Am Montag vor einer Woche wollte das Kreuzlinger Bezirksgericht über einen Einspruch zu einem Fall von erschlichenen Aufenthaltsbewilligungen verhandeln. Der Beschuldigte, ein Berliner Unternehmer, erschien nicht. Mittlerweile ist auch klar, warum: Der 51-jährige Deutsche sitzt in Deutschland in Untersuchungshaft.

Das berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe. Der Mann hatte 2018 Tennis-Star Boris Becker einen Diplomatenpass der Zentralafrikanischen Republik vermittelt. Becker erhoffte sich damit Vorteile in seinem Insolvenzverfahren.

Gemäß Informationen des „Spiegel“ wurde der Berliner Geschäftsmann, der sich im Kreuzlinger Fall auf diplomatische Immunität beruft, bereits am 30. August in Berlin verhaftet. Anscheinend ermittelt eine Antikorruptionsabteilung der Staatsanwaltschaft München gegen den Mann.

Erschlichene Aufenthaltsbewilligungen für Nicht-Schweizer

Die Kreuzlinger Staatsanwaltschaft beschuldigt den Deutschen der Täuschung von Behörden. 2013 soll er für vier Nicht-Schweizer Aufenthaltsbewilligungen erschlichen haben. Dazu soll er Arbeitsverträge im Namen fingierter Firmen angefertigt haben. Zudem soll er als Wohnsitz seiner Angestellten eine Adresse in Kreuzlingen angegeben haben – wohlgemerkt für alle dieselbe.

Vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen ist der Berliner Unternehmer, der derzeit in Deutschland in Untersuchungshaft sitzt, wegen mutmaßlich erschlichenen Aufenthaltsbewilligungen angeklagt.
Vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen ist der Berliner Unternehmer, der derzeit in Deutschland in Untersuchungshaft sitzt, wegen mutmaßlich erschlichenen Aufenthaltsbewilligungen angeklagt. | Bild: Andrea Vieira

Als Adresse wurde ein bereits abgebrochenes Haus angegeben

Die Gesuche wurden damals beim Einwohneramt Kreuzlingen eingereicht. Dessen Leiterin Margrit Ernst erklärt, wie das im Normalfall abläuft: Die Gesuchsteller müssen einen vom Arbeitgeber unterschriebenen Arbeitsvertrag einreichen, einen Fragebogen zum Job ausfüllen, einen Mietvertrag vorlegen sowie sich ausweisen. Das Einwohneramt prüfe nur auf Vollständigkeit, nicht auf Inhalt. Die Kopien der Unterlagen würden dann ans kantonale Migrationsamt weitergeleitet, welches die Bewilligung ausstelle.

Die vier Personen, die – offenbar unrechtmäßig – die Aufenthalts­bewilligung erhielten, leben mittlerweile offiziell nicht mehr in Kreuzlingen. Die angegebene Adresse in einem Wohnquartier im Ortsteil Kurzrickenbach existiert nicht mehr. Das Haus wurde abgebrochen.

Schweizer Vergehen wohl eine Bagatelle im Vergleich zu deutschen Vergehen

Das Vergehen könnte den Beschuldigten insgesamt rund 4500 Franken kosten. Vermutlich ist das ein kleines Übel im Vergleich zu dem, was ihm in Deutschland droht. Von „schwerem Betrug“ ist dort die Rede, von einem ganzen Netzwerk an Ausweisbeschaffern, Hochstaplern und Pleitiers.

Um erkaufte Diplomatenpässe afrikanischer Staaten in großem Stil geht es bei dem Verfahren in Deutschland. Durch den damit erhaltenen Diplomatenstatus ist der Ausweisbesitzer immun vor Strafverfolgung.
Um erkaufte Diplomatenpässe afrikanischer Staaten in großem Stil geht es bei dem Verfahren in Deutschland. Durch den damit erhaltenen Diplomatenstatus ist der Ausweisbesitzer immun vor Strafverfolgung. | Bild: DPA

Die Masche mit den Beraterpässe, um Immunität zu erlangen

Immer wieder besorgen sich Geschäftsleute Diplomatenpässe und diplomatische Dienstausweise besonders armer afrikanischer Staaten und verschaffen sich so diplomatische Immunität, um sich der Justiz zu entziehen. Auch im Kreuzlinger Verfahren um die erschlichenen Aufenthaltsbewilligungen beruft sich der angebliche „Prof. Dr.“ auf seinen Diplomatenstatus. Er sei Berater des Außenministers von Sao Tomé e Principe, einem afrikanischen Inselstaat mit rund 200.000 Einwohnern.

Boris Becker über Nacht Diplomat

Der Beschuldigte hatte auch seine Finger mit im Spiel, als Boris Becker 2018 über Nacht zu diplomatischen Ehren der Zentralafrikanischen Republik kam – Becker dachte, das könnte ihm im Insolvenzverfahren nützlich sein. Auf seinem Twitter-Account postete der Berater ein Bild, das ihn mit Becker und dem Botschafter des afrikanischen Staates in Brüssel zeigt.

Der Tennisstar Boris Becker während des Trainings der Deutschen Mannschaft in Brisbane, Australien, beim Davis Cup letztes Jahr.
Der Tennisstar Boris Becker während des Trainings der Deutschen Mannschaft in Brisbane, Australien, beim Davis Cup letztes Jahr. | Bild: Darren England
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Diplomatenausweise für eine halbe Million Euro

Laut den Recherchen des „Spiegel“ ist das nicht das einzige Mal, dass der Deutsche anderen zum Diplomatenstatus verhalf beziehungsweise diesen in Aussicht stellte. Der Berater sagt in einem Video, das auf YouTube abrufbar ist, selbst, dass es afrikanische Amtsträger gebe, die bereit seien, für eine halbe Million Euro Diplomatenausweise auszustellen.

Auf einen solchen könnte es auch ein Millionärssohn im Hinterthurgau abgesehen haben. Wie es in der „Spiegel“-Recherche heißt, wurde ein auf seinen Namen ausgestellter Diplomatenpass gefunden. Dem ehemaligen Händler von Luxusautos droht Gefängnis, weil er zwecks Versicherungsbetrugs 2014 in Augsburg einen Ferrari in die Luft sprengen ließ. Möglich, dass auch er sich mit dem Diplomatenpass vor einer Verhaftung schützen wollte.