Mit einem Aktenordner unter dem Arm stapft Claudia Blum über eine nasse Wiese im Paradies. Im Hintergrund hört man leise die Europastraße, ein paar hundert Meter weiter fließt der Seerhein.

Claudia Blum bleibt stehen und deutet auf ein 1200 Quadratmeter großes Grundstück. Es gehört zu jenen wenigen, noch bebaubaren Flächen in einem der begehrtesten und vor allem für Familien attraktiven Stadtteilen von Konstanz. Im Mai 2014 stellte Claudia Blum als Eigentümerin die Bauvoranfrage für ein Wohnhaus mit sechs Mietwohnungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Zu sehen ist heute, fast fünf Jahre später: eine nasse Wiese.

Claudia Blum wartet noch immer darauf, bauen zu dürfen.

"Das ist einfach ärgerlich" , sagt sie. Denn durch das lange Warten gerät nicht nur ihr Zeitplan durcheinander. Auch die Finanzierung musste Claudia Blum schon infragestellen. Die Baukosten steigen von Jahr zu Jahr, und Familie Blum rechnet mit.

"2014 hätten wir circa 300.000 Euro weniger für den Bau bezahlt", sagt Michael Blum. "Da muss man sich nicht wundern, wenn die Mietpreise steigen."

110 Tage bis ein Verfahren durch ist – im Schnitt

Wie die Blums stöhnen auch Architekten, andere Bauherren und die Immobilienwirtschaft, dass Bauanträge immer schleppender bearbeitet werden. Eine offizielle Nachfrage bei der Stadt ergibt: 443 förmliche Bauanträge gab es im Jahr 2018.

"Die durchschnittliche Verfahrensdauer betrug in diesen Fällen 110 Tage ab Vollständigkeit. Die gesetzliche Bearbeitungszeit von 90 Tagen konnte somit im Durchschnitt nicht vollständig eingehalten werden, auch wenn dies meistens der Fall ist", so der städtische Pressesprecher Walter Rügert.

Doch förmliche Bauanträge sind längst nicht der größte Posten im Bauamt. 1605 weitere Verfahren im Jahr 2018 bezogen sich laut Pressestelle auf beispielsweise Bauvoranfragen, Grundstücksteilungen, Aufteilung von Eigentumswohnungen oder Zweckentfremdungen.

So stapeln sich in Zeiten des Baubooms die Anträge

Auf den "erheblichen Arbeitsanfall im Bereich des Baurechts- und Denkmalamts", wie es die Pressestelle formuliert, soll nun immerhin reagiert werden. Um zwei halbe Stellen soll das Amt aufgestockt werden. 

Doch der Personalmangel ist nicht der einzige Grund, warum sich Verfahren in die Länge ziehen.

In den vergangenen Jahren sind diverse Auflagen dazugekommen. Es gibt komplizierte Vorgaben zu Abstandsflächen zwischen Gebäuden, die Regeln bei Wegerechten in zweite oder dritte Reihen wurden immer komplizierter, und in Claudia Blums Fall kam noch zusätzlich das Konstanzer Handlungsprogramm Wohnen dazwischen.

Rückblick: Nachdem Claudia Blum die Bauanfrage eingereicht hat, bekommt sie Post. Das Planungsgebiet, das sie von ihren Eltern erbte, gehöre zu dem Reserveflächenpotenzial der Stadt Konstanz.

Das bedeutet für Claudia Blum, dass für sie nun andere Regeln gelten als etwa für die schon stehenden, angrenzenden Neubauten. Diese konnten nach Paragraf 34 Baugesetzbuch gebaut werden – ohne Bebauungsplan und somit mit weniger aufwendigen behördlichen Verfahren. Immer wieder fordern aber Kritiker, dass gerade ursprünglich dörfliche Stadtteile wie das Paradies oder Allmannsdorf Bebauungspläne brauchen, um klare Regeln für Neubauten zu schaffen.

Vom Nabu bis zum TV Konstanz: Sie alle müssen Stellungnahmen abgeben

Für Claudia Blum bedeutet das: Ihre Bauvoranfrage wird zweimal zurückgestellt, das Bebauungsplan-Verfahren zieht sich in die Länge.

Zunächst müssen alle Eigentümer der angrenzenden Grundstücke an einen Tisch kommen, denn auch Claudia Blums Nachbarn wollen bauen. Insgesamt rund 34 Wohneinheiten sollen auf dem Areal Paradies II entstehen.

Das Verfahren ist zudem abhängig von vielen Belangen. Der Natuschutzbund, das Landratsamt, die deutsche Telekom, die Industrie- und Handelskammer, die Polizei, die Abteilung Feuchtbodenarchäologie des Regierungspräsidiums Stuttgart, die Stadtwerke Konstanz, Unitymedia, die Grundstücksbesitzer in der Nachbarschaft, der TV Konstanz als größter Nutzer des angrenzenden Sportplatzes: Sie alle müssen Stellungnahmen zu dem Bauvorhaben abgeben – und diese wiederum von der Stadt geprüft werden.

Bis zu diesem Punkt hätten Claudia und Michael Blum noch Verständnis für das Verfahren gehabt, sagen sie. "Aber danach war es für uns nicht mehr nachvollziehbar"

Denn dann ging es um das sogenannte Umlegungsverfahren, weil das Gebiet noch nicht erschlossen ist. Die Grundstücke und Grundstücksteile werden dabei neu geordnet, sodass nach Lage, Form und Größe für die bauliche oder sonstige Nutzung zweckmäßig gestaltete Grundstücke entstehen. Dabei hatte Claudia Blum schon vorher privat die Grundstücke mit einem Nachbarn getauscht und Erschließungskosten an die Stadt gezahlt.

Werden größere Bauprojekte bevorzugt? Die Blums verlieren die Geduld

Im Juni 2017 wurde dann aber die Umlegung für das gesamte Baugebiet beschlossen. "Uns sagte man damals, dass ein solches Verfahren bislang nie länger als neun Monate gedauert hat", berichtet Claudia Blum und ergänzt: "Das Verfahren bedeutet für uns auch weitere Kosten".

Jetzt ist es Februar 2019, und die Blums verlieren langsam die Geduld. "Wir haben das Gefühl, dass andere Bauprojekte wie das Siemens-Areal und der Hafner höher priorisiert und schneller bearbeitet werden. Kleine, private Bauherren wie wir fallen da hinten runter." Auf mehrere Nachfragen bei der Stadt hieße es immer: "Wir sind im Plan".

Das könnte Sie auch interessieren

Die offizielle Anfrage bei der Pressestelle der Stadt ergibt: Das Umlegungsverfahren laufe noch, die rechtlichen Fragen sollen noch vor der Sommerpause 2019 geklärt werden. Das Tiefbauamt werde mit der Ausführungsplanung nach der Sommerpause beginnen.

2020 könnten die Blums bauen, wenn alles klappt – sechs Jahre nach dem ersten Antrag

"Stand heute ist Baubeginn der Maßnahme Ende 2019 und Fertigstellung Sommer 2020, bei entsprechender Witterung", so der städtische Pressesprecher Walter Rügert. Für Claudia Blum bedeutet das: Sie muss noch länger mit dem Bau der Wohnungen warten, bis die Zufahrtsstraße gebaut ist.

Im Frühjahr 2014 stellte sie den ersten Antrag. Nun rechnet Blum damit, im Sommer 2020 mit der Planung des Hausbaus anfangen zu können, "sofern sich nicht noch weitere Verzögerungen ergeben", ergänzt Blum.