Nicht zuletzt aufgrund der Datenschutzgrundverordnung ist das Maß an zu leistender bürokratischer Arbeit extrem gestiegen. Bürokratische Arbeit ist kein Grund, einem Verein beizutreten, denn eigentlicher Wunsch ist, in der Gemeinschaft ein Hobby zu pflegen. Die Vorstandsarbeit wird immer komplexer, die Nachwuchsgewinnung immer schwieriger.

Hilfestellung von der Stadt

Die Stadt Konstanz mit Oberbürgermeister Uli Burchardt und Martin Schröpel, Beauftragter für Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement, geben gemeinsam mit der Volkshochschule Landkreis Konstanz seit vier Jahren mit dem Weiterbildungsprogramm „Fit im Ehrenamt“ Hilfestellung und boten jetzt im Bodenseeforum eine Plattform für Diskussionen und Austausch.

Etwa 300 Vereinsvorstände kamen zu der Veranstaltung ins Bodenseeforum, welche (von links) Dorothee Jacobs-Krahnen von der Volkshochschule Landkreis Konstanz, Oberbürgermeister Uli Burchardt, Moderator Mario Böhler, Martin Schröpel, , Beauftragter für Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement, Konferenzbegleiter Mario Müller und Referentin Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut in München gestalteten.
Etwa 300 Vereinsvorstände kamen zu der Veranstaltung ins Bodenseeforum, welche (von links) Dorothee Jacobs-Krahnen von der Volkshochschule Landkreis Konstanz, Oberbürgermeister Uli Burchardt, Moderator Mario Böhler, Martin Schröpel, , Beauftragter für Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement, Konferenzbegleiter Mario Müller und Referentin Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut in München gestalteten. | Bild: Scherrer, Aurelia

Motivierte Jugend

Mut machte der Impulsvortrag von Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut in München. Sie stellte fest, dass die Jugendlichen motiviert sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Man müsse nur neue Wege gehen, um sie zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen.

So organisieren sich Konstanzer Vereine

Walter Weltin, Vorsitzender Shanty-Chor Konstanz.
Walter Weltin, Vorsitzender Shanty-Chor Konstanz. | Bild: Scherrer, Aurelia

Shanty-Chor Konstanz, 26 Mitglieder, 0 Jugendliche: Von Nachwuchssorgen kann Walter Weltin, Vorsitzender des Shanty-Chors Konstanz, ein langes Lied singen. Seit vielen Jahren versucht der Verein, junge Männer für das Singen zu begeistern. Fehlanzeige. „Seemannslieder sind nicht mehr so aktuell“, stellt Walter Weltin bedauernd fest.

Begeisterung bei der Jugend wecken

Darauf hat der Chor reagiert und das Repertoire modernisiert, „aber das zieht immer noch nicht“. Insbesondere mit vielgestaltigen Auftritten – der Shanty-Chor bereitet sich jetzt schon auf seine Auftritte im Rahmen der Landesgartenschau 2020 in Überlingen vor – wollen die Sänger die Begeisterung bei Jüngeren wecken.

Potenzieller Nachfolger wird vom Vorgänger eingearbeitet

Walter Weltin hat aber auch ein weiteres Problem zu meistern: „Ich will im kommenden Jahr meinen Vorstandsposten abgeben“, sagt Walter Weltin, der schon seit längerem einen Nachfolger sucht. Er hat bereits einen Kandidaten im Blick, der gerade in den Ruhestand gegangen ist. „Ich führe ihn gerade überall ein und nehme ihn zu Veranstaltungen mit, um ihn einzuführen“, erzählt Weltin.

Überzeugungsarbeit gefragt

Allerdings konnte er seinen potenziellen Nachfolger bislang noch nicht wirklich überzeugen. Dabei setzt Weltin große Hoffnungen in den Kandidaten. „Er ist ein Managertyp, der sicherlich mit neuen Ideen wertvolle Impulse für die Zukunft unseres Vereins geben würde“, so Weltin.

Andreas Kaltenbach, Zunftmeister Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft.
Andreas Kaltenbach, Zunftmeister Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft. | Bild: Scherrer, Aurelia

Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft, 1500 Mitglieder, 30 Prozent Jugendliche: Die Vorstandsarbeit ist schwierig, stellt auch Andreas Kaltenbach, Zunftmeister der Blätzlebuebe-Zunft, fest. Er spricht vor allem von den „Regularien seitens der öffentlichen Hand“, welche eine „Behinderung im Ehrenamt“ darstelle.

