Ist es wichtig, wer eine gute Idee hat? Oder ist es wichtig, dass eine gute Idee umgesetzt wird? Für Sabine Feist liegt die Wahrheit im zweiten Satz. Künftigen Stadträten in Konstanz wünscht sie, dass in den Ratssaal mehr Pragmatismus einzieht. "Man muss nicht immer alles, was jemand bereits gesagt hat, nochmal wiederholen," sagt sie.

Nach fünf Jahren hatte die Architektin und Gründerin eines kleinenStart-Ups kürzlich angekündigt, für die kommende Gemeinderatswahl nicht mehr für die CDU anzutreten. Hört man sich über Fraktionsgrenzen hinweg um, bezeichnen das viele ihrer Kollegen als Verlust.

Was Sabine Feist umtreibt: Zu wenige Wohnungen für Familien

"Ich habe keinen Fernseher, dafür aber viele Ideen", sagt Feist über die Gründe, die sie 2014 in die Politik getrieben haben. Und die Beobachtung, dass sich immer mehr befreundete Familien aus Konstanz verabschiedet haben und in die nähere oder weitere Umgebung zogen.

Gerade bei diesen bemerke sie eine Entfremdung, auch wegen des fehlenden Wohnraumangebots. "Für Investoren lohnen sich Vier- oder Fünf-Zimmer-Wohnungen nicht, damit lässt sich weniger verdienen, als mit zwei kleinen."

Bild: Hanser, Oliver

Während ihrer Amtszeit habe sie sich deshalb dafür eingesetzt, auch das mittlere Mietpreissegment nicht außer Acht zu lassen. "Nur auf den sozialen Wohnbau zu blicken, greift zu kurz und hilft vielen Familien auch nicht weiter." Sie entschieden sich schon dann für den Wegzug, wenn ihr Gesamteinkommen nur wenig über dem liege, das den Zugang zu preisgedämpften Segmenten ermögliche.

Engagement nicht der Parteifarbe wegen

Als zweite Kandidatin auf der Liste der CDU wurde Sabine Feist 2014 in den Gemeinderat gewählt – als einzige Frau standen ihr neun gewählte Männer der Fraktion gegenüber. In die Partei eingetreten ist sie eigens für die Wahl. Es hätte auch eine andere treffen können. In ihrer Familie befinden sich Sozialdemokraten, sie selbst attestiert sich "einen ökologischen Geist". Wichtiger als eine politische Farbe sei ihr, etwas bewegen zu können.

Aktiv war Feist im kirchlichen und bürgerschaftlichen Bereich bereits vor 2014. Für sie sei immer klar gewesen: "Wenn es in der Familie, in der Beziehung und im Beruf stimmt, dann habe ich die Verpflichtung, mich zu engagieren."

Um 15.30 Uhr kommen die Kinder, um 16 Uhr beginnt die Sitzung als Stadträtin

Nur habe es zuletzt nicht mehr immer gestimmt. Das bedeute nicht gleich eine tiefere Krise, erklärt sie. "Aber wenn man sich mit den eigenen Kindern nur noch gegenseitig die Klinke in die Hand gibt, dann strengt das an."

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Der älteste Sohn ist im letzten Schuljahr, auch die beiden anderen Kinder besuchen eine weiterführende Schule. Um 15.30 Uhr kommen sie regelmäßig nach Hause, eine halbe Stunde später beginnen in der Regel Gemeinderats- oder Ausschusssitzungen.

Aus dem Weihnachtsurlaub herausgerufen

"Die Ratsarbeit greift zeitlich wie eine Krake um sich", fasst sie zusammen. Wenn Sitzungen bis nahe an Mitternacht reichten, dann sei nicht nur dieser Tag privat wie beruflich maximal ein halber, sondern mache sich mit Müdigkeit auch noch am Folgetag bemerkbar. "Ich will bei der Arbeit konzentriert sein, nicht mit Kopfschmerzen im Büro sitzen", sagt Feist.

Als einen Tiefpunkt habe sie die Tage vor Weihnachten 2018 empfunden. "Die ganze Familie hatte sich schon auf die Weihnachtsferien eingestellt, da wurden wir plötzlich kurz vor Heiligabend zu einer Sondersitzung einberufen." Es war die Sitzung, in der die Trennung von Bodenseeforums-Geschäftsführer Jochen Lohmar besiegelt wurde.

Was schlägt die scheidende Gemeinderätin zur Verbesserung vor?

20 Stunden investiere sie jede Woche in die Arbeit vor, während und nach Ratssitzungen. So wie viele ihrer Kollegen. "Das ist zu viel", sagt Feist. Als "großen Lösungsvorschlag", wie sie es bezeichnet, könne sie sich flexiblere Mandate vorstellen: von Modellen, bei denen die Arbeit aufgeteilt werde, bis hin zu einer Verkürzung der Amtszeit.

Die lange Amtsperiode führe auch zu einem Überangebot an Senioren im Gemeinderat. Wieder stellt Sabine Feist eine Frage: "Welcher junge Mensch, der beruflich wie privat mitten im Leben steht, weiß schon, wie dieses in fünf Jahren aussieht?"

Zuletzt hat sie einen Vorschlag, der vielen Stadträten kaum von den Lippen gehen würde: Mehr Vertrauen in die Arbeit der Verwaltung haben. "Das bedeutet nicht, dass wir alles abnicken sollten." Die Folge eines Misstrauens aus Prinzip seien zentimeterhohe Verwaltungsvorlagen und eine Schwemme an ständig wiederkehrenden Informationen. Das wiederum erschwere den Räten die Konzentration auf das Wichtigste: Unverstellt von außen auf das Geschehen in der Stadt zu blicken und nach außen auf die Bedürfnisse der Bürger.