Der Auftrag kam 2017 aus dem Gemeinderat, Oberbürgermeister Uli Burchardt hat es versprochen, seine Verwaltung hat endlos viele Zahlen zusammengetragen: Die Aufarbeitung der wirtschaftlichen Entwicklung des Bodenseeforums liegt vor. Heute beschäftigt sich der Gemeinderat mit einem Dokument, das eine wechselvolle Geschichte nachzeichnet. Morgen beraten Politiker auf einer Ganztagesklausur auf der Mainau darüber, wie es weitergehen soll. Wir stellen die wichtigsten Punkte zu Entwicklung und Lage am Veranstaltungs- und Tagungshaus zusammen.

Bei den Bauinvestitionen haben sich Zeitdruck und Umplanungen gerächt

Beim Projektbeschluss des Gemeinderates im März 2015 ging das Gremium von anderen Rahmenbedingungen aus. Das geplante Kostenbudget in Höhe von 17,5 Millionen Euro enthielt 13,2 Millionen für Gebäude und Baumaßnahmen, zwei Millionen für Ausstattung und 2,1 Millionen für Baunebenkosten. „Jetzt sind wir bei 20,2 Millionen Euro, also rund 2,7 Millionen teurer als veranschlagt“, sagt Rathaussprecher Walter Rügert. Dafür sieht er viele Detailentscheidungen verantwortlich: So war beispielsweise ein Zwischengeschoss vorgesehen. „Michel Maugés Businessplan von 2014 kalkulierte auf diesem Raumkonzept“, so Walter Rügert. „Doch die Bedingungen haben sich stetig geändert.“

Rückwirkend lässt sich festhalten, dass im Laufe des Baufortschritts einzelne Entscheidungen von Gremium und Bauleitung revidiert und verändert wurden. So machte die Änderung im Bereich der Küche eine halbe Million Euro aus, auch der Boden würde erneuert. Wieso gab es überhaupt diese Änderungen? Walter Rügert: „Wir standen vor der Frage: Entweder man lässt den Betonboden oder wir steigern den Wert des Hauses durch einen Parkettboden.“ Das ursprüngliche Cateringkonzept sah vor, dass drei Vertragscaterer ins Haus kommen und ihre Leistung anbieten – heute ist das Bodenseeforum für diesen Bereich selbst verantwortlich. „Mit dieser Entscheidung war klar, dass wir eine Küche benötigen“, begründet Walter Rügert.

Für ihn führten mehrere Faktoren zu den Änderungen: „Der Gemeinderat wollte unterschiedliche Preise und Qualitäten, damit sich jeder Konstanzer wiederfinden kann. Michel Maugé kannte die hiesigen Rahmenbedingungen nicht. Sein Konzept wäre anderswo vielleicht aufgegangen.“ Der Gemeinderat stimmte dem Konzept mit dem eigenen Caterer zu. Die Verwaltung forderte die Gremien auf, sich neuen Sichtweisen zu öffnen, „wir müssen immer bereit sein, umzuplanen“, so Rügert. „Rückwirkend hätten wir anders diskutieren können.“

Angeblich konnte niemand die wahren Betriebskosten für das Bodenseeforum einigermaßen genau vorhersagen

Laut Verwaltung haben die Betriebskosten viele Änderungen im Laufe der Zeit erfahren. Der große Bruch kommt laut Rathaussprecher Walter Rügert mit der Entscheidung für den Eigenbetrieb und gegen die GmbH, „aber es ist schwierig zu sagen, wie viel das ausmacht“. Ursprünglich war geplant, dass das Haus der Stadt gehört und an eine Betreibergesellschaft verpachtet wird.

Das hätte bedeutet, dass die Abschreibung im städtischen Haushalt auftauchen würde – heute stehen sie im Wirtschaftsplan des Eigenbetriebes. Dann wäre die Stadt für Bauunterhalt, Versicherung und Hausleistungen im städtischen Haushalt zuständig, heute finden sich die Betriebskosten im Bodenseeforum. Rügert: „Der Businessplan 2014 ging von einem anderen Konstrukt aus, daher ließen sich die Betriebskosten nicht exakt prognostizieren.“ Mit Dienstbeginn von Thomas Karsch am 1. Juli 2016 bis zum Antritt von Jochen Andrew Lohmar am 1. Juli 2017 sei das Haus laut Verwaltung faktisch ohne Geschäftsführer gewesen, der Knowhow und Kompetenz besessen hätte. „Es fand deutlich zu wenig Akquise statt, im März 2017 haben wir festgestellt: Wir sind 50 Prozent unter dem Soll.“

Interims-Geschäftsführer Friedhelm Schaal verkündete im März 2017 eine gute Prognose, um vier Monate später ein Defizit in Höhe von 2,1 Millionen einzugestehen. Wie ist das zu erklären? Rügert: „Er hat sich auf Veranstaltungen berufen, die gebucht werden.“ Das bedeute: Es gibt Veranstaltungen, die kommen quasi von alleine und es gibt welche, die akquiriert werden müssen. Das Bodenseeforum sei für hochwertige Veranstaltung vorgesehen, die akquiriert werden müssen, „die klopfen aber nicht an der Tür. Je weniger Akquise man durchführt, desto weniger hochwertige Veranstaltungen können gebucht werden. Und desto mehr Raum existiert für Veranstaltungen, die einfach kommen – wie Hochzeiten oder Betriebsfeiern“.

