Konstanz "Der schönste Platz ist der Platz am Krankenbett" - Das bewegte Leben der Hebamme Marianne Szyszka

Marianne Szyszka hat in ihrem Leben viele Orte gesehen und in drei Ländern neue Erdenbürger auf die Welt geholt. Geboren in Ostpreußen, geflüchtet nach Hamburg, kam die heute 76-Jährige schließlich über Düsseldorf, London, Paris und Lausanne sowie Tübingen nach Konstanz, wo sie nun ihren Lebensabend genießt und diese Woche als "Freitagserzählerin" auf ihre Abenteuer im Ausland zurückblickt.

Menschen wie Marianne Szyszka trifft man nicht oft. Sie mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, ist lieber für andere da. Und doch könnte ihr Lebensweg, von dem sie fast beiläufig bei einer Tasse Tee in ihrer Wohnung im Paradies erzählt, außergewöhnlicher kaum sein. Am Freitag berichtet sie um 16 Uhr als "Freitagserzählerin" im Seniorenzentrum an der Oberen Laube 38 aus ihrem Leben.

Als Nachzüglerin der Familie 1941 in Königsberg in Ostpreußen geboren, waren schon Marianne Szyszkas Kindheit und Jugend geprägt von ständigem Umbruch. 1945 floh sie mit Mutter und Geschwistern nach Hamburg. Als der Vater 1949 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, fand er eine Stelle in Düsseldorf, die Familie siedelte erneut um. Dort absolvierte die heute 76-Jährige eine Ausbildung als Krankenpflegerin, arbeitete an der heutigen Uniklinik. Doch das reichte ihr nicht.

Trotz mangelnder Sprachkenntnisse hinaus in die Welt

"Ich war damals schlecht in Sprachen. Aber der Kontakt mit Menschen machte meinen Beruf aus, also wollte ich daran etwas ändern", erzählt Szyszka. "Dazu kam, dass wir als Krankenschwestern über die Genfer Konvention jederzeit ins Ausland hätten abberufen werden können, damals wäre das Korea gewesen." Die Erfahrungen ihres Vaters, der während des Ersten Weltkriegs mit dem Flugzeug abgestürzt war und fast zwei Jahre in Krankenhäusern fernab von der Heimat verbrachte, weckten auch in seiner Tochter das Bedürfnis, sich in gleicher Form um andere Menschen zu kümmern.

Also packte Marianne Szyszka ihre Koffer und zog nach London. Lange bevor Schüleraustausche, Erasmus-Semester und Praktika im Ausland zum guten Ton gehörten, hatte es ein ganzes Jahr gedauert, die erforderlichen Unterlagen und Anträge vorzubereiten. Schließlich stand sie mutterseelenallein an der Londoner Victoria Station, ohne Smartphone, ohne Ortskenntnisse – und traf auf eine der anderen deutschen Krankenschwestern aus dem German Hospital im Londoner East End, die mit einem Passfoto in der Hand nach der neuen Kollegin Ausschau hielt. Nur eine von vielen Begegnungen, die Szyszkas Abenteuer im Ausland bereicherten, wie sie heute sagt.

Von London nach Tübingen, von Tübingen nach Paris

Nach zehn Monaten in London machte sich die junge Deutsche auf die Suche nach einer neuen Herausforderung. In Tübingen absolvierte sie eine Ausbildung als Hebamme, zog dann zunächst nach Düsseldorf zurück. Doch Marianne Szyszka wäre nicht Marianne Szyszka, wenn sie sich damit zufrieden gegeben hätte. "Englisch hatte ich ja nun abgehakt, als nächstes kam also Französisch an die Reihe", erzählt die Rentnerin heute, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt gewesen. Paris gefiel ihr nicht, also reiste sie mit ihren Unterlagen und Zeugnissen im Rucksack kurzerhand in die französischsprachige Schweiz, arbeitete zunächst in Lausanne und dann viele Jahre in Morges am Genfer See.

"Sollte ich mich heute bewerben, ich hätte keine Ahnung, wie das geht", gibt Szyszka lachend zu. "Ich bin einfach dorthin gefahren, habe mich vorgestellt und gesagt: Hier bin ich und hier sind meine Unterlagen." Auch wenn sie es so nie selbst zugeben würde: Ohne dabei gewesen zu sein, weiß man, Marianne Szyszka war die gute Seele des Krankenhauses. Ihr Dienst am Menschen, da sein für andere, kaum jemand könnte das mehr verkörpern als sie. Später wurde ihr sogar die Leitung der Gynäkologie und Geburtshilfe angetragen, acht Jahre blieb sie in der Position.

Arbeit mit Menschen - das war und ist für Szyszka kostbar

"Meine Oberin sagte einmal: Der schönste Platz ist der Platz am Krankenbett. Sie hatte vollkommen Recht", sagt Szyszka. Und auch, wenn das radikal klingen mag: Ihr glaubt man diesen Satz sofort. "Das, was man von den Menschen zurückbekommt, kann man weder in Zeit noch in Geld aufwiegen. Könnte ich es gesundheitlich, würde ich heute noch jeden Tag ein paar Stunden arbeiten, einfach so, ohne Bezahlung. Natürlich hätte ich mich weiter hocharbeiten können, viel Geld ansparen. Aber mir war die Freiheit, das zu tun, von dem ich überzeugt bin, immer wichtiger."

Was sie am Freitag erzählen wird, hat Szyszka mithilfe ihrer Tochter Lucie aufgeschrieben. Damit ihre Enkel, heute fünf und zweieinhalb Jahre alt, es später lesen können und ihre Geschichte nicht verloren geht. "Mich hat es früher auch immer gelangweilt, wenn Eltern oder Großeltern von früher zu erzählen begannen", gibt die 76-Jährige zu. "Aber ich stamme aus einer ganz anderen Generation als die Menschen heute. Was wir erlebt haben, kann man nicht verstehen, wenn man es nicht selbst miterlebt oder von einem Zeitzeugen erzählt bekommen hat."

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