Freitagnachmittag im Kreuzlinger Hotel Six, ein paar hundert Meter vom Lago entfernt. Noch ist es ruhig in dem Vier-Sterne-Betrieb, im Restaurant und hinter der Bar stehen nur die Mitarbeiter. "Die Gäste reisen vor allem morgen an", sagt Hans-Peter Vianden und geht die Treppen zu den 18 Zimmern nach oben. 2014 hat der deutsche Unternehmer, der seit über 35 Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet, das Gebäude gekauft und saniert – und nach den ersten Buchungen schnell gemerkt, was die Attraktivität seines Hauses ausmacht. "Überall standen Einkaufstüten", sagt Vianden. Seitdem macht er in der Schweiz Werbung mit dem Slogan "Einkaufstourismus – leicht gemacht und mit Genuss". Die Idee dahinter: "Bei uns zahlen Schweizer Einkaufstouristen ihren Aufenthalt mit der rückerstatteten deutschen Mehrwertsteuer."

Vianden rechnet das so vor: Das Angebot "Kurzes Weekend", das unter der Rubrik "Packages Einkaufstourismus" angeboten wird, enthält: Eine Übernachtung, zwei Einkaufstage in Konstanz, "Begrüssungs-Cüpli", zwei Antipasti-Teller, Einkaufsberatung und Hinweise zu den Zollformalitäten – für 220 Franken pro Dopppelzimmer. Der Preis ist genau auf die maximale Rückerstattung der deutschen Mehrwertsteuer kalkuliert. Die beträgt bei einem maximalen Netto-Einkaufswert von 1200 Franken an zwei Tagen für zwei Personen 228 Franken. Für die Adventssamstage oder zum Seenachtfest gibt es spezielle Angebote.

Ein guter Marketing-Gag, möchte man sagen. Und einer, der nicht bei jedem gut ankommt. Kurz nach der Hoteleröffnung hatte schon der Thurgauer Gewerbeverband kritisiert, dass er das Angebot des Hotels als unpassend empfände. "Ich kann das nicht nachvollziehen", antwortet Vianden. Auch der Kreuzlinger Handel könnte von den vielen Touristen profitieren. Vianden wünsche sich eine Belebung der Kreuzlinger Innenstadt, dass "die Stadt" Konstanz-Kreuzlingen mehr miteinander verbunden ist, sagt er. Er weiß aber auch: "Man überlebt hier nur, wenn man die Preise dem Konstanzer Niveau anpasst." Den Kaffee Creme gibt es in seinem Hotel für 2,90 Franken. "Unser Ziel ist es, auch die Konstanzer anzusprechen", ergänzt Vianden. Im Herbst will er das legendäre Tanzbödeli wieder eröffnen, unter dem neuem Namen Live@Six und mit einem Programm aus Musik, Tanz und Comedy. "Es wäre schön, wenn die Leute erkennen: Auf der Schweizer Seite ist nicht alles so teuer wie man denkt – und man kann auch in Kreuzlingen gut ausgehen."

Seitenwechsel: In Konstanz haben im vergangenen Jahr 865 000 Gäste übernachtet. Rund zehn Prozent der Gäste kommen aus der Schweiz. Während sich der Anteil der übrigen ausländischen Übernachtungsgäste kkaum veränderte, hat sich ihre Zahl seit 1990 mehr als verzehnfacht. Aus Erfahrung weiß Dieter Wäschle, Inhaber des Petershofs und stellvertretender Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA Baden-Württemberg: "Die meisten sind Wochenendurlauber, die von Freitag auf Samstag bleiben. " Zwischen 50 und 70 Prozent seiner Gäste kommen aus der Schweiz, zum Einkaufen und Essen, manche hängen noch einen Wellnessabend in der Therme dran. "Wir sind hier in Grenznähe ganz glücklich", sagt Wäschle. Die Schweizer Einkaufstouristen füllen auch außerhalb der Sommersaison die Betten, die von Geschäftsleuten laut Wäschle in den vergangenen Jahren immer weniger gebucht wurden. Die zunehmende Konkurrenz durch weitere Hotels in Konstanz aber auch durch im Preis vergleichbaren Hotels in Kreuzlingen sieht er erwartungsgemäß kritisch. "Mit den Zimmerpreisen mussten wir runter gehen, um weiter attraktiv zu bleiben", so Wäschle. Einen entscheidenen Vorteil habe der Petershof aber schon: "Die fußläufige Nähe zur Altstadt". Der Anteil der Schweizer Gäste varriert aber auch: Im Hotel 47 Grad etwa kamen im Jahr 2015 die meisten Gäste aus Deutschland, sagt Marketing-Chef Marco Scheider. Nur 17,4 Prozent aus der Schweiz. Im Durchschnitt blieben die zwischen ein und zwei Tagen – vorwiegend für "Shopping, Wellness und Genuss", so Scheider.

Tourismus-Chef Norbert Henneberger sieht in dieser Entwicklung Chancen für die gesamte Stadt, nicht nur für den Einzelhandel und die Hotellerie. "Es zeigt, das die Schweizer nicht nur Tagestouristen sind, sondern auch weitere Vorteile nutzen." Ganz vorne stehe zwar das Einkaufen – aber auch andere Angebote würden gerne genutzt. Das Einzugsgebiet der Konstanzer Therme geht bis Luzern, vor allem größere Einrichtungen wie das Sea Life und Cineplex profitieren von den Schweizer Gästen und die meisten Restaurants in der Stadt sind vor allem an Samstagen voll besetzt. Noch vor 25 Jahren, sagt Henneberger, wurde Konstanz als Ziel von den Schweizern so gut wie nicht wahrgenommen. Das hat sich Schneeballeffekt-artig geändert.

Hans-Peter Vianden kennt die Diskussion um die überfüllte Konstanzer Innenstadt an Samstagen. Er sieht das Ganze aus unternehmerischer Sicht: "Man sollte nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt", sagt Vianden und merkt vorher an: "Ich selbst gehe nicht am Samstag in die Altstadt zum Einkaufen." Aber er könne immerhin behaupten, dass er mit seinem Angebot nicht noch mehr Autos nach Konstanz holt. Im Doppelzimmerpreis inklusive ist für die Einkaufstouristen auch ein Parkplatz hinter dem Hotel.

17,8 Millionen grüne Zettel

So viele Ausfuhrscheine wurden im vergangenen Jahr an den Grenzübergängen zwischen Konstanz und Lörrach abgestempelt – 150 Beamte sind allein mit dieser Aufgabe beschäftigt. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 15,7 Millionen grüne Zettel. Der geringste Betrag lag bei einem Cent Rückerstattung – für den Kauf eines zehn-Cent-Einkaufssacks, heißt es beim Hauptzollamt Singen. Mit dem Aus des Euro-Mindestkurses habe sich die Lage weiter verschärft. Eine Bagatellgrenze wird es vorerst nicht geben, stattdessen soll das Verfahren digitalisiert werden. "Wir arbeiten intensiv an einer Lösung", sagte der Generalzolldirektor Uwe Schröder kürzlich bei einem Besuch in der Region und beim Hauptzollamt Singen. Er sagte aber auch: "Noch ist es zu früh, um schon über einen konkreten Zaitfahrplan sprechen zu können." (sap)