Die Stadt hat sie wie Sieger empfangen. Wie Helden. Das grüne Regiment war aus einem Krieg zurück, der Tod und Verderben brachte, der Armut und Zerstörung hinterließ, der aus Ehefrauen Witwen machte und aus Kindern Waisen. Obwohl das Deutsche Reich kapituliert hatte, begrüßte Konstanz seine Soldaten, darunter viele Männer aus der Schweiz, freudig. Das war 1919. Ein Jahr zuvor hatte das Kriegsende die Abwicklung des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114 eingeläutet, das Konstanz so verändert, geprägt und gestaltet hat.

Der Stadtteil Petershausen - geprägt von Soldatengeschichten

„Die Entwicklung von Petershausen geht auf das Infanterieregiment zurück“, sagt Dominik Gügel. Der Historiker und Leiter des Napoleonmuseums hat sich tief in die Geschichte dieser Militäreinheit gekniet. Auch aus Verbundenheit heraus. Sein Großvater war in Konstanz stellvertretender Standortarzt, seine Mutter unterhielt eine Freundschaft mit Sami Moos, einst Militärarzt im Badischen Infanterieregiment.

Das Polizeipräsidium oben, unten sind Stadtarchiv und Archäologisches Landesmuseum untergebracht. In diesen Gebäuden, in denen einst das Benediktinerkloster war, waren ab 1868 Soldaten des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114 untergebracht.
Das Polizeipräsidium oben, unten sind Stadtarchiv und Archäologisches Landesmuseum untergebracht. In diesen Gebäuden, in denen einst das Benediktinerkloster war, waren ab 1868 Soldaten des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114 untergebracht. | Bild: Jörg-Peter Rau

Von deren Kaserne am Benediktinerplatz aus, wo heute Polizeipräsidium, Stadtarchiv, Archäologisches Landesmuseum, Sozial- und Jugendamt und Musikschule untergebracht sind, hat sich die Stadt rechtsrheinisch ausgedehnt. Entlang der Wilhelmstraße, heute Theodor-Heuss-Straße, haben sich Offiziere niedergelassen – abzulesen an Bebauung und Baustil.

Alles beginnt im Jahr 1868

Seinen Anfang hatten weitere Entwicklung und Regiment im Jahr 1868 genommen. Konstanz war zwar schon immer eine Stadt mit Militär, angefangen bei den Römern. Doch das Badische Infanterieregiment sollte langfristig die meisten Spuren hinterlassen.

Nachdem Konstanz im Jahr 1806 zum Großherzogtum Baden gestoßen war, wurde aus dem ehemaligen Benediktinerkloster in Petershausen die Klosterkaserne, das militärische Zentrum. Die Truppen zogen 1832 erst einmal wieder ab, ein Bürgermilitär war gegründet worden. Nach Beginn der erfolglosen Badischen Revolution besetzten 1848 hessische und bayerische Truppen die Stadt.

Ende 1850 kehrten badische Soldaten nach Konstanz zurück, die Bevölkerung war ihnen gegenüber allerdings zurückhaltend. Die noch existierende Herrengesellschaft „Gerstensäcke“ sollte ab 1862 eine vermittelnde Rolle zwischen Gesellschaft und Soldaten einnehmen. Dies gelang, die Stimmung änderte sich.

Das Militär prägte die Stadt Konstanz

Vor 150 Jahren entsandte der Großherzog zwei Bataillone nach Konstanz, aus denen das 6. Badische Infanterie-Regiment hervorging – obwohl er die Klostergebäude eigentlich zur Familienresidenz ausbauen wollte, erklärt Stadtarchivar Jürgen Klöckler.

Das Militär war jederzeit präsent in der Stadt und prägte das Bild wie auch die Gesellschaft. Die Regimentskapelle bereicherte das kulturelle Angebot, zwischen 1872 und 1905 führte Konstantin Hanloser die Musiker zu einem weit über die Grenzen hinaus hallenden Ruf. Im Stadtgarten hielten sie ihre Sommerkonzerte ab, und das wurde zu einem musikalischen Großereignis.

Die Soldaten vermählten sich mit Konstanzerinnen. 1870/1871 kämpften die Konstanzer im deutsch-französischen Krieg bei Dijon und an der Lisaine – seither waren sie Teil der königlich-preußischen Armee. Sie führten ihre badischen Standarten, Fahnen und Bezeichnungen weiter, erhielten aber eine preußische Nummerierung (114) hinzu.

Namenszusatz nach Tod Friedrichs III.