Zu oft wurde offenbar auf die Anzahl der Veranstaltungen geschaut, zu selten auf ihre Wirtschaftlichkeit. Auch, weil ganz zu Beginn feste Verträge gemacht wurden, bei denen die Stadt noch gar nicht wusste, was das Catering im Einkauf kosten würde.

Zum Schlamassel hat beigetragen, dass die Betriebsform nicht von vornherein klar war

Warum kam die Änderung von der GmbH zu einem Eigenbetrieb? Rügert: „Wir haben kalkuliert, dass die Vorsteuer zurückgefordert werden kann, die anfällt aus Umbaukosten des Hauses.“ Doch 2015 stellte das Finanzamt fest: Die Form der GmbH sei schwierig, da nicht sicherzustellen sei, wann und ob das Haus dauerhaft schwarze Zahlen schreiben würde und somit dauerhaft ein Zuschussbetrieb bleiben würde. Das hätte bedeuten können, dass rückwirkend auf fünf Jahre die Vorsteuer zurückgefordert worden wäre. „Daher haben wir aus Steuerrisikogründen entschieden, einen Eigenbetrieb zu gründen.“ Das wiederum hatte konkrete Auswirkungen zum Beispiel beim Personal.

In den ersten Berechnungen ist die Stadt von einer völlig unzureichenden Personalausstattung ausgegangen

Bei der Umwandlung von der GmbH zu einem städtischen Eigenbetrieb war das Haus sofort im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) – was das Thema Verfügbarkeits-, Wochenend- und Nachdienste angeht. Wusste man das vorher nicht? Walter Rügert: „Im TVöD benötige ich für die Bereitschaft eine bestimmte Person, die ich dafür vergüten muss. Das führt zu anderen Rahmenbedingnungen, die zu mehr Personal und höherer Personalkosten führen.“

Bei einer GmbH hätte das Team flexibler eingesetzt werden können – sprich: weniger Personal, mehr Arbeit, weniger Vergütung. Rügert: „Nacht- und Wochenenddienste werden im TvÖD höher vergütet. Aber die steigenden Personalkosten sind nicht nur darauf zurückzuführen. Wir haben heute 13 Stellen und eine 450-Euro-Stelle, gestartet sind wir mit 9,5.“ Er führt die Steigerung nicht nur auf den Tarifvertrag zurück. „Michel Maugé hatte immer mit einem minimal großen Team geplant.

Doch die Struktur war nicht praktikabel für Konstanz.“ Stellt sich die Frage, wie Michel Maugé auf die geringere Zahl kam? Die Personalanpassung für 2017 und 2018 wurde vor neun Monaten durchgeführt. Rügert: „Maugé hat von seinen eigenen Erfahrungen die Personalanzahl abgeleitet.“ Das Bodenseeforum, habe sich gezeigt, sei aber nicht mit den Häusern in Bregenz oder Mannheim zu vergleichen.

Die Politik wurde nicht ausreichend über Veränderungen informiert

War dem Gemeinderat stets klar, dass die meisten Entscheidungen während des Prozesses zu einer Kostensteigerung führen würden? Michel Maugé kündigte laut Stadtverwaltung an, Kosten an anderer Stelle zu reduzieren, wenn der Bau teurer werden würde. „Heute können wir sagen, dass das nicht zu 100 Prozent gelungen ist“, sagt Walter Rügert. Existierte eine schlechte Kommunikation zwischen Gemeinderat und den führenden Köpfen? Auch hierzu Walter Rügert: „Eine monatliche oder quartalsweise Kostendarstellung wäre sicherlich gut gewesen.“ Der OB sei jedoch von Anfang an immer transparent gewesen und habe immer alle Fakten auf den Tisch gelegt.

