Rassismus? Den gibt es vielleicht in Südafrika, aber doch sicher nicht bei uns in Deutschland. Mit dieser Einstellung brach auch Juliane Hoss vor sechs Jahren zu ihrem Auslandsaufenthalt nach Pretoria in Südafrika auf. Und stellte fest – weit gefehlt, diese Annahme. "Erst durch mein Studium in Pretoria habe ich erkannt, dass ich Rassismus in Deutschland nie wahrgenommen habe, einfach weil ich nie selbst negativ davon betroffen war", berichtet Hoss, die ihren Master in Psychologie vor kurzem abgeschlossen hat und momentan in London studiert. 2013 rief sie in Südafrika das Projekt "Bridges Camps" ins Leben, bei dem Jugendliche aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenkommen, sich austauschen und so Vorurteile überwinden sollen.

Doch auch in Deutschland wollte Juliane Hoss Aufmerksamkeit für das Thema Rassismus schaffen und gründete im Mai 2015 gemeinsam mit Nadine Segadlo und Marlene Gärtner den Verein "Bridging Gaps". "Unser erstes Projekt war der Dokumentarfilm 'Schenkt uns Gehör', in dem 14 junge Schwarze aus Konstanz über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus berichten", erzählt die Politik-Studentin Nadine Segadlo. Geplant waren anfangs nur kurze Sequenzen.

Interesse und Diskussionsbedarf waren jedoch so groß, dass am Ende ein ganzer Film entstand. "Vielen Weißen ist nicht bewusst, dass Rassismus existiert und dass sie als Weiße Vorteile daraus ziehen", erklärt Marlene Gärtner. "Ich kann als Weiße . . . alles sein, was ich will", propagiert eines der Motive der Ausstellung "Wo kommst du wirklich her?", die bei einem Workshop zum Thema des Films entstand. Die Fotomotive bilden den Dialog zwischen schwarzen und weißen Konstanzern ab und zeigen: Alltagsrassismus gibt es eben doch, auch hier in Konstanz.

"Oft hören wir nach unserem Film von Zuschauern, dass es doch harmlose Fragen seien, dass man doch einfach Interesse habe, zu erfahren, wo die Menschen ursprünglich herkommen", berichtet Juliane Hoss. "Die Intention ist also nicht das Problem. Aber wenn man diese vielen einzelnen Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammensetzt, dann entsteht für die Betroffenen eine Situation, in der ihnen permanent suggeriert wird, dass sie nicht dazugehören."

Dieser Perspektivwechsel ist das, was "Bridging Gaps" vor allem erreichen will. "In unserer Gesellschaft spielen Perspektiven von außerhalb Europas kaum eine Rolle. Das eigene Verhalten und der eigene Standpunkt werden wenig reflektiert", kritisiert die Vereinsvorsitzende Hoss.

Vor allem dieser Ansatz war es, der den Konstanzerinnen den Fairwandler-Preis der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie einbrachte. Mit diesem Preis für entwicklungspolitisch engagierte junge Menschen wurden die ehemaligen Weltwärts-Freiwilligen und ihr Verein kürzlich ausgezeichnet – auch, weil ihr Engagement gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise besondere Bedeutung gewinnt.

Die aktuell stattfindenden Inklusions- und Exklusionsprozesse betrachten die jungen Frauen sehr kritisch. "Plötzlich werden Deutsche wieder als untereinander sehr ähnliche Menschen dargestellt. Es wird das Gefühl einer homogenen Gruppe geschaffen, zu der andere von außen dazustoßen – anstatt diese Menschen als Teil der Gruppe zu sehen", kritisiert Juliane Hoss. "Die Menschen brauchen ein Bewusstsein für ihre eigene Position und ihr Verhalten", sagt auch Marlene Gärtner. "Es gibt viel lobenswertes Engagement gerade im Bereich der Flüchtlingsarbeit, aber ohne dieses Bewusstsein kann man auch viel Schaden anrichten." Ein nichteuropäischer Blickwinkel, ein Perspektivwechsel sei aber schwer zu erreichen, wenn man sich nicht aktiv darum bemühe, gibt Gärtner zu. "Natürlich kann man nicht voraussetzen, dass allen Menschen diese Probleme bewusst sind. Ich glaube aber, dass viele die Chance begrüßen würden, sich mit anderen Perspektiven zu beschäftigen und sich auch für sich selbst wünschen, ihr Handeln mehr zu reflektieren", hofft Juliane Hoss.

In Zukunft wollen die Preisträgerinnen deshalb vor allem die Arbeit mit Studierenden und jungen Menschen vorantreiben und sie dazu motivieren, sich bei Workshops und anderen Programmen mit ihren eigenen Standpunkten auseinanderzusetzen.

Bridging Gaps

Als nächstes Projekt plant der Verein, die Ausstellung „Sichtwechsel“ nach Konstanz zu holen, die ebenfalls in diesem Jahr mit dem Fairwandler-Preis ausgezeichnet wurde. Die Berichterstattung über afrikanische Länder in Deutschland sei oft einseitig und klischeehaft, kritisieren die Macher der Ausstellung. Sie baten daher Menschen in Addis Abeba (Äthiopien), Kigali (Ruanda) und Lagos (Nigeria), ihre Sicht auf ihr Land fotografisch festzuhalten. Informationen zur von „Bridging Gaps“ ins Leben gerufenen Ausstellung „Wo kommst du wirklich her?“ und dem dazugehörigen Begleitmaterial gibt es unter konstanz@bridginggapsev.com