Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht große Mängel im Bildungssystem. Bei einem Treffen in Konstanz haben wir uns mit ihr unterhalten.

Frau Moritz, wie steht es mit der Bildung in Baden-Württemberg?

Den Grundschulen geht es richtig schlecht, es mangelt bei der Inklusion, die Gemeinschaftsschulen erhalten zu wenig Unterstützung, die Lehrerversorgung in allen Schularten wird immer schlechter. Unsere Kultusministerin Susanne Eisenmann trägt nicht viel zur Lösung bei, sondern sie unterstellt teilweise Mängel in der Arbeit der Lehrkräfte. Das schadet enorm und bringt Unruhe statt Ruhe ins System.

Beginnen wir mit den Grundschulen. Was läuft da schief?

Einiges: Wir sind bezüglich der Lehrer-Schüler-Relation im Bundesvergleich auf dem letzten Platz. Dabei ist der Anteil von Zuwandererfamilien mit 44 Prozent bei uns bundesweit am höchsten. Unsere Grundschüler haben zudem weniger Unterricht als Kinder in erfolgreichen Bundesländern, freie Lehrerstellen konnten nicht besetzt werden. Grundschulkinder, die nicht in den Religionsunterricht gehen, werden auf andere Klassen verteilt, und die Grundschule hat als einzige Schulart keine Stunden für Förderung oder Differenzierung über die Pflichtstunden hinaus. Jetzt wird der Fremdsprachenunterricht in den ersten und zweiten Klassen gestrichen. Und: Von allen Kindern, die inklusiv unterrichtet werden, gehen 60 Prozent in die Grundschulen. Die Ausstattung ist völlig unzureichend.

Das klingt nach jeder Menge Baustellen.

Absolut. Wir als GEW haben die Grundschulleitungen nach ihren Bedürfnissen gefragt und seitenlange Klagemails erhalten. Viele verfügen über gar keine Krankheitsvertretung, AGs können nicht mehr angeboten werden, es fehlt die Zeit für Schulentwicklung. Außerdem erhält ein Grundschulrektor für seine vielfältigen Aufgaben – an kleineren Schulen hat er nicht einmal Sekretärin und Hausmeister – monatlich nur 168 Euro brutto zusätzlich. Der Vorschlag von Frau Eisenmann, Gymnasiallehrer nach 15 Tagen Online-Fortbildung und einer Woche Seminar an Grundschulen einzusetzen, ist unprofessionell. Wir als GEW erachten das als schlecht gemachte Notlösung. Gymnasiallehrer haben zwei Fächer studiert, aber nichts über Grundschulpädagogik gelernt. Und sie sollen jetzt kleinen Kindern Lesen und Schreiben beibringen und Fächer fachfremd unterrichten?

Bei einem Termin an der Konstanzer Gemeinschaftsschule Gebhard standen sie der Journalistin Katja Irle (rechts) Rede und Antwort zu dieser Schulform (von links): Raimund Kegel von der Konstanzer Handwerkskammer, GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz, Gebhard-Elternvertreterin Petra Rietzler, Lehrer Marcus Weber und die Schülersprecher Lea Stadel und Noël Nuber. Bild: Kirsten Schlüter

Bei einem Termin an der Konstanzer Gemeinschaftsschule Gebhard standen sie der Journalistin Katja Irle (rechts) Rede und Antwort zu dieser Schulform (von links): Raimund Kegel von der Konstanzer Handwerkskammer, GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz, Gebhard-Elternvertreterin Petra Rietzler, Lehrer Marcus Weber und die Schülersprecher Lea Stadel und Noël Nuber. Bild: Kirsten Schlüter

Was fordern Sie?

Eine bessere Ausstattung für alle Schularten. Wir brauchen vor allem zusätzliche Studienplätze für das Grundschullehramt, eine bessere Bezahlung und eine Krankheitsreserve. Die wurde nämlich nicht zusätzlich geschaffen, sondern aus Stunden für den Pflichtunterricht herausgezogen. Das Land setzt auch zu viel auf befristet beschäftigte Lehrer. Und die Lehrerstellen, die für den Unterricht der Flüchtlingskinder geschaffen wurden, dürfen nicht wieder gestrichen werden wie geplant! Der Zuzug von außen wird nicht aufhören. Es kommen ja auch viele Schülerinnen und Schüler aus anderen europäischen Ländern zu uns, aus unterschiedlichen Gründen.

Was können Sie als GEW-Landesvorsitzende bewirken?

Ich spreche regelmäßig mit den Regierungsfraktionen, mit Kultusministerin Eisenmann, aber in vielen Punkten kommen wir einfach nicht zusammen und es geht um Geld.

Ist es frustrierend, immer gegen Windmühlen anzukämpfen?