Aus einem „Haus für alle Konstanzer“ wurde ein „Konstanzer Haus“ – und das ist ein bedeutender Unterschied

Walter Rügert betont: „Wir wollten von Anfang an ein Konstanzer Haus für jeden Bürger. Das heißt aber nicht, dass hier jeder seine Hochzeit feiern kann. Private Dinge sind nur in tagungsschwachen Zeiten vorgesehen.“ Bei den Bürgern kam die Begrifflichkeit „Haus für alle Konstanzer“ stets anders an. Rügert: „Es wurde von Anfang an auf den Mix hingewiesen.“ Doch er muss zugeben, dass diese Thematik niemals ausdiskutiert wurde. „Was bedeutet Haus für alle Konstanzer für die Gemeinderäte und was bedeutet das für den Geschäftsführer? Das wird bei der Tagung der Mainau diskutiert.“

Die Stadtspitze hält an dem Glauben an eine Jahrhundertchance fest

Walter Rügert bezieht den Begriff Jahrhundertchance auf die damalige Situation: „Das Haus wurde aus der Insolvenzmasse gemeinsam mit der IHK erworben – diese Chance wäre zwei Jahre nicht mehr möglich gewesen, dann nämlich wäre das Haus auf dem Markt an den Höchstbietenden verkauft worden.“ Die Tür sei einen Spalt breit offen gewesen, aber nicht lange – daher die Dringlichkeit.

Zwischen Umbau und Eröffnung herrschte eine kurze Zeitspanne – Juni 2014 bis November 2016. „Das Projektteam wurde gegründet, Aufträge vergeben. Diesen Zeitdruck können wir hinterfragen. Küche, Caterer, Boden – vielleicht hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen“, so Walter Rügert. „Ob es falsch war oder nicht, das Haus zu kaufen – das ist eine persönliche Abwägungssache. Die Möglichkeiten sind jedoch nach wie vor vorhanden.“

Niemand kann sagen, ob das Haus jemals im Betrieb eine schwarze Null schreibt – oder ob es dauerhaft ein Zuschussbetrieb bleibt

Die Verwaltung sagt eindeutig: „Anhand der Zahlen lässt sich nicht prognostizieren, wann und ob das sein könnte. Doch wir sind davon überzeugt, dass wir mit Jochen Andrew Lohmar auf dem besten Weg sind.“ Von der Zeit unter Thomas Karsch würden weder Dienstpläne noch Strukturen existieren. „Da leistet Lohmar gigantische Arbeit.“ Aus heutiger Sicht sei es nicht nachvollziehbar, dass gewisse Dinge nicht berücksichtigt wurden – Fremdpersonal etwa sei im Plan nicht berücksichtigt gewesen, heute existieren da hohe Kosten.

Einen Plan, sich von dem Haus zu trennen, hat die Stadtverwaltung nicht

„Einen Plan B gibt es nicht“, sagt Walter Rügert. „Ich weiß aber nicht, ob die Räte am Freitag auf der Mainau darüber diskutieren wollen.“ Möglich ist das durchaus: Bereits mehrfach hatten Politiker aus dem links-grünen Lager einen Ausstieg aus dem Projekt gefordert.

Von der ersten Idee bis heute: Die Chronologie

Ein Oberbürgermeister, ein Berater und drei Geschäftsführer: Wer welche Rolle spielte

21. März 2013: Erstmals berichtet der SÜDKURIER über die Pläne von Stadt Konstanz und IHK Hochrhein-Bodensee, die leerstehende Immobilie der Firma Centrotherm am Seerhein gemeinsam zu kaufen.

22. Mai 2014: Der Gemeinderat beschließt mit 32 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und drei Nein-Stimmen den Kauf des Gebäudeteils durch die Stadt. Die Kosten werden mit 12,3 Millionen Euro brutto für Kauf und Umbau plus 3,8 Millionen Euro für die Einrichtung angegeben. 2018 soll das Haus laut Businessplan im Betrieb schwarze Zahlen schreiben.

2. August 2014: Stadt und IHK unterzeichnen den Kaufvertrag. Als Eröffnungstermin nennt die Stadt den Juli 2016. An der Kostenberechnung wird zunächst festgehalten. In einer Pressemitteilung der Stadt Konstanz heißt es wörtlich: "Damit wird ein langer Traum für Konstanz wahr."

11. Juni 2015: Die Stadt nennt als neuen Eröffnungstermin den November 2016, der Kostenrahmen sei weiterhin eingehalten.

16. Juni 2016: Nachdem neue Zahlen vorliegen, wird erstmals klar, dass ein profitabler Betrieb des Haues kaum vor 2022 zu erwarten ist. Ein Grund sind die Abschreibungen.

21. Oktober 2016: Das Bodenseeforum wird feierlich eröffnet. OB Uli Burchardt betont, der Kauf der Immobilie sei eine "historische Chance" gewesen.

14. März 2017: Der Betriebsausschuss diskutiert die ersten Wirtschaftszahlen zum Betrieb des Hauses. In den zwei Monaten des ersten Betriebsjahres beträgt das Defizit statt der geplanten 0,9 Millionen Euro nun knapp 1,7 Millionen Euro. Für 2017 gebe es eine "positive Prognose".

