So ein Blutegel hat es nicht leicht. Sein Ruf ist durchaus nicht als positiv zu bezeichnen, die Palette der negativen Adjektive lang: von ekelhaft über widerlich bis hin zu pfui Teufel. „Dabei ist das ein so sensibles Tierchen“, sagt Andreas Schlegel. „Und außerdem hilft er uns gerne beim Kampf gegen Krankheiten.“

Seit 45 Jahren im Gesundheitswesen

Andreas Schlegel weiß, wovon er spricht. Seit 45 Jahren ist er im Gesundheitswesen tätig – in der Krankenpflege, als Physiotherapeut oder als Heilpraktiker. Seit einigen Jahren bietet er Blutegeltherapie an, seine Praxis ist in der Niederburg beheimatet.

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Er nimmt für diese Therapie eines dieser glitschigen Tierchen und setzt es auf die kranke Stelle oder in die unmittelbare Nähe davon – etwa bei entzündlichen Erkrankungen des Venensystems, Krampfadern und Hämorrhoiden oder Thrombosen, Arthrosen, Tennisarmen, Kopfschmerzen und Tinnitus. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Nach zwei Stunden ist der Durst gestillt

Pro Mahlzeit saugen die Egel etwa acht bis zehn Milliliter Blut aus dem gestauten Gewebe. „Nach etwa zwei Stunden fällt er von selbst ab. Mit Gewalt sollte man den Egel niemals entfernen, da sich sonst das Gewebe entzünden kann“, sagt Andreas Schlegel.

Blutung als Teil des Heilungsprozesses

Nach dem Abfallen blutet die Wunde bis zu 24 Stunden nach. „Das ist für den Heilungsprozess sehr wichtig und darf nicht gestoppt werden. Wichtig ist, dass der behandelnde Arzt die Wunde anschließend gut beobachtet und häufig den Verband wechselt“, sagt der Experte.

Enzyme mit heilender Wirkung

Was zunächst gewöhnungsbedürftig und nicht wirklich einladend klingt, hat einen mittlerweile auch von der Schulmedizin anerkannten Grund, wie der Konstanzer Fachmann erklärt: „Im Speichel des Blutegel befindet sich ein Enzymcocktail, dessen Bestandteile schmerzlindernd, entzündungshemmend, immunstimulierend und blutverdünnend wirken“, sagt Andreas Schlegel.

Die Blutegel sind schnell und akrobatisch unterwegs. Sobald sie eine Möglichkeit sehen, zapfen sie die Haut an auf der Suche nach dem begehrten Blut.
Die Blutegel sind schnell und akrobatisch unterwegs. Sobald sie eine Möglichkeit sehen, zapfen sie die Haut an auf der Suche nach dem begehrten Blut. | Bild: Oliver Hanser

„Hirudin zum Beispiel gehört zu den Wirkstoffen des Blutegels, die als eigenständiges Arzneimittel in der Medizin eingesetzt werden. Hirudin hemmt die Blutgerinnung und wird auch zur Behandlung des Herzinfarkts eingesetzt.“ Ein weiterer Wirkstoff, Calin, hemme ebenfalls die Blutgerinnung und bewirke eine Reinigung der Wunde durch Nachbluten.

Entzündungshemmend und schmerzlindernd

„Es kommt zu dem bekannten, sanften Aderlass“, so Andreas Schlegel. Auch die Enzyme Egline und Bdelline wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd. Die im Speichel enthaltenen Wirkstoffe werden mittlerweile in Salben und Gelen aufbereitet und laut Ärzteblatt mit großem Erfolg bei entzündlichen Erkrankungen des Venensystems wie Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt.

Allgemeinmedizinerin rät zur Offenheit

Allgemeinärztin Ines Ahlhelm aus Litzelstetten sieht keinen Grund, diese Therapie grundsätzlich abzulehnen: „Früher hat das ja offensichtlich auch schon funktioniert“, sagt sie. „Wenn eine Krankheit nicht lebensbedrohlich ist, sehe ich keinen Grund, warum man das nicht ausprobieren sollte. Ich habe noch nicht gehört, dass es ernsthafte Probleme geben würde.“

Wichtig in ihren Augen: „Patienten, die unter Blutarmut leiden, sollte das nicht machen. Ansonsten wäre ich als Patient locker und offen dieser Therapie gegenüber.“

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Gesetzliche Kassen zahlen (noch) nichts

Ein Problem, das so manchen davon abhalten könnte: Kassen übernehmen die Kosten für eine Blutegeltherapie nicht. Ralf Kremer, Versicherungsfachmann und jahrelang Regionalgeschäftsführer der Barmer, erklärt: „Noch zählt die Blutegeltherapie nicht zur gesetzlichen Kassenleistung. Doch bei Aussicht auf Heilungserfolg beschäftigt sich der Bundesausschuss damit, ob sie aufgenommen wird.“ Akkupunktur sei früher ebenfalls nicht anerkannt gewesen, „doch dann wurde sie für fünf Jahre probeweise aufgenommen und heute wird sie teilweise übernommen“, wie der Konstanzer sagt.

Hochkulturen praktizieren seit Jahrhunderten mit Egeln

Vor rund 100 Jahren wurde die Blutegeltherapie von der Schulmedizin mehr und mehr verbannt – und als Scharlatanerie abgetan. „Dabei haben Hochkulturen wie Ägypten oder China jahrhundertelang damit praktiziert und auch Erfolge gehabt“, wie Andreas Schlegel berichtet. Langsam bahnt sich der Blutegel den Weg zurück in die Heilkunde – und wird mittlerweile auch wieder von der Schulmedizin anerkannt.

Strenge Richtlinien bei der Züchtung

Seit einigen Jahren werden auf zwei Farmen in Deutschland medizinische Blutegel gezüchtet – nach strengen Richtlinien des Gesundheitsamtes. „Der Egel in freier Natur steht mittlerweile unter Naturschutz und darf nicht gefangen werden“, so Andreas Schlegel. „Das sagt doch auch etwas über den Stellenwert des Tieres aus.“

Auch Schulmediziner nutzen Blutegel

Seit den achtziger Jahren findet er in der Unfall-Chirurgie immer mehr Beachtung. Wenn sich beispielsweise nach einer Transplantation von Gliedmaßen zu viel Blut- und Lymphflüssigkeit in den Venen staut, setzen Ärzte Blutegel an der betroffenen Stelle an, um den Rückfluss des gestauten Blutes und der Lymphe zu erleichtern.

Der Biss schmerzt nicht, er pikst

Die Akzeptanz bei den Patienten, sagt Andreas Schlegel, werde immer größer. „Viele müssen sich zwar beim ersten Ansetzen der Blutegel überwinden“, erzählt er lächelnd. „Doch einmal angesetzt, ist alles gut. Die Blutegel halten sich mit Saugnäpfen an der Haut fest. Mit winzigen Zähnchen ritzen sie die Haut des Menschen fein ein. Der Biss wird von den Patienten nicht als Schmerz, sondern lediglich als leichtes Piksen empfunden. Da die Egel vor dem Biss die Haut betäuben, tut das nicht weh.“

Andreas Schlegel und der Egel: Auf dem Zeigefinger des Heilpraktikers tümmelt sich das Tier, mit dem der Experte viele Krankheiten bekämpft.
Andreas Schlegel und der Egel: Auf dem Zeigefinger des Heilpraktikers tümmelt sich das Tier, mit dem der Experte viele Krankheiten bekämpft. | Bild: Oliver Hanser

Die Egel sind immerhin als medizinisches Mittel anerkannt – daher dürfen sie auch nur einmal angesetzt werden. „Danach kommen sie ins Gefrierfach. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Früher gab es so genannte Gnadenteiche, doch das wurde leider ausgenutzt und die Tiere erneut angesetzt. Daher muss man sie nach der Therapie aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen töten.“ Nein, so ein Blutegel hat es wirklich nicht leicht.

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