Wie sich die Dinge doch wiederholen. Etwas über 200 Jahre ist es her, dass Hermann von Pückler-Muskau die Stadt Konstanz besucht hat. Und er wurde Zeuge eines Frevels, der ihn so richtig zornig machte. Der Adlige, der später eine weltberühmt gewordene Parklandschaft im Nordosten Deutschland anlegen sollte, beobachtete, wie eine ganze Reihe von Bäumen zerstört wurden, obwohl sie schon so groß gewesen seien, dass sie begonnen hatten, Schatten zu spenden. Für die Täter, notierte der Konstanz-Besucher, habe er bald weniger Verständnis als für einen Mörder, der aus Leidenschaft handelte. Es ging im Jahre 1806 um: Pappeln.

Wie viel Natur darf der Wohnungsbau zerstören?

Der Wert von Natur in der Stadt ist also keine neuzeitliche Erfindung, sagt Marita Sennekamp. Mit der Pückler-Anekdote hat sie eine Pointe gelandet bei der Vorstellung ihres Buchs "Grün in der Stadt – eine historische Spurensuche in Konstanz". Doch einfach nur zum Lachen ist das alles nicht, sagt die Historikerin vor fast 100 Zuhörern im Stadtarchiv. Die tritt dafür ein, dass Verwaltung, Bürgergesellschaft und Experten gemeinsam das bewahren, was frühere Generationen hinterlassen haben. Entsprechend klar ist auch ihr Appell: Wohungsbau darf nicht das Grün in der Stadt zerstören.

Auch alte Bäume sind nicht nur Vergangenheit

Damit trifft die Autorin, die viele Jahre in Konstanz Geschichte unterrichtet hat, einen Nerv. Im Publikum sitzen viele, die ein weiteres Wachstum der Stadt kritisch sehen. Die Freie Grüne Liste hat wenige Stunden zuvor eine Pressemitteilung verschickt, in der sie sich klar gegen die Bebauung der Christiani-Wiesen in der Nähe der Therme aussprechen. Auch die Diskussionen um Hafner und Schwaktenwald, um Nachverdichtung und Außenentwicklung schwingen mit, als das vermeintlich Vergangene aus Marita Sennekamps Buch sehr gegenwärtig wird.

Als Pflanzen nicht mehr nur noch nützlich sein sollten

Ein Stück geerbte Geschichte ist für die Autorin auch das Grün in der Stadt: ob der kühn angelegte Stadtgarten aus dem 19. Jahrhundert oder die alten Weinberge an der Sonnenhalde. Zugleich aber stehen die Pflanzen im Stadtraum auch dafür, wie sich die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse geändert haben. Waren Obstbäume, Wälder oder Wiesen zunächst vor allem nützlich, verstärkte sich ihre soziale Funktion über die Jahrhunderte immer mehr – bis hin zum Waldkindergarten, wo Natur ausdrücklich eine Bildungs- und Erziehungsfunktion übernimmt. Warum nur gibt es auf der anderen Seite so trostlose Schulhöfe?

Heute muss es pflegeleicht sein – auch das zerstört Natur

Stadtgesellschaft und Stadtgrün, so Sennekamps wichtigste Aussage, sind immer ein Spiegel des jeweils anderen. Mit den Menschen ändert sich der Umgang mit der Natur, aus herrschaftlichen oder klösterlichen Parks werden im besten Fall Erholungsflächen für alle. Mit dem Wohlstand aber verkümmern auch arten- und nutzungsreiche Privatgärten zu Rasen-Monokulturen oder gar stupide geschotterten Autoabstellplätzen. Praktisch, billig, pflegeleicht – wenn das schon vor 50, 100 oder 300 Jahren das Ziel gewesen wäre, würde Konstanz etwas fehlen. Auch deshalb ist nicht nur das Grün als ein Stück Natur im Stadtraum seit jeher politisch, sondern auch Marita Sennekamps Band ein politisches Buch.