200 Termine für den Verein – pro Jahr

„Die Verantwortung in dieser Tragweite will keiner übernehmen“, so Kaltenbach, der auch auf die Zeitressourcen hinweist. „Ich habe 200 Termine im Jahr für den Verein. Das darf man der Jugend gar nicht sagen.“ Zudem gebe es heute nicht mehr diese feste Bindung an einen einzigen Verein; vielmehr seien die Freizeitaktivitäten der heutigen Jugend viel breiter gefächert.

Die Jugend langsam vorbereiten

Probleme, Vorstandsposten zu besetzen, habe die Zunft bislang noch nicht. „Wir haben ein tragfähiges Jugendforum eingerichtet. In unseren Sitzungen haben die jungen Vertreter die meisten Redebeiträge“, freut sich Kaltenbach, der mit diesem Forum die Jugend langsam auf künftige Funktionärstätigkeiten vorbereiten will. Dieses Jugendforum brächte neue Ideen ein und dürfte selbst Veranstaltungen durchführen.

„Jugendliche machen lassen“

„Gerade haben sie einen Techno-Rave im Schnetztor gemacht. Natürlich gab es erst Bedenken: Wie verkraften das die Nachbarn und wie sieht das Schnetztor hinterher aus? Aber alles ist gut gegangen“, so Kaltenbach, der konkludiert: „Man muss Mut entwickeln und die Jugendlichen machen lassen, damit sie sich entwickeln können. Man muss sie zum Tun ermutigen.“

Jürgen Roensch, Präsidiumssprecher Hockey-Club Konstanz.
Jürgen Roensch, Präsidiumssprecher Hockey-Club Konstanz. | Bild: Scherrer, Aurelia

Hockey-Club Konstanz, 160 Mitglieder, 45 Prozent Jugendliche: Auch der Hockey-Club Konstanz tue sich schwer, Nachwuchs für Vorstandsposten zu gewinnen, sagt Präsidiumssprecher Jürgen Roensch. „Seit X Jahren sind es immer dieselben Köpfe im Vorstand. Wir sprechen immer wieder Leute an, aber es hat nicht richtig gefruchtet.“

Probleme mit der Randsportart

Das Problem sei, dass es nicht mehr viele Menschen gebe, die bereit seien, kostenlos, unentgeltlich Ehrenamtsarbeit zu leisten. Ein weiteres Problem des kleinen Vereins: „Hockey ist eine Randsportart“, so Roensch. Von daher sei das potenzielle Potenzial ohnehin schon geringer.

Studenten, die nur kurz bleiben

Die Mitglieder wollten in der Hauptsache den Sport ausüben, statt weitere Aufgaben zu übernehmen. Weiteres Problem: „Wir haben viele Studenten, aber die bleiben uns selten lange erhalten“, bedauert Jürgen Roensch.

Anna-Lena Merk, Jugendwart Musikverein Allmannsdorf.
Anna-Lena Merk, Jugendwart Musikverein Allmannsdorf. | Bild: Scherrer, Aurelia

Musikverein Allmannsdorf, 100 Aktive, 40 Prozent Jugendliche: Keine Nachwuchssorgen hat der Musikverein Allmannsdorf. Anna-Lena Merk hat just seit September das Amt als Jugendwart inne. „Es macht Spaß, Ausflüge und Auftritte mit der Jugend zu gestalten und die Jugend zu fördern“, sagt die junge Frau. „Mein Vater hat das früher auch gemacht. Ich kenne also von klein auf, was es bedeutet, im Vorstand mitzuarbeiten.“

Jugend wird ermutigt, sich einzubringen

Abgeschreckt hat sie das Miterleben nicht. Im Gegenteil, denn die Jugendlichen würden im Musikverein immer ermutigt, sich einzubringen. „Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, die Aufgabe zu übernehmen“, berichtet Anna-Lena Merk.

Lernen, Verantwortung zu übernehmen

„Ich konnte erst reinschnuppern und wurde langsam in die Arbeit eingeführt. Natürlich ist es am Anfang viel Arbeit, aber das pendelt sich ein. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, wächst an den Herausforderungen und damit in der eigenen Persönlichkeit.“ Viele Jugendliche wünschten sich, dass sie frühzeitig kleine Aufgaben übernehmen dürften und langsam auf verantwortungsvollere Tätigkeiten vorbereitet würden.

Heiner Knittel, Präsident Velo-und Motorfahrer Club Konstanz.
Heiner Knittel, Präsident Velo-und Motorfahrer Club Konstanz. | Bild: Scherrer, Aurelia

Velo- und Motorfahrer-Club Konstanz, 100 Mitglieder, 30 Prozent Jugendliche: „Generell ist es schwierig, überhaupt jemanden für eine Vereinstätigkeit zu gewinnen, geschweige für die Vorstandstätigkeit“, stellt VMC-Präsident Heiner Knittel fest.

