Das Leben von Felix Petersen hat sein ganz eigenes Tempo. Vollgas. Schule. Abitur. Studium. Die wichtigen Momente rasen nur so an ihm vorbei. Anhalten? Keine Zeit. Auch jetzt nicht. Gerade schreibt er an seiner Doktorarbeit. Doch er ist nicht nur schlau und schnell. Er ist auch sehr jung. Felix Petersen ist 19 Jahre alt.

Mit 15 zieht der gebürtige Lübecker von Hamburg an den Bodensee. Er hört, dass es an der Konstanzer Universität ein spezielles Schülerstudium gibt für den wissenschaftlich interessierten Nachwuchs.

Etwa 20 bis 30 junge Menschen besuchen pro Semester neben der Schule auch Vorlesungen an der Uni, an der HTWG ist derzeit kein Schülerstudent eingeschrieben. „Die einen sind kurz vor dem Abi und noch unsicher, was sie einmal studieren sollen. So können sie sich sehr real ausprobieren“, sagt Ulrike Leitner, für die das Schülerstudium auf dem Gießberg vor elf Jahren das erste Projekt ihrer Tätigkeit als Studienberaterin war. „Andere sind sehr an einzelnen Dingen interessiert“, fährt sie fort, „und wieder andere brauchen einfach mehr.“ Es ist ein Spagat zwischen Langeweile und Anspruch – wie bei Felix Petersen.

Vom ersten Tag an legt der ein irres Tempo vor. In der neunten Klasse kommt er von Norddeutschland ans Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Immer wieder einmal. „Ich war von Anfang an mehr an der Uni als in der Schule“, erzählt der 19-jährige Doktorand. „Wenn ich mal eine Woche nicht da war und wiedergekommen bin, gab es lauten Jubel und meine Mitschüler haben gerufen: Gott sei Dank, Felix ist da. Er ist doch nicht verschwunden.“

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„Das Büro von Felix ist größer als meins.“
Studienberaterin Ulrike Leitner

Während seine einstigen Klassenkameraden heute auf Weltreise sind oder sich mühsam in den ersten Semestern an einer Hochschule zurechtfinden müssen, hat er bereits sein eigenes Büro in der Informatik-Fakultät der Universität. „Ich war neulich dort“, sagt die Studienberaterin Ulrike Leitner und lacht: „Sein Zimmer ist um einiges größer als meins.“ Längst hat das Wunderkind seine Förderer links überholt.

Als er im Sommer 2018 das Schul-Abschlusszeugnis mit der Note 1,9 überreicht bekommt, hat Felix Petersen längst alle Scheine für sein Studium in der Tasche. Da er die Bachelorarbeit aber erst im zweiten Semester abgeben darf, nutzt der Teenager das erste halbe Jahr nach dem Abitur für einen Forschungsaufenthalt in Tel Aviv.

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Die israelische Stadt am Mittelmeer hat wundervolle Strände und zieht wegen ihres Nachtlebens junge Menschen aus aller Welt an. Doch Felix Petersen sagt nüchtern: „Ein Professor von dort hatte mich eingeladen und sein Fachgebiet passte gut zu meiner Forschung.“

Gut, die Stadt sei „richtig schön und nicht zu groß. Man kann alles mit dem Fahrrad machen“, fügt er hinzu. Das ist für den flotten Wissenschaftler vom Bodensee das Höchste der Gefühle. Denn viel Zeit für anderes bleibt Petersen neben der Forschung nicht.

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Der überzeugte Veganer lernt während des dreieinhalbjährigen Schülerstudiums, das für ihn gleichzeitig sein echtes Studium ist, Kommilitonen kennen, die mehr Zeit an den Abenden und Wochenenden in den Konstanzer Clubs und Bars verbringen als unter der Woche in den Hörsälen.

