrien absolvierten bei ihm eine Ausbildung im ­Hotelfach. Auch seine Mitarbeiter aus Gambia und Afghanistan sieht Hölzl als „gute, verlässliche Mitarbeiter“.

Die derzeitige Tendenz, Flüchtlinge abzuschieben, bewertet Manfred Hölzl als äußerst problematisch. „Wir haben hier in den vergangenen drei Jahren ein Potential an Arbeitskräften geschaffen, auf das wir so nur schwer verzichten können."

Was bleibt als Erfahrung?

Ludwig Egenhofer, Leiter des Amts für Migration und Integration beim Landratsamt, begleitet die Unterbringung der Flüchtlinge bis heute. Herausfordernd war die Aufgabe, die Flüchtlinge 2015 sicher unterzubringen, ohne die Situation abschätzen zu können, „wir waren wie getrieben“, schreibt er auf Nachfrage des SÜDKURIER. Im Rückblick hätte er manches anders entschieden: „Ich würde alle neuen Flüchtlinge zuerst in eine größere Unterkunft bringen und nach einigen Monaten umverlegen in eine bessere Unterkunft.“