Bildung als Schlüsselfaktor für das Überleben der Menschheit? Davon ist Reiner Klingholz überzeugt. Der Demografie-Experte vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung war zu Gast im Bodenseeforum. Zusammen mit Ulrich Rüdiger, Rektor der Uni Konstanz, und Johannes Bruggaier, Moderator des Abends und SÜDKURIER-Kulturchef, gestaltete er die erste Diskussion, veranstaltet von der Volkshochschule Landkreis Konstanz und vom SÜDKURIER, im neu eröffneten Veranstaltungshaus am Seerhein. Das Thema: Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit.

100 Zuhörer lauschten, als Reiner Klingholz darüber referierte, welchen Einfluss Bildung auf den Menschen habe. "Bildung hat keine Nachteile", sagte er und erklärte, dass Bildung das Verständnis von Zusammenhängen ermögliche. "Es erhöht unser Humankapital, das einzige Kapital, das uns keiner nehmen kann." Bildung habe Einfluss auf Einkommen und politische Strukturen, auf Gesundheit und Geburtenrate. Massive Konflikte könnten ohne den Zugang zu Bildung für alle nicht überwunden werden. "Bildung ist überlebensnotwendig", sagte Klingholz und stellte klar: "Es gibt keine Alternative."

Der Bildungsforscher beschrieb im Bodenseeforum eine zweigeteilte Welt, die sich nach den Unterschieden der Investitionen in Bildung aufteile. In der arabischen Welt fehle es an diesen Investitionen, so Klingholz. "Der Frust über die desolate Lage entlädt sich in Konfrontation." Der Direktor des Berlin-Instituts schränkte aber auch ein, Bildung sei nicht alles. Gleichzeitig müssten betroffene Länder einen Mittelstand aufbauen und eine attraktive Umgebung für innovative Unternehmen schaffen. "Bildung kann nicht alles sein, aber ohne Bildung ist alles nichts", erklärte Klingholz.

Johannes Bruggaier stellte infrage, ob unser Weg zu Bildung für andere Länder kopierbar sei – und kopiert werden sollte. Er lenkte das Gespräch, mit Blick auf die Geschichte, auf die Folgen: Mit Wissen komme Wohlstand, eine Steigerung des Konsums, ein erhöhter Energieverbrauch und folglich eine Verschärfung des Klimawandels. Klingholz antwortete, durch diese Zeit müsse man durch. "Es wird schwieriger, bevor es besser wird", sagte er. Ulrich Rüdiger stimmte zu, Energie komme erstmal über fossile Brennstoffe, das werde den Klimawandel zunächst massiv verschärfen. "Wir müssen hoffen, dass Bildung sehr schnell wächst." Sonst seien die Szenarien katastrophal.

Bildung braucht Geld, Zeit und Geduld, die Investitionen in vielen Ländern bleiben aus. "Bildung ist nicht sexy", erklärte Klingholz diesen Umstand. Und: "Warum mischen wir uns überhaupt ein? Weil diese Länder keine Zeit mehr haben." Konflikten könne man nur mit rationalem Denken entgegenwirken. Ulrich Rüdiger erklärte, das sei grundsätzlich richtig. "Aber beim rationalen Denken müssen wir auch in Deutschland nachbessern."

Zur Person

Reiner Klingholz ist Demografie-Experte und seit 2003 Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwiclung. Er promovierte an der Universität Hamburg, schrieb von 1984 bis 1989 als Wissenschaftsredakteur für die ZEIT und war bis 2000 als Redakteur bei GEO tätig. Er ist Autor von "Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit".