„Ich werde 45 im November“, sagt Thomas Gabele und grinst, „eigentlich bin ich doch langsam zu alt für so was.“ Der Konstanzer meint dabei nicht seinen Job als Vermessungstechniker der Stadtwerke, der ihm das tägliche Brot sichert. Gabele spricht über sein Hobby Kampfsport, das ihm zwar kein Geld, dafür aber Ruhm und Ehre bringt, und in dem er im fortgeschrittenen Athletenalter gerade sein erfolgreichstes Jahr bestreitet.

Thomas Gabele sitzt in den Räumen des Budo Circle im Konstanzer Industriegebiet und erzählt von seinen sportlichen Anfängen. Wie er als Schüler von Eishockey über Judo bis Kung-Fu alles ausprobiert, aber nichts wirklich intensiv machen will. „Dann habe ich sämtliche Kampfsportarten als Hobby betrieben, aber nie wettkampforientiert“, sagt Gabele – der ganz plötzlich und unverhofft zweifacher Deutscher Meister wird und nun bei der Weltmeisterschaft in Jamaika startet.

Sport als Ausgleich zum Alltagsstress

Der Konstanzer versucht nie, den Erfolg zu erzwingen und seine Karriere auf Pokale und Medaillen auszurichten, wie sie hier in den Trainingsräumen zwischen Sandsäcken, Kraftmaschinen und Boxringen stehen. Vielmehr ist der Sport für ihn willkommener Ausgleich zum Job. „Am Abend bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe oder auf einen Sandsack eindreschen darf. Nur Fitnessstudio ist mir aber zu langweilig“, sagt Gabele, der irgendwann beim Budo Circle landet.

„Natürlich habe ich mich auch bei ersten Turnieren probiert, aber mehr schlecht als recht. In den letzten Jahren bin ich dann immer ruhiger geworden, habe viel und vielseitig trainiert, aber keine Wettkämpfe bestritten“, sagt der Konstanzer, der seit mehr als zehn Jahren Kickboxer ist und auch selbst als Trainer am Ring steht.

Vom Trainingshelfer zum Sieger der German Open

Eines Tages will sich eine Trainerkollegin auf die Schwarzgurtprüfung vorbereiten. „Das ist alleine fast unmöglich“, sagt Gabele, der sich als Unterstützung anbietet. „Ich habe ihr ein Jahr lang geholfen und fast täglich mit ihr trainiert. Wir haben uns gegenseitig hochgepusht“, erklärt der 44-Jährige.

Als das Duo nach München fährt, wo die German Open des Verbandes WAKO stattfinden, startet Thomas Gabele kurzerhand selbst. „Nur Betreuer zu sein, war mir zu langweilig“, sagt der Konstanzer, der überraschend Zweiter wird. Der unerwartete Startschuss für eine erfolgreiche Laufbahn.

Ein Konstanzer im Nationalkader

Während Freya Schrietter längst ihr Ziel Schwarzgurt erreicht hat, bekommt Thomas Gabele auf einmal nicht mehr genug vom Wettkampfsport. Der Erfolg treibt ihn an. Der Konstanzer tritt zum Teil gegen Konkurrenten an, die seine Söhne sein könnten. Er schlägt sie alle und gewinnt 2017 und 2018 die Deutsche Meisterschaft des Verbandes ISKA gleich zweimal in Folge. Auch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. „Dann wurde ich fürs Nationalteam nominiert“, sagt Gabele, der in diesem Juli bei den US Open in den USA die nächste Herausforderung sucht.

„Ich wollte nur gesund zurückkommen“, erinnert sich Gabele an den Start beim Wettkampf in Orlando, der sich laut dem Konstanzer „das weltgrößte Turnier mit mehreren tausend Teilnehmern“ nennt. Und im Superschwergericht der Kämpfer über 94 Kilogramm heißt der Sieger im Pointfighting auch in Florida – Thomas Gabele. Und der steht nun vor dem größten Highlight seines Kampfsportlebens. „Die US Open waren Vorbereitung auf Jamaika“, sagt Gabele, der vom 12. bis 15. September bei der ISKA-Weltmeisterschaft in Montego Bay mit Handschuhen und Kopfschutz bei den Masters und der offenen Klasse in den Ring steigt.