Eltern als Stützen des Vereins

„Die Eltern helfen wahnsinnig. Sie übernehmen Fahrdienste und helfen engagiert bei Veranstaltungen.“ Aber die Radsportler für zusätzliche Aufgaben, wie beispielsweise als Fachwart, zu gewinnen, sei schwierig. „Für uns war es noch selbstverständlich, uns als Beirat in den Vorstand einzubringen“, so Knittel.

„Um meinen Posten reißt sich niemand“

Aber heute? „Eigentlich will ich mein Amt als Präsident zur Verfügung stellen“, berichtet er. „Ich habe schon den einen oder anderen im Blick, den ich ansprechen möchte. Das wird aber nicht so einfach. Es reißt sich keiner um solche einen Posten.

Snezhana Hohlfeld, Vorsitzende Fight for Life.
Snezhana Hohlfeld, Vorsitzende Fight for Life. | Bild: Scherrer, Aurelia

Fight forLife, 60 Mitglieder, 40 Jugendliche: Ein junges Vorstandsteam kann der Kickbox-Verein Fight vor Life vorweisen. Snezhana Hohlfeld (27) hat mit 22 Jahren das Amt der Vorsitzenden übernommen. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt sie offen. „Ich bin in diesem Verein groß geworden.“

„Wir haben so tolle Kinder“

Die Gemeinschaft und der Sport hätten ihr in ihrer persönlichen Entwicklung viel gebracht. Sie ist dankbar und will sich deshalb für den Verein engagiert einbringen. Was sie beflügelt: „Wir haben so tolle Kinder.“

Der Nachwuchs sei sehr erfolgreich, erzielte bei internationalen Wettkämpfen Pokale und gleichzeitig würde durch diesen Sport die sozialen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen befördert. Aggressionsabbau, Gelassenheit und Selbstbewusstsein, skizziert sie.

Bisherige Hallen stehen nicht mehr zur Verfügung

Integration von Flüchtlingen sei im Verein selbstverständlich. Sportlich stehe der Verein extrem gut da. Das große Problem: Die bisherige Halle steht dem Verein nicht mehr zur Verfügung.

„...sonst müssen wir den Verein auflösen“

„Wir hätten jetzt die Möglichkeit, eine Halle zu bekommen. Aber die ist für uns zu teuer. Wir hoffen, dass wir einen weiteren Verein finden, damit wir uns die Halle und damit auch die Kosten teilen können“, so Snezhana Hohlfeld, denn „sonst müssten wir den Verein auflösen“.

Wolfgang Geser, Präsident Narrengesellschaft Seehasen.
Wolfgang Geser, Präsident Narrengesellschaft Seehasen. | Bild: Scherrer, Aurelia

Narrengesellschaft Seehasen, 27 Aktive, 6 Kinder/Jugendliche: Optimistisch ist Seehasen-Präsident Wolfgang Geser. Nach langer Durststrecke befindet sich der mittlerweile maskentragende Verein langsam wieder auf tragfähigem Boden. „Elf neue Mitglieder haben wir in diesem Jahr bekommen; dank eines SÜDKURIER-Artikels und unserer Homepage“, freut sich Geser.

Dank an neue Mitglieder

Noch erfreulicher ist die Bereitschaft der Mitwirkung. „Ein Neumitglied hat sofort angeboten, unsere Homepage zu überarbeiten, damit sie peppiger wird.“ Wichtig bei einem Narrenverein sei, „dass die Leute Spaß haben“, dann würden sie sich auch gerne einbringen und mithelfen.

Wünsche der Mitglieder erfüllen

Wichtig in der Vorstandsarbeit sei, dass die Wünsche seitens der Mitglieder nach Möglichkeit erfüllt würden. Geser hat gemerkt, dass die Ideen seitens der Hästräger dann sprudelten, wenn er als Präsident nicht dabei ist. Jetzt lässt er sie in Ruhe Ideen schmieden.

Mitglieder bei der Stange halten

„Das Hansele-Programm haben wir jetzt umgemodelt und sehr auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt“, berichtet er. Teilhabe, Mitwirkung und Mitgestalten des Vereinslebens seien wichtig, um die Mitglieder bei der Stange zu halten. Die Aufgabenteilung funktioniere jetzt ganz gut.

Die Begeisterung hält sich in Grenzen

Schwer tut sich Geser allerdings mit der Besetzung der Vorstandsposten. „Eigentlich wollte ich unseren Schriftführer als meinen Nachfolger heranziehen und ihm langsam meine Aufgaben übertragen. Seine Begeisterung hält sich aber noch schwer in Grenzen“, so Wolfgang Geser.