Durch Kaiser Wilhelm II. erhielt das Regiment nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1888 den Namenszusatz Friedrich III., er war offiziell Regimentschef. Ein „FR III“ mit Krone zierte seither die Schulterklappen aufgrund derer Farbe die Einheit „Das grüne Regiment“ genannt wurde; oder Seehasen, wie bis zuletzt das Nachrichtenblatt der einstigen 114er-Kameraden hieß.

Das Denkmal für Friedrich III.: Es steht an der Klosterkaserne und erhält nach der Rekonstruktion des Klosterportals einen neuen Standort.
Das Denkmal für Friedrich III.: Es steht an der Klosterkaserne und erhält nach der Rekonstruktion des Klosterportals einen neuen Standort. | Bild: Heidi Czada

Die 114er aus Konstanz waren angesehen. Rund 3300 Mann zählte ihre Friedensstärke. Damit sie unterkamen, entstand bis zum Jahr 1914 zusätzlich die Jägerkaserne. Zu diesem Zeitpunkt zogen die Soldaten bereits in den Krieg, in der Klosterkaserne wurden neue Rekruten auf ihren Marschbefehl vorbereitet.

Sie kämpften in Frankreich, noch heute sind die Schlachten bei Loos und Loretto ein Begriff, auch bei Chérisy. Das Lied hierüber wurde zur Regimentshymne. In den Reihen der Soldaten: Menschen jüdischen Glaubens, Menschen aus dem Elsass, damals deutsch, und auch aus der Schweiz.

Freiwillige aus der Schweiz verstärken das Regiment

Aus diesem Grund hat Dominik Gügel sein Buch und die dazu gehörende Ausstellung im Napoleonmuseum auf dem Arenenberg „Wir waren auch dabei“ genannt. Die Männer aus der Schweiz klopften aus unterschiedlichen Gründen an die Kasernentür in Petershausen.

Sie entschieden sich aus wirtschaftlicher Not heraus für den Militärdienst in Konstanz oder wollten als Straffällige weg aus der Heimat. Sie hatten aber auch deutsche Vorfahren und waren vom deutschen Kaiser angetan. Insbesondere während des Kriegs wollten Schweizer Partei ergreifen. Jene im französisch-sprachigen Landesteil traten in den Militärdienst Frankreichs, das war über die Fremdenlegion möglich.

Dominik Gügel, Historiker und Leiter des Napoleonmuseums. Er hat ein Buch über das grüne Regiment aus Konstanz geschrieben – auch wegen des familiären Hintergrunds.
Dominik Gügel, Historiker und Leiter des Napoleonmuseums. Er hat ein Buch über das grüne Regiment aus Konstanz geschrieben – auch wegen des familiären Hintergrunds. | Bild: Philipp Zieger

Weil es solch eine Einheit hierzulande nicht gab, blieb ihnen der Beitritt zum 6. Badischen Infanterie-Regiment Friedrich III. Nummer 114. Hier seien sie nicht auf den Hurra-Patriotismus gestoßen. Ideologie und imperialistische Ziele interessierten sie nicht. Soldaten kämpften für das Vaterland – oder für das Land ihrer Väter, wie Dominik Gügel beschreibt. „Das war eine eingeschworene Truppe.“

Vater und Tochter gehen gemeinsam an die Front

Wie viele Männer aus der Schweiz im Konstanzer Regiment angeheuert haben, ist nicht dokumentiert. Etwa 50.000, so Schätzungen, sollen insgesamt auf deutscher Seite mitgekämpft haben. Adolf Merk kehrte somit für immer seinem Heimatland den Rücken. Ein Jahr hatte der Frauenfelder bereits in Konstanz gedient, zu Kriegsbeginn meldete er sich im Alter von 54 Jahre erneut freiwillig. Wie auch seine Tochter.

Der Lehrerin oblag beim Roten Kreuz in Galizien die Pflege von Typhus- und Cholerakranken. Ihr Vater stieg bis zum Leutnant auf, einer der bekanntesten und beliebtesten Offiziere im Regiment, schreibt Historiker Dominik Gügel. Im Juni 1915 erlitt er bei Loretto einen Lungenschuss und erholte sich im Konstanzer Lazarett an der Friedrichstraße (heute Awo/Malteser) zudem von einer Rippenfellentzündung.

