Konstanz Die Zahl der nicht getauften Kinder wird für Konstanzer Schulen zum Problem, weil Lehrer für den Ethik-Unterricht fehlen

Immer weniger Kinder sind christlich getauft. Das stellt Grundschulen vor Schwierigkeiten, weil für den Ersatz-Unterricht oft die Lehrer fehlen. Wie löst man das Problem? Sollen Schüler deshalb früher gehen dürfen? Die Leiter der Konstanzer Schulen erklären ihre Lösungsansätze.

Anstand und Moral verlieren an Bedeutung, Eltern vermitteln ihren Kindern keine Werte mehr. Das sind oft gehörte Aussagen – ob sie zutreffen oder nicht. "Immer heißt es aber, die Schulen sollen das reparieren", sagt Elmar Mosbrugger, Leiter der Berchenschule. Und stellt sich dabei die Frage, wie das gehen soll: "Dafür bräuchten wir die nötige Ausstattung. Doch obwohl die Zahl christlich getaufter Kinder radikal zurückgeht, gibt es landesweit in den Klassen 1 bis 7 keinen Ethikunterricht", moniert er.

Dennoch müssen nicht oder anders konfessionelle Kinder parallel zum Reli-Unterricht beaufsichtigt werden. "Wir bräuchten für den Ersatzunterricht acht Deputatsstunden, die wir aber nicht bekommen, so dass wir uns die Lösung irgendwie aus den Rippen schneiden müssen", sagt der Schulleiter. An der Berchenschule sind zum Beispiel die Ganztagsgruppen größer, damit Lehrerstunden für den Reli-Ersatz frei werden.

Türkisch-, Inklusions- oder Förderunterricht parallel zu Religion

Eine kleine Abhilfe schafft dort außerdem ein Türkischlehrer, der während der Religionsstunden muttersprachlichen Unterricht anbietet. Auch Förderunterricht oder Inklusion finden parallel zu Reli statt. Die anderen nicht getauften Kinder werden von Klassenlehrern betreut, die spielerische Mathe- oder Deutschangebote machen. "Das alles ist bei den ohnehin knappen Ressourcen inzwischen ein riesiges Problem für die Grundschulen", sagt Elmar Mosbrugger.

Das sieht seine Kollegin Mona Schilkowski, Leiterin der Sonnenhaldeschule, genauso: "Ich halte es schon seit vielen Jahren für wichtig, dass Ethik ordentliches Unterrichtsfach in der Grundschule wird", sagt sie auf SÜDKURIER-Nachfrage. An ihrer Schule werden die Kinder, die an keinem Religionsunterricht teilnehmen, aufgeteilt und erleben zum Beispiel Unterricht in einem anderen Fach mit der Parallelklasse – wenn diese nicht selbst schon voll ist. "Wir kommen dabei an unsere Grenzen", so Schilkowski.

Später kommen oder früher gehen sind "keine guten Varianten"

An der Sonnenhaldeschule können nicht getaufte Kinder zwar nach Absprache mit den Eltern später kommen oder früher gehen, wenn Religion in einer Randstunde liegt. Doch auch die Rektorin findet: "Dies sind keine guten Varianten." An der Stephansschule gehen nicht getaufte Kinder, die in den Randstunden frei haben, bei Bedarf in die Kernzeitbetreuung. Ansonsten unterrichten Lehrer dort parallel zu Religion andere Fächer. Aber auch Stephansschulleiter Andreas Hipp muss die dafür anfallenden Lehrerstunden von anderen Ressourcen abknapsen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert schon lange das Fach Ethik an Grundschulen. Es geht schließlich nicht nur um die reine Beaufsichtigung, sondern auch um Wertevermittlung für alle Kinder. "Das passiert in anderen Fächern oft nur am Rand", so Mosbrugger. "Ein konfessionsübergreifendes Fach Lebenskunde wäre toll, denn Kinder haben so viele philosophische Fragen. Da ziehen nur leider die Kirchen nicht mit. Außerdem müsste dafür die Lehrerausbildung erweitert werden." Interessant findet der Schulleiter: Ausgerechnet das katholische Bayern hat seit 40 Jahren Ethikunterricht mit eigenem Bildungsplan.

Was sagen die Schüler selbst?

Wie empfinden die Kinder selbst diese Diskussion? Wir haben in eine vierte Klasse an der Berchenschule hineingehorcht. In dieser Stufe besuchen 17 von 44 Kindern den Ersatzunterricht. Ein neunjähriger Junge sagt: "Wir sprechen im evangelischen Religionsunterricht gerade über Moses, manchmal über den Glauben. Ich überlege dann, ob die Geschichten in der Bibel wahr sind. Manches könnte sogar stimmen." Auch seinem achtjährigen Banknachbarn macht Reli Spaß. "Wir beten und singen zum Dank an Gott, außerdem lernen wir die Zehn Gebote und vieles mehr."

Seine neunjährige Klassenkameradin findet es "cool", dass die kleine Gruppe in Religion stundenlang über ein Thema diskutieren kann. Aber auch die nicht christlichen Kinder sind zufrieden mit dem Ersatzangebot der Lehrerinnen Caro Mutschler und Claudia Urnau. Ein Neunjähriger berichtet: "Wir machen Deutsch-Arbeitsblätter oder lesen, spielen Stadt-Land-Fluss und stellen Handwerkliches her." Auch ein muslimischer Junge vermisst den Ethikunterricht nicht: "Ich weiß viel über meine Religion, wir sprechen zu Hause darüber."

Die Zahl der nicht getauften Kinder

Der Prozentsatz nicht getaufter Kinder nimmt an einigen Schulen deutlich zu. Elmar Mosbrugger, Leiter der Berchenschule, unterrichtet Ethik in Klasse 8 mit 19 nicht getauften oder muslimischen Jugendlichen; insgesamt besteht die Stufe aus 37 Schülern. An der Sonnenhaldeschule nehmen von 400 Schülern in diesem Schuljahr 61 Kinder nicht am Religionsunterricht teil. An der Stephansschule besuchen 35 Prozent der Kinder den evangelischen Unterricht (davon zwölf Prozent nicht getauft) und 32 Prozent den katholischen (davon drei Prozent nicht getauft). Hier blieb die Anzahl der nicht getauften Kinder in den vergangenen Jahren nahezu unverändert.

So ist die Teilnahme am Religionsunterricht geregelt

Konfessionslose oder andersgläubige Kinder können nicht in den Religionsunterricht gezwungen werden, sie dürfen aber freiwillig daran teilnehmen, was auch in Anspruch genommen wird. So berichtet Ursula Droste, Lehrerin für evangelische Religion an der Berchenschule: "Eltern nicht getaufter oder muslimischer Kinder schicken ihre Kinder bewusst in Religion, weil ihnen Wertevermittlung wichtig ist." Und zu den Schulgottesdiensten seien ohnehin alle eingeladen. Ihre Kollegin Daniela Bartosz, die katholische Religion unterrichtet, betont: "Da Klassenlehrer vor Kindern aller Konfessionen nicht über Jesus und Gott sprechen dürfen, braucht es den Religionsunterricht. Wir verstärken den Glauben mit Geschichten aus der Bibel."

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