„Einige von ihnen haben ihr Studium dann abgebrochen“, sagt der 19-Jährige. Manchmal zieht er auch mit den anderen Studenten um die Häuser, doch insgesamt schadet es seiner Ausbildung sicherlich nicht, dass Felix Petersen, obwohl oft älter eingeschätzt, zu jener Zeit für etliche der Etablissements noch zu jung ist.

Felix Petersen macht Praktika bei den besten Adressen

Viel Freizeit bleibt ohnehin nicht bei einem so genannten Fasttrack-Studium, der Ausbildung auf der Überholspur. So sammelt Felix Petersen Praktika bei den besten Adressen. Der hochbegabte Schülerstudent ist mehrfach zu Gast am DESY in Hamburg, dem weltweit größten Elektronensynchroton und Teilchenbeschleuniger, anschließend am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, und am Paul-Scherrer-Institut in der Schweiz.

Dabei ist das oberste Ziel des Schülerstudiums überhaupt nicht, schneller als alle anderen Schüler zu sein, wie Ulrike Leitner erklärt. „Es ist ein Bildungsangebot“, sagt sie, „man kann die Dosis selbst bestimmen. Die Bandbreite reicht vom Reinschnuppern ohne Klausuren zu schreiben bis zum kompletten Studium wie bei Felix.“

Felix Hummel ist einer der ersten Konstanzer Schülerstudenten. Gerade hat der heute 27-Jährige in Mathematik promoviert.
Felix Hummel ist einer der ersten Konstanzer Schülerstudenten. Gerade hat der heute 27-Jährige in Mathematik promoviert. | Bild: Feiertag, Ingo

Man hört den Stolz heraus, wenn die Studienberaterin von den Schützlingen erzählt, deren Wege sie in den vergangenen elf Jahren begleitet hat. Von dem Neuntklässler aus Villingen, der an der Uni die beste Klausur in linearer Algebra geschrieben hat, oder einem Mädchen, das sich während der Schulzeit zum Spaß gemeinsam mit Studenten Japanisch beigebracht hat. „Man lernt immer ganz tolle, beeindruckende junge Menschen kennen, die auch breit begabt sind“, sagt Leitner.

Während des Studiums eigneten sich die Schüler vor allem die „Schlüsselkompetenz Selbstorganisation“ an. „Sie lernen, für sich einzustehen und zu verhandeln“, hat Ulrike Leitner beobachtet. „Und manche müssen das Lernen erst lernen. Einfach reinsetzen und eine Eins bekommen wie in der Schule ist nicht mehr so leicht möglich.“

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Außer man heißt Felix Petersen. Der sagt zwar, dass es keine große Rolle spiele, wie schnell er seine Doktorarbeit fertig habe. „Mir ist wichtiger, dass ich in der Zeit sinnvolle Forschung mache“, erklärt er, fügt aber doch hinzu: „Ich fände es cool, wenn ich die Promotion von jetzt an in zwei Jahren schaffen würde. Es wäre aber auch vollkommen realistisch, wenn ich vier Jahre brauchen würde.“

Parallel dazu will der 19-Jährige, der bislang ein Stipendium hatte und als wissenschaftliche Hilfskraft tätig war, weiter forschen und durch seine Arbeit anderen Menschen „das Leben erleichtern“, wie er es ausdrückt. Zudem ist er oft auf Konferenzen in ganz Deutschland unterwegs, im Oktober verbringt er einige Zeit bei einer Veranstaltung in Mountain View in Kalifornien.

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Bei all den Terminen, diesem rasenden Tempo, muss Felix Petersen manchmal wieder an das Universum außerhalb der Uniwände erinnert werden. „Das Leben besteht nicht nur aus Zahlen“, hat seine Freundin an ein Flipchart in seinem Büro geschrieben.

„Das weiß ich. Zahlen sind ja eh nicht wichtig“, sagt Petersen, ohne eine Miene zu verziehen. „Es geht ja eher um Konzepte. So wie moralische Konzepte wichtig sind und nicht die Wörter, die man dazu aufschreibt.“ Nochmals zur Erinnerung: Dieser angehende Doktor ist 19 Jahre alt.

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