Auf der einen Seite steht ein Traum: Pinguine, Wale, Robben, antarktisches Eis, eine aufgewühlte See. Nicht jeder hat die Gelegenheit, die antarktische Natur zu sehen. Expeditionen in diesen Teil der Welt kosten etwa 15.000 Euro.

Yvonne Kohnle wird die Möglichkeit haben, die Tierwelt der Antarktis zu erleben. Sie nimmt an einem Leadership-Programm aus Australien teil, das Frauen, die sich beruflich mit Klimaschutz beschäftigen, schulen will. Der Höhepunkt ist die Expedition.

Und das ist die andere Seite: Ist eine CO2-intensive Reise wirklich der beste Weg, den Klimaschutz voranzutreiben?

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Wie die Konstanzerin zu dem Programm kam

Yvonne Kohnle ist bei einer privaten Australien-Reise auf das Programm gestoßen. Eine Freundin aus Australien hatte selbst daran teilgenommen und ihr davon berichtet.

Kohnle ist Konsumentenforscherin und arbeitet für das Hotelbewertungs-Portal Holidaycheck in Bottighofen in der Schweiz. Ihren Arbeitgeber berät sie in Nachhaltigkeitsthemen. Dabei geht es auch darum, dass Kunden, die reisen wollen, inzwischen neue Bedürfnisse an ihre Reiseanbieter herantragen: Sie wollen nachhaltiger reisen, möchten unter Umständen eine Kompensationszahlung für eine Flugreise leisten, sind gut über Zertifikate anzusprechen, die nachhaltiges Reisen versprechen.

Wie kann man Unternehmen zu nachhaltiger Produktion motivieren?

Das Thema nachhaltiges Marketing begleitet Kohnle schon lange. In ihrer Dissertation geht es um die Preise für ökologische Produkte. Eine der Grundfragen lautet: Wie viel mehr Geld sind Konsumenten bereit zu zahlen, wenn sie ein Produkt mit einem ökologischen Label kaufen?

Die 35-Jährige treibt die Frage an, wie sie mehr Unternehmen davon überzeugen kann, klimaverträglicher als bisher zu produzieren. Sie will zeigen, dass eine klimaverträglichere Herstellung eines Produkts ein Gewinn für alle sein kann: für die Kunden, die dies zunehmend einfordern und den Anbieter, der mit der ökologischeren Herstellung werben kann.

Das Leadership-Programm "Homeward bound" soll ihr dabei helfen, ihre Ziele zu verwirklichen.

Frauen in Führungspositionen sollen den Klimaschutz voranbringen

"Wie kann ich Firmen und die Politik dazu bewegen, dass die Umwelt eine größere Rolle spielt bei ihren Entscheidungen?", so formuliert die Konstanzerin die zentrale Frage.

Von dem Programm für weibliche Führungskräfte, das unter anderem die Antarktis-Reise enthält, verspricht sie sich, in Kontakt mit Frauen zu kommen, die sich ähnliche Fragen stellen. Sie möchte lernen, sich als Frau selbstbewusster zu positionieren, um Lösungen zu finden.

Ansätze dazu hat sie bereits: "Ich glaube, dass man gewisse Dinge positiver formulieren muss". Das Thema Klimaerwärmung sei den meisten Menschen zu abstrakt.

Zweitens gebe es viele Maßnahmen, die weder den Kunden noch den Produzenten etwas kosten – die aber der Umwelt helfen. Trotzdem würden diese Maßnahmen selten genutzt. Als Beispiel nennt Yvonne Kohnle das Phänomen, dass kaum ein Supermarkt darauf verzichte, seinen Kunden Plastiktüten anzubieten. Obwohl sie Kosten verursachen und obwohl die EU gesetzlich verordnet hat, dass sie nicht mehr kostenlos abzugeben sind.

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Im Namen des Klimaschutzes in die Antarktis reisen?

Zurück zum Traum, zu der Reise in die Antarktis.

Auf die Reise freue sie sich sehr, sagt Yvonne Kohnle. Sie verspricht auch tatsächlich abenteuerlich zu werden: Drei Tage lang überqueren die Teilnehmerinnen mit dem Schiff die Drake-Passage von Argentinien aus. Dann eröffnet sich den 95 Frauen der Blick auf Pinguine und Wale, auf die unwirtlichen Lebensbedingungen des Kontinents. Und auf die Veränderungen durch den Klimawandel, die in der Antarktis so deutlich zu Tage treten wie kaum in einem anderen Teil der Erde.

Doch braucht es wirklich eine teure Reise, die durch Flug und Schifffahrt einen ordentlichen CO2-Ausstoß erzeugt, um zu begreifen, wie dringend Handeln geboten ist?

Kohnle verweist auf den Lerneffekt im Angesicht der Umweltzerstörung. Und darauf, dass es möglich sein wird, einflussreiche Frauen kennen zu lernen, etwa die UN-Sonderbeauftragte für Klimaschutz.

Deutsche Umwelthilfe sieht die Antarktis-Reise kritisch

Der Sinn der Antarktisreise erschließt sich tatsächlich nicht allen. „Wir stellen fest, dass Frauen derzeit häufig viel eindeutiger für den Klimaschutz eintreten. Deshalb begrüßen wir das Leadership-Programm für mehr Frauen in Führungspositionen ausdrücklich", schreibt Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe in einer Stellungnahme und lobt damit die Grundidee.

Aber er sagt auch: "Eine Expedition in das sensible Ökosystem der Antarktis ist aus unserer Sicht nicht nachhaltig. Auch die Alpen halten spannende Eislandschaften parat und sind vom Klimawandel ebenso betroffen.“

Günstig ist die Programm-Teilnahme nicht

Die junge Konstanzerin Yvonne Kohnle investiert einiges, um ihre Teilnahme am einjährigen Programm zu ermöglichen. Es kostet etwa 16 000 Euro, sie hat aber die Möglichkeit, einen Teil des Geldes über Sponsoren finanzieren zu lassen. Sie hofft, darüber die Hälfte der Kosten abdecken zu können.

Woher die Liebe zur Umwelt stammt – und wie sie im Alltag bewusst verzichtet

Woher stammt Yvonne Kohnles Engagement für Umweltthemen? Da muss die 35-Jährige lächeln. Das Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit Ressourcen habe ihr der Großvater vermittelt. Der habe für jeden Gegenstand ein Ersatzteil parat gehabt, habe selbst repariert und instandgesetzt. Das beeindruckte die Enkelin.

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Im Alltag versucht sie, auf übertriebenen Konsum zu verzichten, Kleidung kaufe sie oft gebraucht, Lebensmittel regional und auf dem Wochenmarkt. Sie versuche, Plastikmüll zu vermeiden. Reisen unternehme sie am liebsten mit dem Zug, diese Vorliebe wiederum habe sie von ihrem zweiten Großvater, der Zugschaffner war.

Kandidatinnen gehen ein finanzielles Risiko ein

Ob sich die finanzielle Investition und der Aufwand schließlich für ihr berufliches Fortkommen und ihre ideellen Ziele lohnen wird, das weiß Kohnle ebenfalls nicht. Das Risiko hält sie aber für vertretbar: "Im schlimmsten Fall ginge es um den Wert eines Kleinwagens, den ich gegen die Wand gefahren hätte".

Aus der Perspektive des Klimaschutzes wäre auch die Investition in einen Kleinwagen keine sinnvolle Alternative.