Unseren Erfolg kann man nicht messen, aber wir benennen klar die Missstände und Probleme. Ich bin mir sicher, dass wir einen Beitrag dazu geleistet haben, dass die geplante Streichung von 700 Lehrstellen im Land doch nicht vollzogen wurde und dass nun Hauptschullehrer auf die Gehaltsstufe A13 gehoben werden. Aber wir von der GEW haben uns vor wenigen Jahren das Bildungssystem in Südtirol angeschaut. Die statten ihre Schulen ganz anders aus und bekommen das auch finanziert. Ich bin richtig beschämt nach Hause gefahren.

Volles Haus: Zu einer Veranstaltung an der Konstanzer Gemeinschaftsschule Gebhard mit der GEW-Landesvorsitzenden Doro Moritz kamen viele interessierte Eltern, Lehrer und Politiker in die Aula. Bild: Kirsten Schlüter

Volles Haus: Zu einer Veranstaltung an der Konstanzer Gemeinschaftsschule Gebhard mit der GEW-Landesvorsitzenden Doro Moritz kamen viele interessierte Eltern, Lehrer und Politiker in die Aula. Bild: Kirsten Schlüter

Wie steht es um die anderen Schularten?

Das Gymnasium wird nicht infrage gestellt, Sozialpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (früher Sonderschulen; Anm.d.Red.) und berufliche Schulen haben Lehrermangel, die Werkrealschulen laufen aus, die Realschulen sind verunsichert. Sie konnten bislang gute Arbeit leisten als Aufsteigerschule für Haupt- oder Werkrealschüler und als Auffangbecken für ehemalige Gymnasiasten. Realschulen bildeten fürs Handwerk aus und waren gut nachgefragt. Jetzt verändert sich die Realschule. Mehr Schüler wechseln aufs Gymnasium und fehlen somit den Realschulen. Gleichzeitig kommt jetzt der Hauptschulabschluss an die Realschule. Viele Kollegien haben Angst vor der Aufgabe mit den schwächeren Schülern. Das neue Konzept wurde ihnen von der Politik aufgedrückt – anders als bei den Gemeinschaftsschulen, die sich meist freiwillig für eine Neuausrichtung entschieden haben.

Die GEW steht klar hinter den Gemeinschaftsschulen, obwohl auch hier längst nicht alle Einrichtungen im Land gut funktionieren. Warum?

Manche Schulen sind noch im Aufbau oder haben tatsächlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber wir sind uns sicher, dass das längere gemeinsame Lernen sinnvoll ist. Bei Kritik an einer einzelnen Realschule oder einem Gymnasium käme niemand auf die Idee, die Schulart an sich in Frage zu stellen. Bei der Gemeinschaftsschule schon. Die Kollegien kämpfen ständig mit Rechtfertigungsdruck und fallen um vor Arbeit. Die Gemeinschaftsschule bietet als einzige Schulart alle Abschlüsse im Ganztag an und setzt die Inklusion um, das erfordert mehr Ressourcen, sonst funktioniert es nicht. Aber Frau Eisenmann will keine weiteren Oberstufen genehmigen und versagt auch sonst weitere Unterstützung für diese Schulart.

In vielen Punkten werden Gemeinschaftsschulen ohnehin schon bevorzugt. Stößt es bei den Lehrern, die Mitglied in Ihrer Gewerkschaft sind, nicht sauer auf, wenn Sie sich so für diese Schulart einsetzen?

Es gibt kritische Stimmen. Der Vorwurf der Bevorzugung ist nicht berechtigt. Aber in unseren Gremien fassen wir nie Beschlüsse gegen eine Schulart. Klar sind manche Lehrer verunsichert, wir müssen uns für bessere Bedingungen in allen Schularten einsetzen.

Sie waren schon früh in Personalräten und gewerkschaftlich aktiv. Vermissen Sie das Unterrichten?

Ich habe 15 Jahre lang unterrichtet, das fehlt mir schon ab und zu. Aber da ich mich immer schon gern für die Rechte anderer eingesetzt und mich gewehrt habe, passt das für mich. Das habe ich auch als junge Mutter gemacht. Ich habe mich mit anderen Frauen für die Rechte von Kindern und Jugendlichen in meinem Wohnort eingesetzt. Wir haben einen Kindergartenneubau erreicht, Flohmärkte organisiert und in den Sommerferien eine Stadtranderholung ins Leben gerufen. Damals gab es das alles noch nicht. Heute ist vieles davon zum Glück selbstverständlich.

Fragen: Kirsten Schlüter

Zur Person

Doro Moritz, 62 Jahre, wurde in Pforzheim geboren. Sie studierte in Ludwigsburg und Heidelberg die Fächer Sport, Deutsch und Soziologie mit Schwerpunkt Hauptschule. Sie engagierte sich in vielen Personalräten und ist seit 2008 die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ehrenamtlich ist Doro Moritz unter anderem Mitglied des SWR-Rundfunkrats und Vorsitzende des Landesprogrammausschusses sowie Mitglied im Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung. In ihrer Freizeit treibt sie gern Sport. Die 62-Jährige hat zwei erwachsene Töchter. (kis)