Ihre Nachnamen dürfen sie nicht preisgeben. „Die Insassen kennen uns nur beim Vornamen“, erklären Lisa und Marcel schon bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem SÜDKURIER. Die beiden Jurastudenten sind die Leiter der seit 2017 bestehenden Hochschulgruppe Knastkontakte. Die Geheimhaltung persönlicher Daten sei Voraussetzung für die Gründung ihrer Gruppe gewesen, berichten die beiden. Es gehe darum, den Sicherheitsanforderungen der Justizvollzugsanstalt Konstanz (JVA) gerecht zu werden.

Vom jugendlichen Dieb bis zum Steuerhinterzieher im Seniorenalter: Die Häftlinge der JVA haben die unterschiedlichsten Straftaten begangen. Die maximale Haftstrafe, die in Konstanz verbüßt werden kann, liegt allerdings bei 15 Monaten.
Die Häftlinge der JVA haben die unterschiedlichsten Straftaten begangen. Die maximale Haftstrafe, die in Konstanz verbüßt werden kann, liegt allerdings bei 15 Monaten. | Bild: Scherrer, Aurelia

Einmal in der Woche treffen sich Studenten und Häftlinge hinter den Gefängnismauern. Sie spielen Gesellschaftsspiele und führen persönliche Gespräche. Um eine vorurteilsfreie Atmosphäre zu schaffen, sind dabei keine Vollzugsbeamten anwesend.

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Sollte es jedoch zu Zwischenfällen kommen, seien umfassende Sicherheitsvorkehrungen eingerichtet. Darüber hinaus finde bereits im Vorhinein ein Auswahlverfahren statt, erklärt Lisa. „Wenn sich jemand schon während des herkömmlichen Tagesablaufes in der JVA nicht benehmen kann, darf er erst gar nicht zu uns.“

Welche Begegnungen den Studenten haften geblieben sind und warum sie sich engagieren, erzählen sie hier:

Lisa (Jurastudentin)

Bild: Knastkontakte

„Der Gedanke, eine solche Gruppe zu gründen kam mir bereits Mitte 2017 während meines Praktikums in der JVA Konstanz. In dieser spannenden Zeit fielen mir besonders die geläufigen Vorurteile auf, welchen Häftlingen täglich gegenüberstehen. Sätze wie: ‚Die haben es doch viel zu gut da drin und können den ganzen Tag auf Staatskosten fernsehen‘ sind weit verbreitet.

Wer einmal in einer JVA war, merkt schnell, dass das alles andere als ein entspannter Ort ist. Man ist von massiven Mauern und dicht vergitterten Fenstern umgeben, sodass man kaum nach draußen sehen kann. Fernseher und andere Unterhaltungsmedien können sich Häftlinge auch nur leisten, wenn sie dafür arbeiten. Das ist sicher auch ein Grund dafür, warum uns mit großer Dankbarkeit begegnet wird, wenn wir Zeit in ein solches Projekt investieren.

Unsere Gesprächsinhalte reichen von einfachen Alltagsproblemen bis hin zu aktuellen Themen des Weltgeschehens. Auch kulturelle Ereignisse, wie der Eurovision Song Contest oder die Fußballweltmeisterschaft sind beliebter Diskussionsstoff. Uns Studenten freut das natürlich ungemein, weil hierbei als kleiner Nebeneffekt ein interkultureller Austausch stattfinden kann.

Allgemein ist die Stimmung bei den Treffen weitaus entspannter, als man das zunächst vermuten würde. Dennoch ist das von den Häftlingen begangene Unrecht nicht zu verharmlosen – allerdings versuchen wir, die Taten losgelöst von der Persönlichkeit zu betrachten und Pauschalisierungen zu vermeiden.“

Philip (Jurastudent)

Bild: Knastkontakte

„Trotz vieler Besuche ist die JVA jedes Mal wieder eine besondere Umgebung – die das Projekt interessant macht. Auf dem gewöhnlichen Bildungsweg und besonders an der Universität gibt es im Regelfall wenig Berührungspunkte mit Kriminalität. Ein Ziel war, hinter diesen Vorhang zu blicken.

Genauso ist es für Insassen spannend, Neuigkeiten von draußen zu erfahren. Der Zugang zu Medien ist im Gefängnis stark beschränkt. So gab es vor Kurzem ein Gespräch über die Dieselaffäre. Die wesentlichen Fragen waren: ‚Wie sieht die Situation jetzt für mein Auto aus? Kann ich noch fahren?‘

Ein schönes Beispiel für gegenseitigen Gewinn war für mich, als mir ein älterer Herr Schach beibrachte. Er hatte das Spiel als Kind von seinem Vater gelernt. Mein Gewinn ist offensichtlich – seiner war das kleine Erfolgserlebnis, sein Wissen weiterzugeben und dabei Interesse zu begegnen. Es war zu spüren, dass ihn meine Anerkennung aufbaute. Dabei hat er mir regelmäßig die Chance gegeben – oder besser gesagt dazu geraten – gewisse Spielzüge nochmal zu überdenken. Dankenswerterweise.