2. Juni 2017: Die Stadtverwaltung erklärt: "Die neuen Prognosen gehen für 2017 von einem Defizit von 2 468 000 Euro aus. Im Wirtschaftsplan ist ein Defizit von 943 000 Euro ausgewiesen. Das ergibt eine Abweichung von 1 525 000 Euro."

15. November 2017: Neue Zahlen zur Mittelfrist-Planung sagen bis 2021 ein Defizit von rund zwei Millionen Euro pro Jahr voraus. Damit läge der städtische Zuschuss für die ersten gut fünf Betriebsjahre inklusive Abschreibungen bei rund zwölf Millionen Euro.

22. Februar 2018: Auf der Gemeinderats-Tagesordnung steht der Punkt "Aufarbeitung der wirtschaftlichen Entwicklung des Bodenseeforums", tags darauf soll eine Klausurtagung die Zukunft des Hauses klären.

Uli Burchardt, Oberbürgermeister: Noch im ersten Amtsjahr nach seiner Wahl im Sommer 2012 berät er mit der IHK den gemeinsamen Kauf der Centrotherm-Immobilie in bester Seelage. Als Chef der Stadtverwaltung und Vorsitzender des Gemeinderats trägt er wesentliche politische Verantwortung für das Projekt. Er hoffte, nach zwei vergeblichen Anläufen für ein Konzert- und Kongresshaus auf Klein Venedig unter Vorgänger Horst Frank, ein solches Haus für Konstanz verwirklichen zu können. Auf die immer lautere Kritik an dem Projekt reagiert er bisweilen empfindlich und appelliert, die Erfolgschancen nicht durch Schwarzmalerei zu schmälern.

Michel Maugé, Berater: Maugé gilt als Vater des Erfolgs des Congress Center Rosengarten Mannheim. Er ist seit Jahren als Berater für Kongresshäuser tätig. Die Stadt Konstanz hat er bereits bei dem 2011 durch Bürgerentscheid gekippten Klein-Venedig-Projekt unterstützt. Er gilt als Autor der ersten Businesspläne, die 2014 eine wesentliche Entscheidungsgrundlage für den Gemeinderat sind. Ein profitabler Betrieb innerhalb weniger Jahre bei knappster Personalausstattung ist ein Motiv vieler Politiker, für das Projekt Bodenseeforum zu stimmen. Als bald nach der Eröffnung unter anderem bemängelt wird, es gebe zu wenige Toiletten, weist er das brüsk zurück.

Thomas Karsch, Gründungs-Geschäftsführer: Der promovierte Volkswirt Thomas Karsch wird vom Gemeinderat der Stadt Konstanz am 12. Mai 2016 zum ersten Geschäftsführer des Bodenseeforums gewählt. Die Verwaltung teilt mit, er habe "langjährige berufliche Erfahrung in leitender Funktion in Wissenschaft und Wirtschaft." Doch schon zwei Wochen nach der Eröffnung fällt er wegen Krankheit aus. Der Gemeinderat beschließt im November 2016 in nicht-öffentlicher Sitzung die Trennung von Thomas Karsch. Sie wird teuer – weil keine Probezeit vereinbart ist, muss die Stadt Konstanz eine Abfindung in sechsstelliger Höhe bezahlen.

Friedhelm Schaal, Interims-Geschäftsführer: Im Hauptjob ist er seit vielen Jahren der Leiter der Konstanzer Wirtschaftsförderung, einer direkt beim OB angekoppelten Stabsstelle. Weil von Anfang an er eng in das Projekt Bodenseeforum eingebunden war, übernimmt er auf Bitte von OB Burchardt nach Karschs überraschendem Ausscheiden zusätzlich die Geschäftsführung des Bodenseeforums. Nach anfänglich optimistischen Zahlen muss er mehrfach erklären, dass die Lage deutlich weniger rosig als angenommen. In öffentlicher Sitzung des Betriebsausschusses Bodenseeforum am 14. März sagt er, die Aufgabe führe ihn bis an seine Grenzen.

Jochen Andrew Lohmar, Geschäftsführer: Nach der Wahl im Mai 2017 tritt er zum 1. Juli seine Aufgabe als erster längerfristiger Geschäftsführer des Bodenseeforum Konstanz an. Er war zuvor in Berlin selbstständig im Bereich Tagungen tätig, nachdem er 13 Jahre lang das Tagungs- und Kongresszentrum des genossenschaftlichen Finanzverbundes am Brandenburger Tor geleitet hatte. Er weiß von Beginn an, dass die Zahlen bei weitem nicht den Erwartungen entsprechen. Er setzt vor allem auf der Einnahmenseite an und engagiert sich für die Gewinnung zusätzlicher Kunden.