Würden Freddie Mercury und Lemmy Kilmister noch leben und in Konstanz nach Musik suchen – dieser Laden wäre ihr zweites Zuhause. Bestimmt. Sie würden Nick Mason, Jimmy Page und Jimi Hendrix mitbringen und in den recht düsteren Räumen des Studio 1 stundenlang herumstöbern in dem unerschöpflichen Fundus legendärer Platten. Viele tausend gebrauchte und einige wenige neue LPs warten hier auf die Freunde und Fans musikalischer Nostalgie, für die der leicht knisternden Unterton des Vinyls schöner klingt als der Sound of Silence. Wer das Studio 1 betritt, dem öffnet sich eine andere, längst vergangene Welt. Das ist wie ein Stairway to Heaven, als betrete man das Hotel California höchstpersönlich.

In der Hand eine Jubiläumspressung von Deep Purple: Jürgen Lugerth im Laden.
In der Hand eine Jubiläumspressung von Deep Purple: Jürgen Lugerth im Laden. | Bild: Oliver Hanser

Die Atmosphäre in diesem kultigen Relikt der 90er Jahre bewegt sich irgendwo zwischen einem Rock-Cafe am Tag nach einem Live-Konzert und einer dunklen Videothek, in deren Erwachsenenbereich vergilbte Betamax-Kassetten auf das Minutenglück der Ausleiher warten. Doch das stört niemanden. Das gehört einfach dazu. Man spürt sofort die vibrierenden Saiten der schrillen E-Gitarren, hört die rauchigen Stimmen der Rock-Legenden und taucht tief ein in eine Zeit, in der Musik noch handgemacht war, aus periodischen Schwingungen bestand – nicht aus digitalen Informationen.

Jürgen Lugerth, ein wandelndes Musiklexikon

„Die Schallplatte ist ein ernsthaftes Stück Nostalgie“, sagt Jürgen Lugerth, der hier arbeitet und der, wie passend, eine gewisse Ähnlichkeit mit Neil Young hat. Ob er ein Herz aus Gold hat, ist nicht übermittelt. Doch der Mann hat unfassbar viel Ahnung von Musik und Musikgeschichte. Er ist ein wandelndes Lexikon. Aus dem Stehgreif kann er beispielsweise die Erscheinungsjahre sämtlicher Pink-Floyd-Alben in der richtigen Reihenfolge aufzählen oder über die Lebensgeschichte des Ian Paice referieren.

Bohemian Rhapsody in Händen, Freddie Mercury im Sinn: Jürgen Lugerth ist ein außergewöhnlicher Kenner der Musikgeschichte.
Bohemian Rhapsody in Händen, Freddie Mercury im Sinn: Jürgen Lugerth ist ein außergewöhnlicher Kenner der Musikgeschichte. | Bild: Oliver Hanser

Mit diesem Wissen wird man vielleicht nicht reich, doch mit Geld kann man das sowieso nicht aufwiegen – denn es zeugt von Leidenschaft und Liebe zur Musik, die den 60-Jährigen seit Kindesbeinen begleitet. Ein Instrument hat er nie gespielt, doch er hat so ziemlich alles gehört, was irgendwann einmal gepresst wurde. Dazu hat er sich mit den Musiklegenden und ihren Geschichten befasst – auch als Journalist. Neben seinem Job im Studio 1 tingelt er noch auf Musikmessen und Börsen und kauft oder verkauft Langspielplatten. „Wir erleben derzeit einen kleinen Boom“, erzählt er. „Der Prozentsatz der verkauften Platten ist stark angewachsen. CDs werden heute seltener als vor einigen Jahren gekauft.“ Zu Beginn des neuen Jahrtausends war das noch ganz anders – die Produktion der Vinylscheiben war fast auf dem Nullpunkt angelangt und erlebte erst in den vergangenen zehn Jahren eine Renaissance.

Selbst junge Menschen werden zu Kunden

Der Bundesverband Musikindustrie veröffentlicht diese Zahlen für Deutschland: 1984 wurden 71,1 Millionen Platten und drei Millionen CDs verkauft; 2001 0,6 Millionen Platten und 133,7 Millionen CDs; 2017 wieder 3,3 Millionen Platten und 62,8 Millionen CDs. „Diese Entwicklung hilft uns natürlich beim Überleben“, sagt Jürgen Lugerth. „Heute kommen ja selbst junge Menschen zu uns in den Laden.“ Marla Helling ist so ein junger Mensch. Würde die 24-Jährige für ihr Studium im Studio 1 nicht ein wenig Geld hinzuverdienen, wäre sie trotzdem regelmäßig hier – sie liebt die nostalgischen und analogen Tonträger. „Mein Papa hat mir vor zehn Jahren seinen Plattenspieler und seine Plattensammlung vom Dachboden geschenkt“, erzählt sie. „Das erste Lied, was ich aufgelegt habe, war Psychokiller von den Talking Heads. Grandios.“ Seither knistert es zwischen ihr und den Scheiben – auch wenn sie ganz gerne digitale Musikdienste über ihr Handy nutzt, mit denen sie auf Millionen von Liedern zurückgreifen kann. „Für viele ist der ganze Aufwand bei der Platte zu groß. Digital ist schon deutlich bequemer“, wie sie erzählt.

Marla Helling und Jürgen Lugerth vor dem Studio 1. Die 24-Jährige sagt: „Mein Papa hat mir vor zehn Jahren seinen Plattenspieler und seine Plattensammlung vom Dachboden geschenkt. Das erste Lied, was ich aufgelegt habe, war Psychokiller von den Talking Heads. Grandios.“
Marla Helling und Jürgen Lugerth vor dem Studio 1. Die 24-Jährige sagt: „Mein Papa hat mir vor zehn Jahren seinen Plattenspieler und seine Plattensammlung vom Dachboden geschenkt. Das erste Lied, was ich aufgelegt habe, war Psychokiller von den Talking Heads. Grandios.“ | Bild: Schuler, Andreas

Für Jürgen Lugerth ist genau das ein Grund, warum er auf die gute alte Platte zurückgreift: „Da hat man was zum Anfassen und zum Anschauen“, sagt er. „Da kommen süße Erinnerungen an die Jugend hoch, wenn man mit Mädels zum Klang einer LP geflirtet hat. Das sind echte Zeitdokumente, an denen mein Herz hängt.“

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Die Öffnungszeiten des Studios 1 passen sich übrigens den Kunden an: Montag bis Freitag von 12 bis 19 Uhr sowie jeden Samstag von 11 bis 18 Uhr. „Wer bei uns gerne kauft, schläft auch gerne etwas länger“, erklärt Jürgen Lugerth und lacht. „Wir sind so etwas wie eine Oase für die seltsamsten Kerle.“ Doch nicht nur die für Langschläfer freundlichen Öffnungszeiten sind ein Magnet für Fans – auch die fairen Preise und die Rabatte, die die Mitarbeiter gerne gewähren. „Bei uns geht es halt freundschaftlich und sozial zu“, sagt Jürgen Lugerth. Wer Platten hört, kann kein schlechter Mensch sein. Freddie Mercury und Lemmy Kilmister hätten das bestätigt. Bestimmt.

Jürgen Lugerth weiß, welche Scheibe er wo finden kann.
Jürgen Lugerth weiß, welche Scheibe er wo finden kann. | Bild: Oliver Hanser