Als die Tür aufgeht, staunen die Männer nicht schlecht. Sie sind mitten in ihrer Gymnastikstunde, als Klaus Wielath den Raum betritt. Der Geschäftsführer des Konstanzer Ortsvereins des Deutschen Roten Kreuzes hält eine Urkunde und steuert auf Peter Grempels zu. Solch einen Jubilar gibt es schließlich nicht alle Tage: "Ich gratuliere Ihnen nachträglich zum 90. Geburtstag und zu 30 Jahren Mitgliedschaft in der Männer-Seniorengymnastik", sagt Wielath. Die Überraschung ist gelungen. "Ich bin erstaunt, dass meine Frau nichts verraten hat", schmunzelt Grempels. Seine Frau war eingeweiht, wie Übungsleiterin Margarete Rupp und ihre Vorgängerin Christa Bartholot, die die Männergruppe einst gegründet hatte. Eingefädelt hatte das Ganze Walter Weltin, Rot-Kreuz-Mitglied und Besucher der Seniorengymnastik.

Statt Fitness von Kopf bis Fuß stehen an diesem Freitag im Gemeindezentrum St. Martin also Sekt und Brezeln auf dem Programm. Grempels jüngster Gymnastikkollege Rainer Ruess, 64 Jahre, sagt: "Sie sind mein Vorbild. Wenn man mit 90 Jahren noch so fit ist, komme ich weiterhin regelmäßig." Ob die Sporteinheiten dazu beitrugen, dass ihn heute nur wenige Zipperlein plagen, weiß Peter Grempels nicht. "Ich kann mir wenigstens nicht vorwerfen, nichts getan zu haben", meint er und erinnert an ein Gespräch mit Lennart Graf Bernadotte zu dessen 90. Geburtstag: "Als er gefragt wurde, was das Geheimnis seines Alters sei, antwortete Bernadotte: Einfach nicht früher sterben."

Das hat sich der 90-Jährige offenbar auch zum Motto gemacht. Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück: 1927 als Siebenbürger Sachse im heutigen Rumänien geboren, wurde er im Zweiten Weltkrieg nach Russland verschleppt und später in die sowjetisch besetzte Zone entlassen. Er floh, denn er "hatte es nicht so mit den Kommunisten". Die Rückkehr in die Heimat hatte keine Zukunft, über Umwege landete Peter Grempels in der französisch besetzten Zone und durfte bei Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg, einem Onkel des Hitler-Attentäters, zwei Jahre lang in der Landwirtschaft arbeiten. Später schulte er zum Maurer um und lernte einen Mann kennen, der am Konstanzer Technikum ausgebildet wurde. Über ihn kam er an den Bodensee und arbeitete fünf Jahre lang als Maurer in Kreuzlingen. 1953 wurde er arbeitslos, wechselte zu den Stadtwerken und arbeitete als Matrose und Kassierer auf der Autofähre. Fünf Jahre später kam Grempels zur Sparkasse, arbeitete am damaligen Autoschalter in der Bruderturmgasse, bevor er von 1969 bis zur Pensionierung 1987 in der Zweigstelle Friedrichstraße angestellt war. Immer wieder musste der zweifache Vater Geld zusammenkratzen, um den nächsten Schritt zu schaffen. "Ich habe mich hochgewurschtelt", so der 90-Jährige.

Heute genießt er seine Rente, unternimmt mit seiner Frau Reisen und hält sich mit Gymnastik fit. Die Männer genießen es, eine Stunde in der Woche unter sich zu sein. "Hier kommen wir endlich mal zu Wort", frotzelt der 79-jährige Roland Schmidt. Auch Gruppenleiterin Margarete Rupp hat Spaß: "Es ist toll, einen Haufen Männer durch die Gegend zu scheuchen".

 

Die Seniorengymnastik

Als Christa Bartholot die Männer-Seniorengymnastik gründete, gab es nur fünf Teilnehmer. Inzwischen kommen regelmäßig 15 bis 20 Senioren. Die ausgebildete Übungsleiterin Margarete Rupp übernahm die Gruppe vor 15 Jahren, bietet aber auch Kurse für Frauen sowie gemischte Gruppen an. Zeiten: Männer: Freitags 8.45 bis 9.45 Uhr. Frauen: Freitags 10 bis 11 Uhr, beides im Gemeindezentrum St. Martin Wollmatingen. Gemischt: Montags 16.30 bis 17.30 Uhr, Grundschule Litzelstetten. Weitere Kurse von Dienstag bis Donnerstag, siehe www.ov-kn.drk.de oder per Telefon: (07531) 629 00. (kis)