Der Soldat aus der Schweiz bleibt im Deutschen Reich

Der Schweizer erhielt höchste Auszeichnungen. Hauptmann Max Pätzold notierte im Feld voll des Lobes über ihn: „Es war keine eitle Ruhmsucht vor Verwandten und Bekannten daheim, die ihn veranlasst hatte, freiwillig und trotz seiner Jahre die sichere Ruhe im neutralen Lande aufzugeben und in den Krieg zu ziehen.“ Zahlreiche gesammelte Aufzeichnungen wie diese haben dazu geführt, „dass ich die Geschichte der 114er nachzeichnen kann“, erklärt Dominik Gügel.

Nach dem Krieg bleibt Adolf Merk im Deutschen Reich. Er zieht 1935 zur Witwe eines in Loos-en-Gohelle gefallenen Kameraden nach Oberschwandorf und adoptiert deren uneheliche Tochter. In Loos machten die Seehasen Bekanntschaft mit Emilienne Moreau. Sie umschwärmten die 17-Jährige, die sich so karitativ einsetzte und in die Geschichte einging, weil sie mehrere deutsche Soldaten tötete.

An der Front: Richard Adler im Schützengraben (vorn, rechts). Er und seine Kameraden standen bei dieser Aufnahme bei Loos.
An der Front: Richard Adler im Schützengraben (vorn, rechts). Er und seine Kameraden standen bei dieser Aufnahme bei Loos-en-Gohelle. | Bild: Bild: Familienarchiv Gügel-Frank, Sammlung I.R. 114

In Loos machten die Seehasen Bekanntschaft mit Emilienne Moreau. Sie umschwärmten die 17-Jährige, die in die Geschichte einging, weil sie mehrere deutsche Soldaten tötete. Für Richard Adler war Emilienne Moreau ebenfalls eine Heldin, weil sie sich sozial engagierte. Adler wurde in Freiburg geboren, wuchs in Konstanz auf und wohnte später in Kreuzlingen. Auch dessen Nachlass mit mehr als 700 Fotos konnte Dominik Gügel sichern. Bei den 114ern stieg Adler, er war jüdischen Glaubens, bis zum Offizier-Stellvertreter auf. 

Der begeisterte Fotograf war für die Verpflegung zuständig und schrieb regelmäßig Feldpost in die Heimat. Im Oktober 1916 berichtete er von der Front in Ablaincourt, wo die Konstanzer fünf Tage zuvor Stellung bezogen hatten. Die Stadt gleiche „einem Vulkan, der Erde und Häuserreste in schwarze und rötliche Staubwolken hüllte und hoch in die Lüfte schleuderte“.

Im Oktober 1917 wurde er aus dem Regiment versetzt oder abkommandiert. Seine Spur verlor sich in Richtung Berlin. Er kehrte 1919 nach Kreuzlingen als Schuhhändler zurück und heiratete Pauline Welte aus Triboltingen, das Paar bekam zwei Kinder.

Stabsarzt kritisiert den Krieg

Ein Kritiker des Kriegs war Samuel Moos. Als Stabsarzt war Moos im Feld und hatte große moralische Bedenken im Umgang mit der Zivilbevölkerung und gefangen genommenen Soldaten. Er erinnerte sich an das Kriegsjahr 1914: „Es wird sich wohl, wie ich hoffe, ein Historiker finden, der eine ‚Geschichte des Infanterie Regiments Kaiser Friedrich III: Nr. 114’ schreiben wird, in der ein Wissen-Wollender (alle Begebenheiten) finden kann.“ Der Historiker ist gefunden in Dominik Gügel, dessen Mutter eine Freundschaft mit Moos unterhielt.

Im Dritten Reich vertrieben die Nationalsozialisten den Frauenarzt jüdischen Glaubens aus Konstanz – 13 Jahre nachdem er für das Deutsche Reich und den Kaiser in den Krieg gezogen war. Es müssen grausame Zustände im Feld gewesen sein. Kaffee Leichenbrühe nannte sich ein Getränk, zubereitet aus Lehmwasser der umkämpften Gräben und Trichter.

Die schrecklichen Erinnerungen eines Hauptmanns

Hauptmann Max Pätzolds schrieb über das Schlachtfeld von Loretto: „Der Verwesungsgeruch war so stark und klebte förmlich so fest in den Kleidern der Soldaten, dass in der ganzen Straße ihres Ruheorts nach ihrer Rückkehr Leichengeruch lag.“

Die Riesenbergkapelle in Konstanz von innen: An den Wänden sind die Namen aller gefallenen 114er aufgelistet.
Die Riesenbergkapelle in Konstanz von innen: An den Wänden sind die Namen aller gefallenen 114er aufgelistet. | Bild: Philipp Zieger