Diesen wichtigen Punkt versuchen wir mit unseren Aufenthalten zu vermitteln: Zusammenarbeit kann profitabel sein. Viele der Insassen haben große Motivation, unbedingt zu gewinnen. So wird eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht nahezu gelähmt, wenn sich nach Möglichkeit alle fortdauernd rauswerfen. Dadurch kommt man natürlich nur mäßig voran. Das gilt es unsererseits ab einem gewissen Punkt zu vermeiden – wenn alles gut läuft, wird einem die Rolle das nächste Mal abgenommen.“

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Sarah (Psychologiestudentin)

Bild: Knastkontakte

„Als relativ neues Mitglied war ich nach Ablauf des Bewerbungsverfahrens zunächst von der Gesamtsituation sehr überwältigt. Es ist interessant zu beobachten, dass es unter den Insassen Hierarchien und einzelne Gruppierungen gibt. Das alles ist aber weitaus weniger dramatisch, als es in Filmen medienwirksam zur Geltung kommt.

Es ist nachvollziehbar, dass so mancher in einer derartigen Ausnahmesituation ein höheres Bedürfnis nach Gemeinschaft entwickelt, um so den monotonen und ungewohnten Alltag bewältigen zu können. Insgesamt ist die Stimmung weitreichend positiv. Man erwischt sich teilweise sogar dabei, kurzzeitig zu vergessen, dass man sich in einer Haftanstalt befindet.

Spannend finde ich vor allem die Möglichkeit, Menschen mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und kulturellen Ansichten in Gesprächen zusammenführen zu können.“

Marcel (Jurastudent)

Bild: Knastkontakte

„Das Verhältnis zwischen den Häftlingen auf der einen Seite und Vollzugsbeamten auf der anderen Seite ist naturgemäß angespannt. Wir sind eine Gruppe, die diese Barriere zwischen dem Alltag im Vollzug und der Außenwelt aufweicht. Für viele Häftlinge sind wir der einzige Kontakt außerhalb der JVA – nicht selten verlieren die Betroffenen durch ihre Inhaftierung den Anschluss zu den ihnen nahestehenden Personen. Manchen fällt es sogar schwer, überhaupt noch Menschen vertrauen zu können.

Dass diese Isolierung unter kriminologischen Gesichtspunkten nicht unproblematisch ist, zeigen zahlreiche Studien. Danach ist der Motor einer lebenslangen kriminellen Karriere oftmals die erste Inhaftierung, deren Folge eine geradezu ausweglos erscheinende Lebenssituation ist. Sobald der Anschluss an ein geregeltes Leben verloren geht, fällt es umso schwerer, beruflich wie auch privat wieder Fuß fassen zu können. Ohne der Verurteilung widersprechen zu wollen, versuchen wir, die Häftlinge wöchentlich daran zu erinnern, dass sie sich von der Etikettierung als Verbrecher distanzieren können und dieser Schritt auch unabhängig von der jeweiligen Negativspirale lohnenswert ist.

Generell finde ich es für Jurastudenten wichtig, die eine Karriere als Staatsanwalt oder Richter anstreben, sich die Folgen einer Inhaftierung bewusst zu machen. Nur so kann man ein Verständnis für einen gerechten Ausgleich zwischen begangenem Unrecht und angemessener Strafe entwickeln.“

Jana (Psychologiestudentin)

Bild: Knastkontakte

„Schon während meiner Schulzeit habe ich mich in verschiedensten Gruppen ehrenamtlich eingebracht. So konnte ich Einblicke in zahlreiche gesellschaftliche Gruppen erlangen und Menschen dabei helfen, an ihren Zielen festzuhalten und sich nicht von individuellen Hürden aufhalten zu lassen. Die Vorurteile, die bildungsschwachen und armutsleidenden Schichten oder auch Menschen mit Migrationshintergrund zugeschrieben werden sind noch immer weit verbreitet. Eine solche Pauschalisierung sollte kein Mensch hinnehmen müssen.

Bei den ersten Besuchen war ich dennoch etwas nervös – es ist schon etwas Außergewöhnliches, wenn man zunächst die Sicherheitsbarrieren einer JVA passieren muss, bevor man mit der Gruppe beginnen kann. Diese anfängliche Anspannung legt sich jedoch schnell, wenn man sich vor Augen führt, welches wohlwollende Interesse einem entgegengebracht wird. Dem versuchen wir wertschätzend zu begegnen, um so eine friedliche Konfliktbewältigung zu fördern. Letztlich hat mir die Zeit bei Knastkontakte den Anstoß gegeben, nach meinem Studium über eine Tätigkeit in der Forensik nachzudenken.“