Vielseitigkeit ist seine große Stärke

Einmal auf der Welle des Erfolges unterwegs, ist der Konstanzer kaum zu bremsen. „Dieses Jahr ist schon intensiv und zeitaufwendig“, sagt er, „ich bin fast jedes Wochenende unterwegs auf Lehrgängen.“ Dort ist Gabele sowohl Schüler als auch Lehrer – und blickt dabei gerne über den Tellerrand der eigenen Sportart hinaus. „Ich gehe auch mal zu einem Thaibox-Lehrgang, boxe hier im Verein oder mache Yoga zum Runterkommen. Diese Vielseitigkeit ist auch Grund, warum ich zuletzt so weit gekommen bin“, weiß Gabele.

In diesem Jahr will der Konstanzer „alles mitnehmen, was geht. Jamaika ist das Highlight. Nächstes Jahr wird deutlich ruhiger“, verspricht Thomas Gabele, der allerdings weiß, dass noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist. „Das sage ich jedes Jahr“, sagt er und lacht, „ich höre eigentlich immer wieder auf.“

Alles rund ums Kickboxen

Kickboxen ist eine Kampfsportart, bei der das Schlagen mit Füßen und Händen wie etwa im Karate oder Taekwondo mit dem herkömmlichen Boxen verbunden wird. Im Kickboxen gibt es verschiedene Verbände und Gewichtsklassen. Wir stellen diejenigen vor, in denen der Konstanzer Thomas Gabele startet.

  • Verbände: Der Konstanzer Thomas Gabele ist zweifacher Deutscher Meister der World Association of Kickboxing Organizations (WAKO), die mit 126 Landesverbänden der größte internationale Fachverband im Kickboxen ist. Vom 12. bis 15. September startet der 44-Jährige zudem bei der Weltmeisterschaft der International Sport Karate Association (ISKA) in Jamaika in der offenen Klasse (ab 18 Jahren) und bei den Masters (über 36 Jahre). Die Welttitelkämpfe finden in der 110000-Einwohner-Stadt Montego Bay im Nordwesten der Karibikinsel statt.
  • Gewichtsklassen: Thomas Gabele steigt im Superschwergewicht, der Gewichtsklasse für Kämpfer über 94 Kilogramm, in den Ring. „Ich habe fast immer 100 Kilo“, sagt der Konstanzer, der im Gegensatz zur leichteren Konkurrenz somit nicht ständig auf die Waage schauen muss, um unter einem bestimmten Limit zu bleiben.
  • Wettkampfarten: Thomas Gabele startet in den Kampfarten Pointfighting und Leichtkontakt, in denen die Amateure mit Kopfschutz und Handschuhen antreten. Zuletzt hatte er im Pointfighting auch die US Open in Orlando gewonnen. „Es heißt zwar Leichtkontakt, aber bei 100-Kilo-Kämpfern sind die Schläge sehr selten leicht und es gibt viele K.o.“, sagt der 44-Jährige, der sich selbst schon öfter die Nase gebrochen hat. Nicht aus bösem Willen, sondern, weil die Gegner oft schlicht die Wucht ihrer Schläge nicht bremsen können. Beim Leichtkontakt wird meist auf Matten gekämpft. Das Ziel ist es, mit sauberen und gut kontrollierten Techniken explosiv und kraftvoll mit leichtem Kontakt mehr Treffer als der Gegner zu erzielen. Leichtkontakt ist technisch und konditionell sehr fordernd und anspruchsvoll. Im Pointfighting liegt das Hauptaugenmerk auf Schnelligkeit und Technik. Der Wettkampf sollte mit gut kontrolliertem Kontakt durchgeführt werden. Die Kampfzeit beträgt in beiden Disziplinen zwei oder drei Runden à 2 Minuten.