Es sind aber auch diese Szenen des Kriegs, die ein Soldat festhielt: „Der Oberkörper eines verschütteten 114ers guckte aus der Erde hervor. Die Franzosen und wir schauten, weit über den Graben hinauslehnend, zu. Wir konnten uns gegenseitig direkt in die Augen schauen. Die beiden Freiwilligen brachten den schwer verwundeten Kameraden zurück. Wir dankten den Franzosen. Dann schoss die Artillerie (...) einige Schüsse (...), der Krieg ging weiter.“

Das Ende des Regiments: Aus 114 wird 14

Die letzten Soldaten erreichten Konstanz im Januar 1919 – unter dem Jubel der Bevölkerung. Sie fühlten sich nicht als Verlierer, sondern als moralische Sieger. Das Regiment war nach 51 Jahren Geschichte. Das Militär blieb. Andere Einheiten zogen in die Kasernen ein. 1937 öffnete die Chérisy-Kaserne, nach dem Zweiten Weltkrieg belegten Franzosen die Stuben. „Die Tradition der 114er und ihres Nachfolgeverbands, der 14er, blieb“, sagt Dominik Gügel.

Noch heute lebt in der Stadt die Erinnerung an das grüne Regiment, auf das die Konstanzer einst so stolz waren. Eine Büste Kaiser Friedrichs III. steht am Sternenplatz, ein Denkmal an Kapellenchef Konstantin Hanloser im Stadtgarten, im Uniwald mahnt die Lorettokapelle. Auf ihren Innenwänden stehen alle Namen der 114er, die im Krieg fielen: 3200. Fast so viele, wie das Regiment zu Friedenszeiten hatte.

Werk und Ausstellung: „Wir waren auch dabei“, von Dominik Gügel unter Mitwirkung von Christina Egli, 12 Euro, Labhard Medien. Zum grünen Regiment gibt es bis 11. November eine Ausstellung im Napoleonmuseum auf dem Arenenberg: montags bis freitags, 10 bis 17 Uhr
 

Das Eiserne Kreuz im Tor: Vorsitzender Klaus Schöner steht an der Riesenbergkapelle, in der die Namen aller gefallenen 114er verzeichnet sind.
Das Eiserne Kreuz im Tor: Vorsitzender Klaus Schöner steht an der Riesenbergkapelle, in der die Namen aller gefallenen 114er verzeichnet sind. | Bild: Philipp Zieger

Eine Kapelle für das Regiment

  1. Wo steht das Kirchlein? Sie steht auf einer Anhöhe nördlich des Gebiets Stockacker. Von der Universitätsstraße aus (Richtung Friedrichstraße) geht es in einer Linkskurve nach links ab. Wer sich anschließend immer nach links richtet, erreicht die Kapelle nach einer Steigung. Von dort aus gibt es einen Rundumblick über die Stadt.
  2. Warum gibt es die Kapelle? Sie steht zum Gedenken an gefallene Kameraden des 6. Badischen Infanterieregiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114. Die Planungen begannen 1924, ein Jahr später wurde der Bau errichtet. Architekt war Karl Gruber, Regimentsmitglied, das Altarbild im Innern hat der Freiburger Maler Hans Franke angefertigt. Auf Holzvertafelungen stehen die Namen aller 3200 Kameraden, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen haben. Seit 1945 steht neben der Kapelle ein Findling zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen des Regiments 14, das aus dem 114er hervorgegangen war.
  3. Wer pflegt die Kapelle? Als im Jahr 1987 die ehemaligen 114er-Kameraden sich nicht mehr um die Kapelle kümmern konnten, hat sich die Reservistenkameradschaft dazu bereit erklärt. Aus ihr ging die Traditionsgemeinschaft der ehemaligen Garnisonsstadt Konstanz hervor. "Es ist eine unserer Aufgaben, die Erinnerung wachzuhalten", sagt Klaus Schöner. Zu ihren Aufgaben gehört laut Satzung die Pflege weiterer Denkmäler, etwa am Sternenplatz (Kaiser Friedrich III.) und im Stadtgarten (Musikdirektor Konstantin Handloser). Ihr Vorsitzender ist Klaus Schöner. Die Traditionsgemeinschaft hatte einst 60 bis 70 Mitglieder, heute sind es laut Schöner 33: "Wir bekommen keinen Nachwuchs."
  4. Ist der Kirchenbau frei zugänglich? Das ist die Kapelle insbesondere bei Gedenkveranstaltungen an die Infanterieregimenter 114 und 14 im August. Das Gelände an der Kapelle ist bei Ausflüglern beliebt.