Etliche Eltern und Vertreter der Gemeinde Reichenau machen sich Sorgen, dass die Schülerzahlen in der Grundschule Waldsiedlung künftig sinken werden. Jahrelang war es üblich, dass dort auch Kinder aus Konstanz, Allensbach oder der Schweiz aufgenommen wurden und damit den Erhalt von vier Klassen ermöglichten. Rund ein Drittel der gut 60 Schüler machten sie zuletzt aus. Doch nun hat das Schulamt bei sechs Kindern den Wunsch von Eltern aus der Umgebung abgelehnt, diese in der Waldsiedlung einzuschulen – auch von Kindern, die dort bereits im Kindergarten Haus der Strolche betreut wurden. Das Schulamt hielt aber diese Anträge der Eltern auf Änderung des Schulbezirks für unbegründet. Nach aktuellem Stand gibt es so nur 16 Erstklässler im nächsten Schuljahr in der Waldsiedlung.

Das sagen die Eltern

Sonja Adler ist die Elternbeiratsvorsitzende und meint: „Man sollte froh sein, dass es solche kleine Schulen gibt.“ Sie könne schon verstehen, dass das Schulamt nach Vorschriften entscheiden müsse, aber: „Man sollte noch mal darüber nachdenken, ob man den Ermessensspielraum etwas anders auslegt.“ Und zwar vor allem bei Kindern von Auswärtigen, die in der Waldsiedlung im Kindergarten sind, der mit der Schule eine schöne Kooperation pflege. Es wäre gut, wenn es genügend Kinder gäbe, damit die Schule nicht Klassen zusammenlegen müsse, so Adler. Diese Befürchtung hat ebenso Katrin Keferstein aus dem Lindenbühl. „Ich habe Sorge, dass die Schule leidet.“

Das meint auch die SPD-Gemeinderätin und Mutter Sandra Graßl-Caluk aus dem Lindenbühl. Denn wenn mal ein geburtenstärkerer Jahrgang folgen würde, müsste man die Klassen wieder neu organisieren. „Das bringt Unruhe ins Schulhaus.“ Das Schulamt sollte bei Eltern, die im Eichbühl und Wollmatingen wohnen oder im Zentrum für Psychiatrie arbeiten, ein Auge zudrücken – auch zum Wohle der Kinder. Sonja Adler nennt als Beispiel den Gnadenseeweg, der zum Teil im Konstanzer Eichbühl und zum anderen im Reichenauer Lindenbühl verlaufe. Dort gebe es viele Kinder, die miteinander spielen, aber aufgrund der Schulbezirksregelung in verschiedene Schulen gehen sollen.

Adler selbst kann sich dabei glücklich schätzen, denn sie wohnt in Wollmatingen – in der ebenfalls geteilten Kindlebildstraße. Vor sechs Jahren habe sie ihr erstes Kind ins Haus der Strolche gebracht, weil sie gehört hatte, dass es dort schön sei. Und weil es üblich gewesen sei, dass die Kinder von dort anschließend in die Schule nebenan gehen können. Aber die jetzt anstehende Aufnahme ihres zweiten Kindes in die Schule sei nur genehmigt worden, weil es dort bereits das Geschwister gebe. Bettina Liedtke aus Allensbach wiederum kann froh sein, dass ihre Mutter in der Waldsiedlung wohnt. Sie habe ihr Kind einst auch aus diesem Grund im Haus der Strolche angemeldet. Und ihr Antrag auf die Einschulung in der Waldsiedlung sei nur angenommen worden, weil sie die Oma als Betreuungsperson vor Ort angeben haben können.

Das sagt das Schulamt

Den Fall von Bettina Liedtke nennt Schulamtsleiter Karlheinz Deußen als ein Beispiel für eine akzeptable Begründung für einen Wechsel des Schulbezirks. Auch der längere Umfang der Betreuung könne ein Argument sein, dann müssten die Eltern eine Bescheinigung des Arbeitgebers vorlegen. 15 Anträge auf Änderung des Schulbezirks pro Waldsiedlung habe es zuletzt gegeben, neun habe das Schulamt genehmigt. Grundsätzlich gebe es aber bei Grundschulen noch die Schulbezirke. „Da zählt nicht der Kindergarten, sondern der Wohnort“, so Deußen. Und: „Es muss Gründe geben, die nicht im guten Ruf der Schule liegen.“ Sicherlich könnte die Schule in der Waldsiedlung mehr Schüler aufnehmen, räumt er ein, aber das Schulamt könne nicht willkürlich entscheiden und bei jedem Standort anders. Den Bestand der Waldsiedler Schule sehe er dadurch nicht gefährdet. „Es schließt ja keiner Grundschulen.“

Dass es gut für die Kinder sein könnte, die gemeinsam im Kindergarten waren und sich angefreundet haben, wenn sie danach auch in dieselbe Schule gehen, kann er aber nachvollziehen – doch: „Dann brauchen wir als Schulamt eine Änderung der Verwaltungsvorschrift. Solche Anregungen sind nicht so schnell umgesetzt.“

Das sagt die Gemeinde Reichenau

Bürgermeister Wolfgang Zoll meint, die Grundschule und der Kindergarten in der Waldsiedlung seien bei vielen Eltern beliebt, weil dort „ein hervorragendes Unterrichts- und Betreuungsangebot im geschützten Umfeld“ geboten werde. Zugleich seien die beiden Einrichtungen aber auch auf Kinder angewiesen, die außerhalb der Gemeinde wohnen. „Sonst würde die Kinderzahl pro Jahrgang weder für die drei Gruppen der Kindertagesstätte noch für die eigenständige Führung der vier Grundschulklassen auf Dauer ausreichen.“ Dafür sei es aber wichtig, dass diese auswärtigen Kinder, sei es aus der Schweiz oder dem Eichbühl, von der Kindertagesstätte in die Schule unter Beibehaltung der vertrauten Betreuungszeiten, Orte und Bezugspersonen wechseln können.

In der Vergangenheit habe das Schulamt in der Regel die nötigen Genehmigungen erteilt. „Bei der jetzt anstehenden Einschulung wurden erstmals zahlreiche diesbezügliche Anträge (sechs von zwölf) nicht bewilligt. Der Eindruck entsteht, dass der Ermessensspielraum in diesem Jahr sehr restriktiv ausgeübt wurde“, so Zoll. „Sollte dies Schule machen, so wäre dies äußerst nachteilig für die Auslastung des Hauses der Strolche und die Grundschule Waldsiedlung.“ Daher habe die Gemeinde darauf gedrängt, möglichst vielen Kinder den Schulbezirkswechsel für die Grundschule in der Waldsiedlung zu ermöglichen. Dies aber offenbar bisher ohne durchschlagenden Erfolg.