Konstanz Diese Ausstellung lässt wohl keinen kalt

Die Krankenmorde sind eines der dunkelsten Kapitel aus der Zeit des nationalsozialistischen Terrors. Und auch Jahrzehnte später wollten viele noch nicht über das Thema reden. Was eine derzeit in Konstanz gezeigte Ausstellung auch über die Erinnerungskultur sagt.

Die Angehörigen erhielten einen kurzen Brief. Die Mutter, der Bruder, das Kind sei leider an Tuberkulose gestorben. Wegen der Seuchengefahr im Krieg habe man den Leichnam sofort einäschern müssen. Der Poststempel kündete von einem weit entfernen Ort in Norddeutschland oder in Österreich. Nichts davon stimmte. Nicht die Todesursache, nicht der Sterbeort und am allerwenigsten die Beileidsfloskel. Ganze Stäbe unterhielten die Nationalsozialisten, um die Eltern oder Geschwister von Menschen mit einer tatsächlichen oder angeblichen Behinderung zu belügen und die Verbrechen mit kalter Präzision zu vertuschen. Denn als die Briefe versandt wurden, waren die Menschen, um die es ging, schon seit Wochen tot. Vergast in eigenen Tötungseinrichtungen, in denen die Nationalsozialisten das vernichteten, was sie zu unwertem Leben abgestempelt hatten.

Wer die Ausstellung, die derzeit in der Galerie der Volkshochschule zu sehen ist, besucht, dem fehlen schnell die Worte. Nicht nur das Lesen der vielen Tafeln, die die Freiburger Hilfsgemeinschaft in detektivischer Arbeit zusammengestellt hat fordert die Betrachter heraus, sondern auch das Verarbeiten dieser Übersicht über ein lange Zeit verschwiegenes Verbrechen an Unschuldigen. Und die Spur des Mordens zieht sich auch in die Region: Aus der Reichenauer Psychiatrie wurden 508 Kranke oder für krank Erklärte nach Grafeneck gebracht und dort ermordet. Etwa 40 der verborgen auf der Schwäbischen Alb Getöteten waren gebürtige Konstanzer, sagt Maik Schluroff von der Stolperstein-Initiative. Ihre Biografien ergänzen die Ausstellung und schaffen einen unmittelbaren Bezug zur Stadt.

In Erinnerung gerufen wird der "am längsten vergessene Massenmord", wie Aleida Assmann sagt. Die Professorin an der Universität Konstanz gehört weltweit zu den führenden Erinnerungs-Forschern. Bei den als Euthanasie (Sterbehilfe) bemäntelten Krankenmorden der Nationalsozialisten sieht sie vor allem: Vergessen, Vertuschen, Verdecken. Erst 1983 wurden in einem Lager des Konstanzer Friedhofs 183 Urnen entdeckt, berichtet Maik Schluroff, in den meisten waren die sterblichen Überreste von Opfern der Aktion T 4, so benannt nach dem Hauptsitz der Vernichtungsbehörde in der Berliner Tiergartenstraße 4.

Die Ausstellung "Über Mutter wird nicht gesprochen" belegt auch eine weitere These von Aleida Assmann: Die Tötung von 270 000 Euthanasie-Opfern und der Holocaust an sechs Millionen Juden gleichen sich in vielen Grundzügen. In beiden Menschheitsverbrechen ging es ihr zufolge um die "systematische Erfassung und Vernichtung einer ausgewählten Menschengruppe" und um das, was die Nationalsozialisten Rassenhygiene nannten. Doch die T-4-Opfer und ihre Angehörigen hatten lange Zeit keine Lobby. Gedenkstätte ist Grafeneck in der Nähe von Münsingen erst seit 2005. Und die Erinnerungskultur setzte spät an – dann allerdings beeindruckend; Assmann würdigte bei der Ausstellungseröffnung das immer wieder an neuen Orten aufgestellte Denkmal der "Grauen Busse". Auch vor dem heutigen Zentrum für Psychiatrie Reichenau war dieses Werk, das den Betrachter zum Handeln auffordert und mit der bangen Frage "Wohin bringt Ihr uns?" konfrontiert, 2014/2015 aufgestellt.

Heute handeln: Das ist auch der Appell von Dorothee Jacobs-Krahnen. Für die Volkshochschule sei es eine Ehre und eine Selbstverständlichkeit, ihre Räume für die Premiere der Ausstellung außerhalb Freiburgs bereitzustellen, sagt sie und dankt vor allem Erika und Burkhard Korn, die das möglich gemacht hatten. Für Maik Schluroff sind die inzwischen 21 für Euthanasie-Opfer verlegten Stolpersteine ein Weg, "ihnen wenigstens einen Teil ihrer Würde zurückzugeben". Und dann sagt er noch: "Lassen wir uns nicht von den Schrecken der Erinnerung lähmen. Es gibt eine Verantwortung den Opfern gegenüber, den Anfängen zu wehren."


Film zur Ausstellung

  • Die Dokumentation: Am Donnerstag, 18. Mai, gibt es in der Volkshochschule, Katzgasse 7, einen Filmabend zur bis 23. Juni laufenden Ausstellung "Über Mutter wird nicht gesprochen". Der Film lädt die Zuschauer zu einem Stadtrundgang durch Freiburg ein, zu Orten die einen Bezug zur NS-Euthanasie haben. Im Mittelpunkt dieses Films steht die Familiengeschichte einer Freiburgerin, deren Mutter von der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen aus am 6. August 1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert wurde und dort noch am selben Tag in der Gaskammer starb.
  • Das Gespräch: Nach dem Film möchten Mitglieder des Arbeitskreises NS-Euthanasie und Ausgrenzung heute der Freiburger Hilfsgemeinschaft mit Besuchern über dieses Thema und über die heutigen gesellschaftlichen Teilhabechancen psychiatrieerfahrener Menschen ins Gespräch kommen. Beginn ist um 19.30 Uhr; Eintritt 7 Euro, für Schüler, Studierende und mit VHS-Vortragskarte frei. 

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Gewinnspiel
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren